Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 35 (4.9.1891)
- Date
- 1891-09-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 640 Orsterreichifchr Wochenschrift. Nr. 35 „Es wurde hiernach ermittelt, daß im Jahre 1890 in den einzelnen Kreisen der Provinz folgende Zahl von Arbeiterwohnungen leer standen: Kreis Allenstein 133, Braunsberg 119, Pr. Cylau 365, Fischhausen 76, Friedland 287, Gerdauen 141, Heiligenbeil 54, Heilsberg? Pr. Holland 222, Königsberg (Land) 23, Labiau 96, Memel 42, Mahlungen 173, Neideuburg 412, Ortelsburg?, Osterode 127, Rastenburg 248, Rössel 75, Wehlau 314, Augsburg 327, Darkehmen 359, GoÜmp 92, Gumbinnen 171, Heydekrug 68, Insterburg 348, Johannisburg 98, Lötzen 195, Lyck 208, Niederung 154, Oletzko 270, Pillkallen 208, Ragnit 152, Sensburg 224, Stallupönen 204, Tilsit 46. Gesammtzahl der leerstehenden Arbeiterwohnungen 6015. Abgesehen davon, daß in vorstehender Zusammenstellung Angaben aus den Kreisen Heilsberg und Ortelsburg fehlen, läßt sich annehmen, daß auch in den übrigen Kreisen die Zahl der leerstehenden Wohnungen zur Zeit größer, als angegeben ist, theils weil die gemachten Angaben nicht überall vollständig erstattet sein werden, theils weil bei dem letzten Umzugstermin wiederum ein nicht unbedeutender Abzug von Arbeiterfamilien stattgefunden hat. Ferner geht aus den gemachten Angaben hervor, daß in den letzten fünf Jahren 36.375 Personen aus der Provinz ausgewandert sind". „Zum baltischen Centralverein gehören die Kreise Anklam, Demmin, Ueckermünde, Usedom-Wollin, Franzburg, Greifswald, Grimmen, Rügen und Stralsund. Die Arbeiterverhältnisse in diesen Kreisen werden von dem „Jahresbericht" des Centralvereins als recht traurige geschildert. Auf den Gütern fehlen nicht nur Knechte, Hausmädchen und Hofgänger, sondern es zeigt sich auch Mangel an Taglöhnern, so daß häufig Katenwohnungen an freie Arbeiter vermiethet werden, um dieselben nicht leer stehen lassen zu müssen. Für das Sommerhalbjahr werden männliche und weibliche Arbeiter in großer Anzahl aus Preußen und Posen herangezogen, theils um bei dem vermehrten Hackfruchtbau, als besonders dafür geschickt, verwandt zu werden, theils um die überhaupt fehlenden Arbeitskräfte auch im Gesindedienst zu ersetzen. — Die Landleute machen sich gegenseitig ohne Bedenken Konkurrenz und entziehen sich durch Mehrgebote die für den Sommer oder für die Ernte angenommenen Arbeiter." Ferner sei erwähnt, daß nach Mentzels und Lengerke's Land- und Forst-Kalender 1891, II. Theil, viele Preußische Domänen pachtfrei werden und zwar pro 1892 im Ganzen 40 Domänen von 40—900 Hectar, im Jahr 1893 im Ganzen 46 Domänen von 30—1300 Hectar Flächeninhalt in den verschiedensten Regierungsbezirken. Wenn man die Klagen über Auswanderung von Arbeitern, überhaupt über Arbcitermangel hört, so sollte man glauben, es müßte unter den obwaltenden Verhältnissen hoch willkommen fein, wenn es die Patrone der russischen Israeliten fertig bringen könnten, die Colonie nach Deutschland zu leiten, beziehungsweise als Gesammtpächter oder als Käufer aufzutreteu, und untergleichzeitigen rationellen wafferwirthfchaftlichen Einrichtungen einen genossenschaftlichen Betrieb durch die Colonisten zu organisiren, der dauernd bessere und sichere Erträge erwarten läßt. Gewiß wäre ein solches Vorgehen mit musterhaften Betrieben, deren Durchführbarkeit noch immer bezweifelt wird, obgleich die Klagen über häufig wiederkehrende, bald durch Hochwasser, bald durch Wassermangel und Dürre verursachten Elementarschäden nie verstummen, vom bestem Einflüsse auf unseren gesammten Landwirtschaftsbetrieb. Gute Beispiele bleiben aber nie unbeachtet, und der Verfasser hat