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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-04 · 35 (4.9.1891) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
35 (4.9.1891)
Date
1891-09-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 642 Orsterrrichifche Wochenschrift Nr. 35 eines in Todesangst Ringenden klingt es, Mark und Bein erschütternd: „St. Gennaro! St. Gennaro!" Der Priester mit dem Blut ging schon seit einer Stunde, stets von vorn beginnend, von Mann zu Mann, drückte das Heilige an die heißen Stirnen, das Licht ward beständig daran gehalten, die Weiber schrieen, heiser und heiserer: San Gennarot Faccela, faccela, la grazia, San Gennarino, mio bello (erweise sie! die Gnade, heiliges Gennarchen, mein Schönster!, San Gennaro, bello, bello, bello!“ Durch Mark und Bein drang uns der Ton, Auf dem Altar stand unbeweglich die vergoldete Büste, in welcher sich der Schädel befinden soll. Nun begann auch das übrige Volk in die Gebete einzustimmen, und selbst aus den entferntesten Domhallen ertönte das Wort: „San Gennaro! Grazia! Grazia!“ Dem Wink eines Priesters folgend, führte uns einer der zahlreich vorhandenen behelmten Gensdarmen durch die Volksmasscn hindurch zur Barriere des Hochaltars im Dom, und dorthin folgte alsbald die feierliche Priesterprocesfion, voran die Heiligenbüste, zuletzt die kreischenden, schweißbedeckten Betweibcr. Hier ging es nun ebenso her; der Priester mit dem Blut von Stirn zu Stirn gehen, das Licht dicht am Glase. Die Weiber schrien und das Volk betete, ringsumher sah ich Weinende, der alte Priester murmelte: „8 duro!“ (er ist hart). Hinter dem Priester sahen wir einen Kustoden mit einem bedeckten Handkorb. Der greise Priester sah besorgt nach dem Blute, zuckte die Achseln; es dauert eine ganze Stunde. Da sein Gesicht erheiterte sich, noch ein Blick auf die Fläschchen, und triumphircnd halt er das Gefäß in die Höhe und ruft: II miracolo e fatto!‘ und zugleich öffnete der Kustode seinen Korb, dem zwei weiße Tauben entfliegen, als Zeichen für die Fernstehenden. Jubel im Dom, mächtiger Orgelklang, Kanonenschüsse in der Stadt. Der Priester ließ uns durch die Scheibe sehen, und wir erblickten in dent Fläschchen eine dieselben halb füllende, dunkle flüssige Masse. Das Orakel lautete also heilbedentcnd für die nächste Zukunft von Stadt und Land. Ein Verharren des Blutes im festen Zustande würde unsagbares Unheil bedeuten. Am 4. Mai des Jahres 1889, abends um 8 Uhr brachten Kanonenschüsse der Stadt die erfreuliche Nachricht, daß St. Gennaro sein Wunder vollbracht habe, indem sein Blut flüssig wurde. Am folgenden Tage konnte man dieselbe Nachricht in den Tagesblättern lesen." Es ist begreiflich, daß dieses Blutwunder, welches die Gläubigen von ganz Italien mit Wonne und Schauer erfüllten/ uud eine derartige Popularität erlangte, daß Benedict XIVin seiner Schrift „De sacra Dei eanonisatione“, um die Wahrheit der Wunder zu beweisen, auf das Blutwundcr St. Gennaros sich beruft, welches „ganz Italien und den Erdenkreis als Zeugen" habe — in den Augen strenggläubiger und fanatischer Protestanten ein stetes Aergerniß bildete, welche deswegen dieses Wunder auf allerlei Art weg zu disputiren versuchten, wie z. B. ein sicherer Dr. G. F a u n e r aus Gotha. Wie die Acta sanctorum berichten, begleitete letzterer im vorigen Jahrhundert den Herzog von Sachsen-Gotha nach Neapel und zu Ehren des letzteren vollbrachte St. Gennaro zur außergewöhnlichen Zeit sein gewöhnliches Wunder. Dabei gerieth nun der biedere deutsche Doctor sehr in Harnisch und gleich darauf fand zwischen ihm und dem Kanoniker Hector Papirius eine öffentliche Disputation statt, die uns in genannter Acta sanctorum referirt wird. Dr. Fauner behauptete kühn und frei, daß