Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-08-28 · 34 (28.8.1891) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
34 (28.8.1891)
Date
1891-08-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020882--00644-3024644
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 34 Oesterreichifche Wochenschrift. Seite 621 kampfes — es war in Idealismus, wenn er auch schnöde mißbraucht wurde — findet man fein Wort der Anerkennung. „Die Verwüstungen im Volksleben", so heißt es weiter, „waren erschreckende zumal das jüdische Volk diesen Taumel gross zu ziehen suchte und aller Trien Zwiespalt und Streit säete, um selbst im Trüben zu sischen. Religiöse Ersurcht ging mehr und mehr verloren, sittliche Pflichten schien cs iin öffentlichen reden nicht mehr zu geben. Ja es sollte dem deutschen Volke die Schmach nicht erspart sein, daß zweimal ein Mordversuch gegen seinen Heldenkaiscr unternommen wurde. Das wurde die Stunde des Erwachens. Aber es hatte schon zu viel Kraft verloren, und die Fesseln laueren zu schwer, als daß es sich auf einmal hätte aufrichten können. Aber man sah doch den Feind, man erkannte doch die vernichtenden Folgen der Gottlosigkeit, Selbstsucht und Zwietracht, und diese Erkenntniß kam zum unmittelbaren 'Ausdruck in dun Gefühl des Gegensatzes echt deutschen Wesens zilm jüdischen. Eine Massenpetition an den Reichstag um energische Zurückdammung des jüdischen Einflusses wurde auch die Geburtsstuiide der studentischen Bewegung." Der Heroldsruf dieser Bewegung, heißt es weiter, habe dann dazu beigctragen, der wenige Bionate später erscheiueudcn kaiserlichen Botschaft den Weg zu bereiten; „waren wir doch die testen, welche die Botschaft als eine Klippe, an der die alten Parteien über kurz oder lang zerschellen müßten, freudig begrüßten, und datür einen Dank nuferes geliebten Kaisers empfangen dursten." Das ist ja die reine mythologische Geschichtsbetrachtung in bereit Picht sich die jungen Akademiker sonnen. Man muß es ihrer Jugendlichkeit zu gute halten. Alan suhlte sich als „das geistige Leibregiment der Hochuzollern". Ja als was suhlte man sich nicht? Die Studenten schwelgten förmlich in patriotischen und nationalen Gefühlen, die ganze Skala vom andächtigen Schwärmen bis zum Hurrahrufcn hindurch. „Gefühl ist Alles, Name ist Rauch und Schall." Nun wohl, sie soll schärmen, die deutsche Jugend. ES verlangt Niemand von ihr klare Erkenntniß der politischen und wirthschasllichen Entwicklung der letzten Jahrzehnte, eS verlangt Niemand, daß sie die Persönlichkeiten ihres Kultus mit dem Auge des Geschichtsforschers oder Berusspolitikers ansieht, — a b e r ihr Gefühl soll doch nicht befleckt sein von blinde m P a r t e i -- u n d R a s s e n h a ß! Und wo dieser Ueberschwang des nationalen Gefühls sich einmal in Thaten umsetzt, da zeigt sich'S, daß der Idealismus jener „Leibgarde" zum ordinären A n t i s e m i t i s m u s wird. „In frischem, offenem Geisterkampse", so rühmte einer der Redner, „reinigte man die akademischen Vertretungen in Lesehalle und Ausschuß von undeutschen Elementen". Das sind die „Geisteskümpse" dieser begeisterten Akademiker! Wo solche Bewegungen in der deutschen Studentenschaft Boden haben und mancher Begünstigung sich erfreuen, — da ist es wahrlich kein Wunder, wenn andere Studenten für ihren Idealismus Bahnen suchen, welche sehr weil ab von den Pfaden dieses Begeisterungs-Deutschlhums liegen, wenn ein überhitzter Chauvinismus internationalen Bestrebungen den Weg ebnet. Der oben angeführte Brief deutscher Studenten an ihre Brüsseler sozialistischen Kommilitonen ist ein Zeichen der Zeit, ein Warnngsruf für alle besonnenen Patrioten, daß man über die nothwendigen Folgen chauvinistischen Uebereiscrs innerhalb der Studentenschaft nicht im