Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 34 (28.8.1891)
- Date
- 1891-08-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 624_Oesterreichifchr Wochenfchrist Nr. 34. großen Nüchternheit der Juden in Speise und Trank. Sie ist es, welche ihnen zum großen Theil die Ueberlegenheit über die europäischen Völker bisher gesichert hat. Sie bleiben geistig und körperlich srisch und haben alle ihre Kräfte zur freien Verfügung." Ein Gleiches bestätigte Prof. Virchow vor mehreren Jahren auf der Naturforscher-Versammlung in Straßburg. Paris, am 19. August. Am 21. August vollendete Joses Derenbourg das 80. Jahr seines thatenreichen und ruhmvollen Lebens. Er ist ein Deutscher von Geburt, und wanderte nach Paris, wo er ein großes Feld wissenschaftlicher Thätigkcit für seinen reichen Geist und seine umfassende Gelehrsanrkeit fand. Was seine dcu sche Heimat ihm nie gewährt hätte, besonders in früheren Jahren, ward ihm in Frankreich zutheil. Er wurde zum Professor ernannt und zum Mitglied des ,.Institut“ gewählt. Gleich Munk verbindet er deutsche Gründlichkeit mit französischer Formengewandtheit und Klarheit. Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind hervorragend. Er erweiterte die wissenschaftliche Erkenntnis der talmudischen Literatur und zeichnete sich als Bearbeiter jüdisch-arabischer Werke aus. Die Revue des Etudes juives zählt ihn zu ihren fleißigsten und bedeutensten Mitarbeitern. Im hohen Lebensalter beschäftigt ihn die Herausgabe der arabischen Werke des Gaon Saadja bcn Josef zu dessen 1000. Geburtstage, der im Jahre l892 eintreten wird. Josef Derenbourg wurde in Main; am 21. August 1811 geboren und erhielt von seinem Vater den ersten Unterricht in der hebräischen Sprache. Da er sich zum Rabbiner ausbilden wollte, besuchte er neben dem Gymnasium auch die Talmudschule des damaligen Mainzer Rabbiners. Dann studierte er in Gießen und Bonn, wo Geiger, Hirsch und Freuds darf seine Kollegen waren, und promovirte an erstercr Universität. Hierauf nahm er eine Erzieherstelle in einem reichen Hause in Amsterdam an, wo er etwa fünf Jahre blieb, bis er 1839 zu dauerndem Aufenthalt nach Paris ging. Dort lag er mit großem Fleiß dem Studium der orientalischen Sprachen ob und leitete daneben eine höhere jüdische Unterrichtsanstalt, die er selbst begründet und bis 1864 geleitet hat. 1867 wurde D. Mitglied des Instituts, wo er als Nachfolger Eoussin de Percevals in die Akademie der Inschriften ausgenommen wurde. Im Jahre 1876 erhielt er den Lehrstuhl der orientalisch n Sprachen an der Ecole praticjue des liautes etudes. S'it vielen Jahren ist er Mitglied des Vorstandes der Alliance rmd des französischen Central - Consistoriums. Derenbourg der ein Onkel des berühmten Rechtslehrers Heinrich Derenbourg und des früheren Chefredakteurs der „National-Zeitung" Friedrich Derenbourg ist, hat seit fünfzig Jahren unermüdlich auf verschiedenen Gebieten Hervorragendes geschaffen. Er hat die Fabeln des Lokman, die Makamen des Hariri, die verschiedenen hebräischen Versionen der Kalila we-dimna, die grammatischen Werke des Abulwalid, die arabischen Schriften von Maimonides u. v. A. herausgegeben. Sein Hauptwerk ist der „Essai de l’histoire et de geographie de la Palestine“ nach dem Talmud und anderen rabbinerischen Quellen. Die französischen Orientalisten, die Juden in Paris, die Gelehrten, welche