der leibhaftige Teufel dies Mirakel wirke! Er wurde von seinein katholischen Gegner selbstverständlich rviderlegt und die frommen Neapolitaner hängen an diesem Wunder mit solcher Inbrunst, daß wenn, was Gott behüte, einmal das Blut des heiligen hart bliebe, so wäre das ein Anzeichen drohenden Unglückes, kommender schwerer Katastrophen,, denn St. Gennaro ist erzürnt! Als Garibaldi am 7. September 1860 in Neapel unter dem Jauchzen der Bevölkerung und dem Murren des Clerus, sowie der Aristokratie. einzog, war der Tag des Blutwunders, welches dreimal im Jahre gemacht wird, nämlich der 19. September. Der genannte Diktator hielt es für nöthig, daß das Wunder rasch und pünktlich vor sich gehe und ließ Soldaten aufmarschiren und eine Batterie ausiahren. Alles ging nach Wunsch und St. Gennaro hielt es für angemessen, sich nicht in die Politik zn mischen. Als im Jahre 1799 die Franzosen 'Neapel besetzt hatten,' und der französische General mit seinem Stabe und einer dicht gedrängten Volksmasse dem Borgange des Blutwunders beiwohnte, blieb das Blut hart und die Bolksmasse erfaßte Grimm gegen die Franzosen, überzeugt, daß St. Gennaro den Franzosen feindlich sei; da schickte der General dem fungirenden Priester ein Billet, auf welchem geschrieben stand: „Wenn das Blut nicht binnen zehn Minuten flüßig wird, so lasse ich Sie füsiliren." Binnen zehn Minuten rief der erschrockene Priester: „II miracolo e fatto!“ In der That, das Blut ward flüßig. Lesefrüchty. Der Prinz von Wales und die rnffischen Juden. Unter der Ueberschrift „Besser als Baccarat" schreibt die „Pall Mall Gazette": Daß der Prinz von Wales von Zeit zu Zeit seine Muße in den Dienst philantropischer Bestrebungen stellt, im Stillen zwar, aber deshalb nicht weniger energisch, geht aus der Mittheilung hervor, welche wir zu unserer Freude heute veröffentlichen können, einer Mittheilung, welche auch die häufig so falsch ausgedeutete Freundschaft des Prinzen zu ausgezeichneten Israeliten in einem günstigen Licht erscheinen läßt. Die ganze jüdische Gemeinde wird die Mittheilung mit aufrichtigem, warmen Danke entgegennehmen. Nachstehend ein Auszug aus dem Briefe eines Korrespondenten in Rußland, welcher in der Lage ist, mit Autorität sprechen zu können: „Es ist nicht in weiteren Kreisen bekannt, daß der Prinz von Wales nach einem eingehenden Studium der russischen Judensrage sich zum Besten der russischen Juden in so ausgedehnter großartiger Weise verwendet hat, daß Se. königliche Hoheit Anspruch aus die Dankbarkeit jedes Juden in Europa und Amerika besitzt. Die Frage ist eine außerordentlich delikate, da Rußland in Hinsicht auf seine inneren Angelegenheiten eine übertriebene Empfindlichkeit an den Tag legt. Es war dem Prinzen deshalb nicht möglich, direkte Schritte zur Besserung der Lage der russischen Juden zu unternehmen. Der Prinz von Wales hat indessen indirekt und in einer Weise, welche auch bei dem reaktionärsten Beamten keinen Anstoß erregen konnte, die Bemühungen unterstützt, welche jetzt zum Besten der armen nothleidenden hebräischen Bevölkerung in Rußland unternommen werden. Von wohlunterrichter Seite erfahre ich, daß der Prinz von Wales die ganze Frage mehr als einmal mit Herrn Arnold White durchgesprochen und die Prinzessin von W ales welche mit ihrem Gemahl in der Angelegenheit Hand in Hand geht, Herrn White mit Empfehlungsbriefen an den russischen Hof ausgerüstet hat, welche die Lösung der Frage wesentlich erleichtern dürften. Es werden sehr viele Unwahrheiten über den Prinzen von W ales verbreitet, während seine vielen Handlungen, welche nicht allein Herzensgüte, sondern auch Weisheit verrathen, unbekannt bleiben. Es ist nicht mehr als billig, wenn die Juden

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