Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-08-28 · 34 (28.8.1891) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
34 (28.8.1891)
Date
1891-08-28
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020882--00654-3024654
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Oestrrreichische Wochenschrift. Nr. 34 Seite 631 Und das war so gekommen: Schaselbauer's sehnlichster Wunsch war stets mit einem Schlage ein reicher Mann zu werden. Seine bisherigen Einnahmen genügten ihm nicht mehr, obwohl jeder andere Antisemit damit sein anständiges Allskommen gefunden hatte Er war daher hocherfreut als ihm ein Gesinnungsgenosse eine Gelegenheit in Aussicht stellte, bei der sich über Nacht ein Vermögen holen ließe. Schaselbauer's Freund hatte nämlich ein jüdisches Bankgeschäft auskundschaftet, dessen Oertlichkeiten einen ungestörten Einbruch ungemein begünstigten. Um Mitternacht drangen die Beiden, mit den nothwendigen Werkzeugen ausgerüstet, in das Comptoir. Unerwarteterweise war aber der Chef gerade an diesem Lage länger in seinem an das Cassenzimmer angrenzende Bureau verblieben und stürzte, durch den Lärm aufgcschreckt, in das Local. Er fand eben noch Zeit, eininal laut um Hilfe zu rufen, da ihm Schaselbauer im nächsten Augenblicke bereits sein Schnappmesser in den Leib rannte. Schaselbauer und sein Complice stoben. Die Morgeublätter brachten ausführliche Berichte über den verwegenen Einbruch und nach» wenigen Tagen waren die Strolche in den Händen der Polizei. Der „Moniteur für Racenhaß" brachte aui Tage nach der Verhaftung folgende Notiz: (Abermals ein Opfer des jüdischen Eapitales.) Wir haben wieder den Verlust eines nuferer strammsten Gesinnltngsgenosscn zu beklagen. Der in antisemitischen Kreisen als unverfälschter Arier allgemein geachtete Herr I n g o m a r Schaselbauer fiel gestern a's ein Opfer des goldenen Kalbes eben in dem Momente, da er, getreu unseren Grundsätzen, das jüdische Capital bis auf's Messer bekämpfte. Wie lange soll das christliche Volk noch gleichgiltig zusehcn, wie Tag für Tag seine besten Söhne durch jüdisches Geld zu Grlinde gerichtet werden?! Spenden übernimmt jederzeit mit bestem Danke die Schriftleitung. Der hohe Aristokrat hatte während dieser Zeit auf seinen Gütern geweilt und war — da er bald an einer Schnitzeljagd auf dem Gute eines Verwandten, bald an einem Tanb.mschießen auf der Besttzung eines Freundes beiwohnte, heute eine große Fuchshetzc auf seinem eigenen Gute und morgen eine kleine Judenhetze in der benachbarten Stadt arraugirte - nie dazugekommcn sein Leibblatt gründlich zu lesen. Er durchblätterte nur flüchtig den politischen Theil und ignorirte die Rubrik: „Tagesbericht" gänzlich. Auf diese Weise hatte er erst durch Schaselbauer's eigenhändiges Schreiben von dessen Schicksal Kenntniß erhalten. Nach Erhalt des Briefes schritt der hohe Aristokrat eine geraume Weile gedankenvoll in seinem Zimmer auf und ab. Plötzlich klingelte er feinem Sectretär. „Christof", sagte er zu dem devot Eintretenden, „Christof, hier haben Sie meine Visilkarte, fahren Sie sofort nach Stein, lassen Sie sich Herrn Jngomar Schaselbauer vorführen und sagen Sic ihm, ich wäre bereit, ihm von dem Tage seiner Entlassung an eine lebenslängliche Rente von monatlich 100 Gulden auszuwerfen, wenn er sich schriftlich verpflichtet, mich nicht mehr zu erkennen. Haben Sie verstanden?" Der Secretär verbeugte sich schweigend. Der hohe Aristokrat zündete stch eine Cigarre an und blies feine Ringelwölkchen in die Luft. Bei der Thüre angelangt, verbeugte sich der Secretär nochmals ehrfurchtsvoll. Der hohe Aristokrat nickte mit dem Kopfe und sagte: „Servus!" Wie Wendele verknfchefl*) wurde. M endete hatte seine vollen dreißig Jahre auf dem Rücken und war noch ledig. Das zählte zu den Todsünden in der Gasse. Und diese strenge Aufsassung von den Pflichten des Mannes war nur gerecht, denn die Statistik der Gasse, die damals allerdings noch keine amtliche Martrikelführer hatte, aber in Gelle Glockein lebendiges Zivilstandsregister besaß, wies ohnehin eine Ueberzahl der Mädchen gegen die jungen Männer aus, und wenn nun auch von diesen noch einige zur Ehelosigkeit neigten, wie sollteir die armen Mädchen an Mann kommen? Man löste ein Hauptstück der socialen Frage durch die Verachtung, mir der man nnverhcirateten Männern begegnete. Meine lieben Galanthaer überrrafen darin noch die Spartaner, bei denen Hagestolze mitten im Winter durch den Schnee waten