Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 35 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 35 Orsterreichischr Wochenschrifl, Seite 641 als Pa ronus der Stadt und de) Ükeiches Neapel zu betrachten und das Fest dieses neuen Schutzheiligen mit allen dem Hanptpatron schuldigen Prärogativen zu feiern sei. Sie Dominikaner jubelirten, aber zu srnh. Zwischen ihnen und den Neapolitanern kam er zu einem erbitterten Streit, der schließlich vom Papst entschieden wurde. Zuerst verfügte derselbe, daß St. t^ennaro nur Patronus der Stadt sei, Ale ran der VII. aber gab nach und die litterae apostulieae vom 20. März 1665 setzten St. G eunaro als den Nei bsbeschützer wieder auf den Dhron. Mau stellte zur Zeit der Bourbouenkönige den Ant ag, St. Cennaro zum wirtlichen Ceneralkapilän der Armee zu ernennen. Sie Ausführung s beiterte, als es sich um die Frage handelte, aus welcher Klasse die Gage für denselben fließen sollte. Als der von den Franzosen zeitivcilig vertriebene König Ferdinand ein Reich im Fahre 1799 wiedererlangte, war der erste, an welchem er seinen Rachezoin ansließ, kein anderer als St. Gennaro. Cs geschah etivas, was noch nie einem Heiligen begegnet ist. Ferdinand erklärte in einem Sekret: „Weil St. Gennaro geduldet hat, daß man seine Statue mit der republikanischen Trikolore bekleidete, so ist derselbe hiermit der Stellung eines Protektors der Stadt und des Reiches enthoben!" Dies Sekret rvar natürlich fruchtlos und bis zur Stunde hat der Heilige bei seinem Volke dieselbe Stellung, lvelche er seit Jahrhunderten behauptete. Während andere Heilige nur zeitweilig Wnnkee wirten, wiederholt sich das große Blntwunder des St Gennaro alljährlich zu bestimmten Zeilen und seine Wunder haben die Bedeutung eines heiligen Orakel?. In einer im September 1841 von Gennaro Recitano gehaltenen Rede— Text das Blich Judith Cap. 15: „Du bist die CH re Jerusalems, die Freude Israels, der Glanz unseres Volkes" — heißt es wörtlich! „Unser Patronlis befreit u> s nicht nur von gegenwärtigen Hebeln, er sagt uns vielmehr auch die zukünftigen voraus, damit wir rechtzeitig Vorsichtsmaßregeln treffen. Dies hat die Erfahrung unserer Vorfahren genügend gezeigt. Zeigt sich das Wunderblut beim Flüssigwerden sehr roch, so zeigt der Heilige damit euren Krieg an- Ein starkes Aufwallen des Blutes bedeutet einen Ansbruch des Vesuv, fließt cs stark, so bedeutet cs viel Regen, bleibt es lange h a r t, so wissen wir, daß die C r n t c s ch l c ch t sein wird. Ein harter Körper im Blut, weissagt schweres Unheil, bleiche Farbe des Blutes, deutet aus kommende Pest, wenn es aber mit klarer Farbe, lebhaft schäumend, flüssig wird, so ist dies die Weissagung glücklicher Zeiten. O du glückliches Neapel! Dies Blut deines Patconus ist wie der siebenfarbige Regenbogen, welcher den Friedensbund anzeigte, es ist jenem Strom der Apokalypse gleich, welcher die Gottesstadt beglückt, dies Blut macht uns zu dem Volk, von welchem Fesaias sagt, daß es wohnt im Haus des Friedens, in den Hütten der Sicherheit. Sei gegrüßt allmächtiger Beschützer, glorre eher St. Gennaro, blicke gnädig auf diese Stadt, beweise ferner deinen huldreichen Schutz. Diese Stadt ist dein, erhöre ihr Gelübde, dann wird sie dich grüßen als Ruhm der Kirche, als Freude der Religion, als Ehre des Vaterlandes." Die alljährliche Feier dieses Blntwunders ist überaus kennzeichnend für unseren Gegenstand und bietet uns ein Bild von der im Volke lebenden Vorstellung über die Wunderkraft des heiligen Blutes. Ein Augenzeuge, welcher am 4. Mai des Jahres 1889 dem Blutritual des St. Gennaro zu Neapel beigewohnt schildert dieselbe in nachstehender Weise: „Die Dompfonen öffnen sich, die Prozession tritt ins Freie. Voran das Kreuz, daun Kleriker, dann die Musik, daun paienbruderschasten in laugen weißen Gewändern, und jetzt inner einem seidenen Baldachin St. Gennaro, nämlich seine ani vergoldeter Basis getragene silberne vergoldete Halbbüste, bekleidet mit goldgesticktem Mantel, angethan