gerade zu den russischen Emigranten, deren Willenskraft und Ausdauer im Unglücke sicher gestählt wurden, das beste Vertrauen, daß sie die hier empfohlenen wasserwirthschaftlichen Musterbetriebe in Genossenschaft präcis durchführen und auch unterhalten werden. Ob unser Vorschlag aber von deutscher Seite willfährig ausgenommen rvird, ist freilich sehr zu bezweifeln, und so mögen sich unsere antisemitischen Gegner seinerzeit ihre Beispiele von wasserwirthschaftlichen Musteranlagen in Palästina holen?) Den dortigen Colonisten aber entbieten wir unter herzlicher Theilnahme unseren freundlichen Gruß mit dem innigen Wunsche, daß sie ihre Thätigkeit mit der Schaffung eines rationellen Wasserhaushaltes und einer rationellen Wasserwirthschaft beginnen . und alle ihre Unternehmungen genossenschaftlich angreifen, durchführen und unterhalten möchten. PWMBl. Das Blutritual des St. Gennaro in Neapel. St. Gennaro, der oberste Schutzheilige der Stadt Neapel, zählt zu den ruhmreichsten Heiligen in ganz Italien, sein Cultus überstrahlt den anderer Heiligen nicht blvs durch das hohe Alter, sondern auch durch den Glanz und Prunk, welchen die Kirche ihm und seinem Feste verleiht. Die exceptionelle Stellung, der hohe Rang dieses Heiligen ist an sich allein eine Art Wunder, denn während der Zeit seines Lebens hatte dieser Heilige keine Wunder vollbracht, wenigstens wissen die kirchlichen Chronisten von ihm nur das zu berichten, daß er als Märtyrer starb. Lange nach seinem Tode beginnt seine Ruhmeslaufbahn, er verrichtet unzählige Wunder und wird der Wohlthäter Neapels. Sein in einem Fläschchen gufbewahrtes vertrocknetes Blut, welches alljährlich an seinem Feste durch ein Wunder flüssig wird, ist ein sicheres Schutzmittel gegen Krankheit, Pest und Seuche, gegen Hnngersnoth, Krieg und protestantische Ketzerei, ein untrügliches Zeichen, daß der Himmel dem Menschen wohlgesinnt ist. Welch hohes Ansehen St. Gennaro infolge seiner alljährlich sich erneuernden Blutwunder in den höchsten und niedrigsten Kreisen des katholischen Volkes erlangt hat, zeigt ein Blick in jene Gemächer seiner Kirche, welche als Bewahrungsort dienen für die Schätze, welche dem Heiligen im Lauf der Jahrhunderte von Königen und Fürsten geschenkt wurden. Dort sieht man eine Menge von golddurchwirkten Gewändern, von goldenen und silbernen Gefäßen, von Kreuzen, die mit Edelsteinen besetzt sind. Eine der größten Kostbarkeiten schenkte die Stadt Neapel im Jahre 1713, als damals wieder einmal die Pest wüthete. Es ist eine Mitra, welche bei festlichen Gelegenheiten auf die Büste des Heiligen gesetzt wird. Hierzu kommen Halsbänder von Perlen, Kandelaber von massivem Silber und einzelne kostbare Steine. Die beiden letzten Gaben stammen vom König Umberto und seiner Gemahlin. Es sind dies zwei kostbare Kreuze, besetzt mit Brillanten, welche das königliche Paar dem St. Gennaro darbrachte, als König Umberto dem Dolch des Passanante entgangen war. Von allen Fürsten, welche in Neapel regierten, haben die Bourbonen den Heiligen am meisten geehrt und Karl HI. errichtete 1738 sogar einen Orden, der den Namen des Heiligen trug und vom Papste mit vielen Privilegien ausgestattet wurde. Aber auch die Heiligen haben ihre Schicksale. Als die Dominikaner in Neapel zu einem hohen Einfluß gelangt, wollten sie ihren Stifter St. Dome nieo auf den Thron des Schutzheiligen der Stadt heben. Auf ihren Antrag verfügte Urban VIII. im Jahre 1640, daß St. Domenico *) Die in Franken an der Rednitz und Regnitz Lestehenden Wasserschöpfräder, welche zur Bewässerung dienen, sollen aus der Zeil der Kreuzzüge stammen, und hätten also aus Egypten über Palästina ihren 'Weg nach Deutschland gefunden.