mußten, wobei sie sich höchstens einen Schnupsen hollen daß ihnen dann die schwarze Suppe nicht schmeckte, während der Hagestolz in Galantha vieler Ehren in der Synagoge ver,ustig war, die Zutritt zu den religiösen Symposien gewährten, die aus Süßigkeiten und Leckerbissen bestanden, wie z. B. bei einem Barmizwah oder der Feier bei Verleihung des Chower- oder Morene-Titels. Warum ist aber Mendete so lange ledig geblieben? Wollte er eine Millionärstochter heiraten? (Erstens war in Galantha und weit und breit kein Millionär zu finden, und zweitens verdiente er gar nicht der Schwiegersohn eines Millionärs zu werden, denn er war zwar lhätig und sparsam, aber doch nur ein armer Junge. Es wären viele standesgemäße Parlhien für ihn da gewesen. Am besten hätte zu ihm Hannele gepaßt, ein elternloses armes Mädchen, das auch nicht mehr ganz jung war und der Gemeinde viele Sorgen machte, daß es für immer sitzen bleiben werde. Die einflußreichsten Personen bemühten sich, dieses Paar zusammenzubringen, aber Mendele wollte an keine Heirath denken. Religiöse, so iale, wirthschaftliche Gründe — alles war vergebens. Er lachte nur satanisch, wenn man ihm vom Heirathen sprach. Inder glücklichsten Junggesellensiimmnng erwachte Mendele eines Tages, an dem just in der ganzen Gasse eine fröhliche Aufregung herrschte. Der Vorsteher verheirarhete seine einzige rochier und die ganze Gemeinde war zu dem Festmahle geladen, weiches in dem Kastelle des eine halbe Stunde entfernt gelegenen Gutes, dessen Pächter der Vorsteher war, abgehalten werden sollte. Mendele war ein (Geschäftsfreund des Vorstehers. Dieser betrieb nämlich einen Großhandel in Rohprodukten und Mendele pflegte als Hausirer in den Dörfern derartige ProducE von den Bauern einzutanschen und verkaufte sie dann dem Vorsteher. Erst einige Tage früher befand sich Mendele in einer solchen Geschäfisangelegenheir im Magazin des Vorstehers und wurde von ihm, nach einer väterlichen Strafpredigt über seine beharrliche Weigerung in den (Ehestand zu treten, zu dem bevorstehenden Familienfeste eingeladen. Mendele fühlte sich von dieser directen Einladung nicht wenig geschmeichelt, und heute an diesem großen Tage war sein erster Gedanke auch in's „Schloß" hinauszupilgern, wo alle Welt versammelt sein wird. Aber Mendele war, wie alle alten Junggesellen, sehr eitel in seiner Toilette, wenn es einem öffentlichen Erscheinen galt. Der Hcmdkragen mußte tadellos weiß. Rock und Hose streng geputzt und geglättet sein uub die Stiefeln mußten glänzen, daß man sich darin spiegeln konnte. Damit brachte er bis Nachmittag zu. Dann stopfte er sich noch seine echt Chemnitzer Tabakspfeife und machte sich auf den Weg. Auf dem Schloß hatte das Fest schon seinen Höheprurkt erreicht, als Mendele daselbst ankam. Im großen Hofe promeuirle ein Theil der Jugend paarweise singend und untereinander schlickernd, ein anderes Paar wieder sprang und tanzte, während Gruppen „Einschichtiger" auf den (Grasplätzen lagerten und die Zuschauer abgaben. Mendele lenkte aber seine Schritte direkt in den Speisesaal, wo er stürmisch begrüßt wurde. „Mendele! Mendele!" reichte man ihm von allen Seiten das Glas entgegen, „Lcchaim! Lechaim!" Und Mendele konnte nicht unhöflich sein und trank Jedem tapfer zu, obwohl er sonst niemals außer zum Kiddusch trank. Würdevoll setzte er sich dann zu Tische. Nach einiger Zeit mußte er schon gegen Ueblichkciten kämpfen, und um sich vor dieser ihn so ehrenden (Gesellschaft keine Blöße zu geben, schützte er eine wichtige Geschäftsangelegenheit vor, die ihn nöthige, nach Hause zu gehen. Der Vorsteher drückte ihm die Hand, und mit der witzigen Bemerkung: „für Weib und Kinder!" steckte er ihm in die eine Rocktasche eine Flasche Wein und in die andere einige Riesenstücke Kuchen, und nach noch einigen Lechaim-Schlücken verließ er den Saal. Cs war bereits Abend geworden. Mendele schwankte durch den noch immer belebten Hof. Auf der Straße drehte sich schon Alles um ihn herum. Er war sehr heiler gestimmt. Alles, was er nur ansah. reizte ihn zum Lachen. Der Weg. auf dem er sich ziemlich mühsam fortbewegte, die Wiesen mit ihren Gräsern und Blumen, kurz alle Gegenstände, die ihn umgaben, schienen ihm zuzulächeln und er glaubte sogar, die Bäume und Srtäucher ranzen zu sehen. Die Arme in die Seiten gestemmt, den Hut im Genick, schritt er langsam vorwärts und sang ans voller Kehle alle die wehmülhigen *) Berhert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.