Unklaren bleiben soll. Der Brüsseler Sorialistenrongretz Und die Judenfrage. Brüssel, 16. August. Unter den zum internationalen Arbeiter-Eongreß hierhergekommenen Delegirten befindet sich auch ein Vertreter der jüdischen sozialistischen Sektionen aus Nordamerika, der Redakteur der jüdisch-deutschen Arbeiter-Zeitung^ Abraham Cahane (Newyork). Die jüdischen Sektionen, die sich über einen großen Theil Nordamerikas erstrecken, bestehen aus russischen und österreichischen Altswanderern, denen es, nachdem sie durch die großen Verfolgungen zumeist alle ihre Habe verloren hatten, mit vieler Mühe gelungen ist, sich in Nordamerika wieder eine Eristenz zu schaffen. Diese Leute haben sich der sozialdemokratischen Bewegung angeschlossen; da sie aber zumeist nur jüdisch-deutsch verstehen und auch nur diese Schrift lesen können, so haben sie eigene Sektionen und eine jüdisch-deutsche Zeitung gegründet. Diese Sektionen haben beantragt, daß der Kongreß zu der Zudcnsrage Stellung nehme. Für das Bureau wählten die deutschen Delegirten Singer-Berlin (Präsidenten); die Deutsch- Desterreicher: Dr. Adler. Die österreichischen und preußischen Polen, sowie die in Frankreich und England lebenden polnischen Emigranten werden im Bureau durch den bekannten Nihilisten Mendelssohn aus Warschau, verlreten sein. — Der Bericht über die sranzösisch-sozialistisch-revolurionäre Arbeiterpartei äußert sich über die Iudensrage folgendermaßen: „Da die einzige Religion der bewußten Arbeiter die Solidarität der Menschheit ist, betrachten wir jedes Unternehmen, das das Ansachen des Religions- und Rassenhasses zum Zweck hat, als barbarisch rmd dem sozialen Fortschrilt hinderlich. Es kommt der Arbeiterpartei zu, vor dem Proletariat der Welt die Narren und Schufte an den Pranger zu stellen, welche sich unter einander erwürgen unter dem Vorivand des Antisemitismus. Der einzige Feind des Volkes ist der aus beutende Kapitalismus reserwiren wir ihm alle unsere Streiche." — Zur Debatte des internationalen Arbeiter-Congresses über die Iudensrage sind noch folgende interessante Details nachzutragen. Kahane sein junger, bartloser Mann, offenbar kaum 25jährig, gelbes mageres Gesicht mit intelligentem Ausdruck: die Augen sind in Folge einer Schwäche der Lidnerven fast gaitz geschlossen; mächtige Stimme, breite eisektvolle Gesten»: Ich protestire zunächst dagegen, daß ich allein hergekommen als Jude, um über die Beschwerden der Juden zu sprechen. Ich bin als Arbeiter hergekommen, um Arbeiter zu reprüsenüren und mit Arbeitern zu sraternisiren. < Beifall.» Ich rveiß wohl, daß es unter Ihnen eine Iudensrage ebenso wenig gibt, als es eine Militärsrage unter Ihnen gibt. Denn der Socialisurus I kennt keine Soldaten. Ebenso aber wie die gegenwärtige Simation Sie zur Diskussion der Milirärsrage zwingt, so zwingt dieselbe Sie auch zur Diskussion der Iudensrage. Die beiden Programmpunkte, welche sich in der Tagesordnung des Kongresses auf die Juden- und die Militärfrage beziehen, haben viel Gemeinsames. Die Sozialisten und gegen den Krieg. Die Iudensrage aber ist nicht) Anderes als ein Krieg, der in verschiedenen Landern bereits ausgebrochen ist. Ich frag Sie nun: welche Stellung wollen Sie diesem Kriege gegenüber einnehmen? In Rrtßland wird in der letzten Zeit das Möglichste gethan, um das Volk gegen die Juden auszuhetzen, (gestern haben Sie ihre Sympathien für die in London sinkenden Schreiner ausgedrückt. Es ist demnach nur eine Folge Ihres gestrigen Vorgehens, wenn ich Sie auffordere, Ihre Sympathien für die Juden auszudrücken, die verfolgt und gedrückt sind, wie jene strikenden Arbeiter, nur daß sie beständig gejagt und gehetzt werden, beständig arm und elend und. Sie haben sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.