Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 34 (28.8.1891)
- Date
- 1891-08-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 620 Orsterrrichische Wochenschrift Nr. 34 dazu noch nmerdings in der Schweiz ein Proceß Scazziga in Belgien demnächst ein Proceß Becker-Balcke! In dem schweizerischen Proteste handelt es sich um großartige Unterschlagungen, welche der vormalige tessinische Staatskassierer Scazziga begangen hat, indem er Staatsgelder zum Börsenspicl verwandte. Wenn beim Bochumer Fall mehrsach ulttamontane Summen die Verderbtheit der Nationalliberalen für die Vorkommnisse verantwortlich machen, können hier die liberalen darauf Hinweisen, daß der Angeklagte ein strenger Katholik ist. Sein Verhör hat bisher Unglaubliches ergeben. Unter anderem behauptet der Angeklagte, fast sammtliche tessinische Regierungsangestellte hätten von seinen Spekulationen gewußt, der frühere Regierungspräsident Pedrassini habe ihm sogar selbst Werttitel verkauft und mit eigenen Augen zugesehen, wie er zur Bezahlung derselben das Geld aus der Staatskasse genommen. Seit 1880 war keine Kasseninspection mehr vorgenommen worden. Man begreift nun, wie der ungetreue Beamte im ganzen für 700 Millionen an der Börse spielen konnte, und der Eantou Tessin, kann ftoh sein, daß der Fehlbetrag nur etwa anderthalb Millionen beträgt. Bei einigen Zahlenlisten, die man unter d?n Papieren Scazz'gas fand, standen die Buchstaben B. Y. 8. P. Y. 1 v. H. Gefragt, was das b.'deute, anttvortele er, er habe Gelübde gelhan, der Madonna bei Sasso < Locarno - 1 v. H. zukommen zu lassen, wenn ihm das Glück hold seidie Buchstaben bedeuten: Beata Yergiue del Sasso. per voto. — In dem bereits genannten belgischen Falle Becker-Balcke handelt es sich vornehmlich um die Anklage, daß der Hauptmann der Eongo- Tnippe, Becker, eine Reihe von Verbrechen in Afrika begangen habe, insbesondere beschuldigt ihn Lieutenant Valcke, er habe einen Mordversuch auf den Kommandanten der Karema-Station Raumackers gemacht. Ueberdies werden von allen Seiten schwere Anklagen gegen die gesammte Congo-Verwaltung erhoben, ivelche hier einen argen Eindimck machen. Der amerikanische Oberst Williams sandte dem Könige Leopold II. von Belgien eine Denkschrift, worin er erklärt, ein längerer Aufenthalt int Congogebiete habe ihm die Ueberzeugung üeigebracht, daß der König von seinen Eongobeamten schnöde bettogen ivorden. Dieselben betteiben fast ausnahmslos selbst den Sclavcnhandel, kaufen und verkaufen Frauen, und stecken den für die sansibaritischen Soldaten bestimmten Sold in die Tasche, wofür sie den letzteren gestatten, die Negerdörfer nach Belieben zu plündern. Die Anklagen des Obersten Williams lauten sehr bestimmt und lassen sich mit einer allgemein gehaltenen Ablcugnung nicht abthun. In dem Bochumer Proceß ostenbart sich die ganze Fäulniß jener „nationalen" Gesellschaft, in deren Mitte die Gistblüthe des Antisemitismus zur Reife kam. Besitzer und Direktoren der Bochumer Eisenwerke haben alljährlich den Staat nicht blos um Millionen durch zu wenig entrichteter Steuern bettogen, sondern auch mit Hilfe gefälschter Marken und Stampiglien schlechte, schadhafte „geflickte" Schienen als echte und brauchbare geliefert, und durch dieses gewissenlose Spiel, um den Profit zu steigern, die Sicherheit und das Leben des reisenden Publicums den schwersten Gefahren ausgesetzt. Der Oberherr des Bochumer Eisenwerkes war ein „nationaler Mann", ein Führer in der politischen Armee des Fürsten Bis mark, die jederzeit dem nationalen Hochmuth mit Betheurungen der eigenen sittlichen Größe und der Verderbtheit Anderer schmeichelte. Gelegentlich der Jahresversammlung, welche unlängst der Dortmunder Kohlverkaufsverein, dessen Milglieder ausschließlich Arier sind, im Bade Köuigsborn abhiclt, war beim Festmahle im Theatersaale des Curgartens eine Speisekarte angefertigt worden mit folgendem Motto: Der Gott, der