für die talmudische und die arabische Literatur sich interessiren, verehren diesen Meister und Veteranen der Wissenschaft, und wir wünschen Herrn Josef Derenbourg dem Ruhm unseres Volkes, neue Körperkraft und Geisteefrische im Interesse der Wissenschaft und zum Glücke seiner Familie, deren Mitglied, der Sohn des Jubilars, Professor Hartwig Derenbourg, ein ausgezeichneter Arabist ist! London. Im Julihefte des „Asiatie Quarterly“ veröffentlicht Rev. Hermann Gollancz einen Artikel über „Die Lehre von der Arbeit nach dem Talmud". Verfasser bringt in demselben eine interessante Sammlung bekannter Aussprüche, welche die hohe Achtung zeigen, in welcher bei den Rabbinen das Handwerk stand und führt einige Beispiele - an, wie berühmte Gesetzeslehrer ihr Dasein durch Beschäftigung mit dem Handel oder einem Handwerke fristeten. — Wir zweifeln jedoch, ob die technische Erziehung nach heutigem Beg iffe dieselbe ist, tvelche der Talmud gemeint haben kann. Anderseits sehen wir aber auch wieder, daß die jüdischen Schulen zu den ersten gehören, welche in jüngster Zeit die neue Idee von dem Handfcrtigkeitsunterricht zu der ihrigen gemacht haben. Die Hochachtung vor der Arbeit fehlte auch den Juden des Mittelalters nicht, als die hervorragendsten Rabiner und Schriftgelehrten, welche ohne Entschädigung ihre freie Zeit der Gemeinde widmeten, ihr Dasein durch irgend eine Beschäftigung, z. B. „Arzneiwissenschaft" zu fristen suchten. Spinoza's jüdische Erziehung ließ ihn den Beruf cims Mechanikers ergreifen, rmd inan tvürde vielleicht erstaunen über den hohen Preis, der heute für ein echtes, aus seiner Werkstatt hervorgegangenes LinseniBrillen i-Glas bezahlt werden würde In keinem Falle beklagt man sich auch in England darüber, daß der Jude ein Müßiggänger ist, sondern vielmehr darüber, daß er fleißig ist bis zum Erccß. Sollte dennoch Jemand an dem alten Vorurtheilc fcsthalten, so wird Herrn Gollancz' Schrift sicher dazu beitragen, diese) Vorurtheil zu verscheuchen. Petersburg. (Alexander III. als Kronprinz in seinem Verhältniß zu den Juden.) Bekanntlich veröffentlichte im Jahre 1882 ein Russe, Namens Liantostansky, verschiedene Pamphlete, in welchen er die Juden schrecklich verleumdete und behauptete, bestimmt zu wissen, daß sic zur Feier ihres Osterfestes sich des Christenblutes bedienten. Herr Liantostansk) war moralisch nichts besser als alle anderen Judenfeinde. Sein Charakter war arg compromittirt und er selbst als Schurke und Fälscher entlarvt. Durch besonderen Einfluß von hoher Stelle wurde auf die Behörden dahingewirkt, ihn wegen der verübten Vergehen nicht zu verfolgen. In Folge der Bemühungen des Herrn Zeder bäum, Herausgebers eines in Petersburg erscheinenden hebräischen Blattes, wurde aber Liantostansky dennoch endlich verhaftet. , Durch bcigebrachtc Beweise wurde er vielfacher Verbrechen beschuldigt, in Folge deren Sibirien ihm in Aussicht stand. Um der Schande zu entgehen, legte er, alle Warnungen von hoher Stelle unberücksichtigt lassend, verschiedene von dem heutigen Czar.n an ihn gerichtete Schreiben vor, in welchen dieser die Schriften Liantostanny's aufs Wärmste empfahl und ihn ermunterte, das begonnene Werk fortzusetzen, d. h. die Massen gegen die jüdische Bevölkerung aufzureizen. Solche Aenßerungen von ihrem dercinstigen Herrscher setzten natürlich die jüdische Bevölkerung.