mit einer über und über von den kostbarnen Edelsteinen besetzten Bischofsmütze, um den Ha's Ketten des kostbarsten Geschmeides. ..Durch dichtgedrängte, wogende Volksmassen hindurch bewegt sich die Prozession mir St. Gennaro. dem obersten Patronus der Stadt, zier Kirche St. Chiara. ..Gegen siins Uhr setzte sich vom Dom aus eine Riesenprozession in Bewegung, welche heutzutage schwerlich irgendwo ihresgleichen sindet. Die einnndvierüg übrigen Slrdtpatrone Neapels müssen sich gleichsalls nach Sr. Chiara begeben, wo üch der katroung priveipalis befindet. Cinundvicrzig Silber Hatbstatuen werden aus vergoldcren Basen von Mitgliedern der Kongregatioilen getragen. Der Klerus der Stadr, das Domcapitel, viele Bruderschaften, Zahlreiche Mnsikbanden, unabsehbare Voiksmasseu berheiligen sich au diesem heiligen Zuge, der sich durch dichtgedrängte Hausen, von zahlreicher Schutzmannschaft begleitet, langsam 'ortbewegt. „Kommt ein großer, allgemein verehrter Heiliger, so rust man laut den Namen desselben, man grüßt und winkt, man bezeugt seinen Respekt. Dort kommt St. Biagio (Blasius) der Heilige sür Kehlleiden. Zahlreiche Ruse: 0 mio eure», mio belloi Ich sah eine Mutter, die ihr Kind dem Santo zeigte und ries: Heile mir meinen Knaben! Der Heilige geht weiter, sein Bischo'shul neigt sich! ob er die Bitte jener Mutter erfüllt? Cr thur ja so viele Wunder, wie alle Votivsignren in seiner Kirche beweisen! — Sr. Amonio, St. Antonio! Müller zeigen den Kindern diesen großen Heiligen, deisen Fest der ganze Lüden kennt, t^rüße, Winke, aus den Fenstern, ein Regen von Blumen, der den Santo bedeckt. 8t. Antonio fatemi la grazia! so hörte ich einen älteren Mann rnsen. Der Heilige ging weiter, der Mann riet im Dialekt den alltäglichen Gruß nach: 8t. Antonio, statove bnon, d. h. gehabt euch wohl! — Manche Heilige gehen unbeachtet vorüber, Sr. Agonino mit seiner Mutter Moniea, Sr. Alhanasio, St. E.nilio, St. Rosa, aber dorr St. Pasgnale! — das ist ein berühmter Heiliger, ihn kennt und nennt tausendfältig die Schaar neapolitanischer Mädchen, welche gern das Brautgeschmeide anlegen möchten. Den Beschluß der Prozession bildet ein Baldachin, unter demselben der Crzbischos, welcher das Palladium der Stadt trägt, nämlich ein vergoldetes Gesäß mit dem Blutsläschchen des S r. Gennaro. Mit losendem Lärm drängen die Bolksmasscn hinterher. „In St. Chiara bleibt der Crzbischos mit seinem Klerus: er stellt das genannte Palladium aus den Altar und setzt sich selbst auf den Lhron. Das Murmeln der Gebete beginnt, die versammelten Menscheniiianen nehmen daran thcil. Zu gleicher Zeit nahm ein älterer Priester ans jenem Tabernakat ein wie eine Handlaterne geformtes, mir eine n Griis und an zwei Seiten mit runden Glasscheiben versehenes Geiäß, ebenso kunstvolle Goldschmiedearbeit, legte die an den Griff befindliche silberne Keile um seinen Hals, hielt das Geiäß hoch in die Höhe, und winkte dann uns Ehrengäste zur Besichtigung heran. Durch jene Glasscheiben hindurch sahen wir im Innern jenes Gesäßes zwei Fläschchen von verschiedener Größe, an deren Innenseite eine dunkle, sestsitzendc Masse deutlich zu erkennen war. Der Priester drehte das Gesäß, um uns zu zeigen, daß jene dunkle Maise (das Blut des Heiligen) sich in sesteni Zustande befinde. Zur Büste des Heiligen s dessen Schädel in dem Lilberhauple eingeschlossen ist) hingewendet, wurden die Gebete der Weiber lauter. iminer lauter, ich verstand aber nur den Refrain: „St. Gennaro! St. Gennaro!" dann ging der Priester mit dem Blutgefäß zur Barriere, an welche das Publikum sich herandrängte und ließ jeden Einzelnen, so weit er das Gesäß reichen konnte, hineinsehen. ein zweiter Priester hielt an die Hintere Glasseite ein Licht. — Das Gefäß wurde Jedem an die Stirn gedrückt, das Glas von Jedem geküßt. — Lauter werden die Gebete! — Der Priester sängt mit dem Zeigen wieder an, die Andächtigen schauen, verehren, küssen, die betenden Weiber schreien! Hart, durchdringend, entsetzlich, wie aus dem Munde