Kohlen wachsen läßt, Will auch, daß sie was gelten! D'rum halten wir in Treuen fest. Mag man uns auch d'rum schelten. So wird in der arischeu Welt die Profitwuth verherrlicht und gefeiert, die Herrschaften überbieten einander an Uugevirtheit, die Armen, welche über Vertheuerung des Brennmaterials jammern, werden verhöhnt; uns Juden aber gibt man schöne Lehren über Mäßigung und Entsagung. Es sind doch prächtige Leute diese Arier, sie verstehen das Geschäft! Nus dem akademischen Leben. Berlin den 18. August. Die sozialistische Gruppe der Brüsseler Studentenschaft hatte letzthin auch an socialdemokratische Studenten der Berliner Universität eine Einladung zur Theilnahme an dem geplanten internationalen Congreß in Brüssel ergehen lassen. Die Eingeladenen sind dieser Aufforderung Nicht nachgekommen, haben aber ihr Ausbleiben in einem Antwortschreiben, welches der „Vorwärts" veröffentlichte, ausführlich begründet. Eine öffentliche Bethciligung an der Brüsseler Kundgebung würde die sozialistischen deutschen Stlldenten von sämmlichen deutschen Hochschulen verbannen und ihnen nur die Möglichkeit rauben, im Stillen für die Verbreitung ihrer Anschauungen zu wirten. „Der Idealismus," so heißt cs iu dem Antwortschreiben, „die Begeisterung, welche die akademische Jugend der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts beseelte, ist verschwunden. An ihre Stelle sind, Dank vor Allein der Bismarckschen ,Realpolitik, das ödeste Streberthnin, die banausischste Beschränktheit und der widerlichste (Chauvinismus getreten: wenigstens bei dem größten Lsteile der Studentenschaft. Die Korps sind wieder zu Ehren gekommen. Unsere bentigen Standen sind hinter eifrig dabei, wenn es gilt, Fürsten und anderen bochgestelltcn, einflußreichen Persönlichkeiten zu Ehren Kommerse zu veranstalten. Sie p'legen rhcnsächlich nicht die Wissenscha't, sondern „stndeiitische Ecmülhlichkeir", — was sur eine Art von Eemüthlichkeit darunter zu verstehen ist, braucht wohl kaum auscinandergesetzt zu werden." Uns will es scheinen, als ob dieser Vorgang, die Zustimmung vereinzelter Studenten zu dem sozialistischen Programm, weit weniger betrübend wäre als die Thatsache, daß unsere akademischen Verhältnisse vielfach so entartet sind, um die scharfe Kritik jener kleinen Gruppe zu rechtfertigen. Oder haben die sozialistischen Studenten mit ihren Vorwürfen von „Streberthum" und „Ehauvinismus" etwa ganz Unrecht? Das sogenannte Kysshäusersest der „Vereine deutscher Studenten", welches iu der ersten Augustwoche tagte, und worüber unsere konservativen Blätter seiteugroße Berichte gebracht haben, hat einen Geist innerhalb der Studentenschaft offenbart, ein massives Gefühl, eine Grobheit der Gesinnung, wie sie der deutschen Studentenschaft wahrhaftig keine Ehre machen. Die an sechzehn Universitäten vertretenen „Vereine deutscher Studenten" haben mit der Feier ihres zehnjährigen Bestehens die Errichtung eines Gedenksteines verbunden zur Erinnerung au die kaiserliche Botschaft vom. 17. November 1881. Sie benutzten diese mit großem Aplomb ins Werk gesetzte patriotische Festlichkeit, um die Grundsätze und den Geist ihres Verbandes vor möglichster Oeffentüchkeit noch einmal zu manifestiren. Gegen die Feier der genannten Botschaft als den Beginn eines neuen Lebens läßt sich wenig einwenden, es ist das ein Parteistandpuukt, über welchen man am besten nicht streitet. Aber die Gruppirung der Thatsachen der neueren deutschen Geschichte, das willkürliche Arrangement der Dinge des öffentlichen Lebens, wie es dieser Verein übt, um eine geeignete Folie für die Darstellung seiner Bedeutung zu gewinnen, ist doch allzu selbstherrlich. Das ganze erste Jahrzehnt des neuerstandenen Reiches wird mit dem wegwerfenden Ausdruck „aufgeklärtes, materialistisches Zeitalter" abgethan. Für den Idealismus der freiheitlichen Bewegung, für den protestantischen Idealismus, bei Beginn des Kultur-