Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 34 (28.8.1891)
- Date
- 1891-08-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020882--00639-3024639- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 616 Orsterreichrfche Wochenschrift. Nr. 34 wäre es ihm geworden, er wäre nie geboren. Dann aber fährt das Mädchen fort: „„Mir aber ist es zutheil geworden, noch im Jungfrauenalter für das ewige Leben meinen Leib hinzugeben."" Und später sagt es zu feiner Muttcr: „„Aber eben weil ich Leib und Seele durch Euere Liebe habe, so gönnt mir, daß ich Beides von: Teufel erlöse und mich Gott ergebe. Ich fürchte, würde ich älter, daß die Süßigkeit der Welt mich unter ihre Füße brächte, wie sie so Manchen zur Hölle hinabgezogen. Auch ist unsere Jugend und unser Leben nichts als Nebel und Staub; wen dieses verlockt, der hat Leib und Seele hingegeben. Setzet mich lieber in das volle Glück, das nimmer vergeht! Mein begehrt ein Freier, dem ich mich wohl gönne! Ihm geht sein Flug leicht und wohl, sein Haus ist voller Habe voll, da stirbt nicht Roß, nicht Rind, da quälen nicht weinende Kind, da ist nicht zu heiß, nicht zu kalt, da wird Memand an Jahren alt, der Alte wird ein Junger, da ist nicht Durst, nicht Hunger, da P keinerart Leid, da ist volle Freud' ohne Arbeit!"" „Den gleichen Heldenmuth bethätigt das Mädchen, als es in der Kammer des Arztes zu Salerno angelangt ist und dieser es warnt, daß nur sein freiwilliger, reueloser Tod die erwünschte magische Heilskräft besitze; wenn es Reue empfände, wäre sein Leben nutzlos geopfert. Da that es die Kleider gern und willig ab, ja es riß sie mit Haft in der Naht entzwei, bis es gewandlos dastand; aber es schämte sich dessen nicht. „Der Ausgang ist bekannt; die Jungfrau ward nicht getödtet, der arme Heinrich ward gesund und beide vermälten sich zum Schluß. „Wenn dies nun keine Opferung im christlich-mystischen Sinne war, so war sie doch von dem Gedanken christlicher Mystik getragen und erzeugt, und darum an dieser Stelle beweiskräftig. Vielleicht liegt sogar dieser Dichtung ein versteckt mystischer Sinn zugrunde, in welchem Falle der „arme Heinrich" die Personification der sündigen Menschheit wäre, wie ja gerade als Personisication der Bauernschaft auch ein „armer Heinrich" bekannt ist. „Viele Stellen derKirchenväter deuten auf solche blutige Mysterien: so zum Beispiel Chrysostomus: „Die Mysterien vollziehen wir bei verschlossenen Thüren, nachdem die Uneingewechten entfernt sind." Und vom heiligen Franz von Assisi wird in dessen Lebensbeschreibung wörtlich gesagt: „Er tödtete Viele, um sie nachher zum Leben zu erwecken." „Darinnen liegt eben der mystische Sinn, denn derlei Todtenerweckungen gelten dem ewigen Leben, der Seligkeit durch die Bluttaufe des freiwilligen Opfertodes. „Wenn die Legende vom heiligen Franz Seraphicus berichtet, er habe sich bei einer einsamen heiligen Kirche niedergelassen, die Portiuncula hieß und der heiligsten Jungfrau Maria zu den Engeln gewecht war, und welcher Stammkirche des Franziskaner-Ordens der Portiuncula-Ablaß zutheil wurde, so bezieht sich solches auf die dort Geopferten, welche man da zu Engeln machte. Noch heute wird dieses Portiunculafest, bei den Franziskanern als ein Hauptfest des Ordens gefeiert, mit welcher- Feier ein großer Ablaß verbunden ist. Merkwürdig bleibt, daß das dabei bekränzte Marienbild meist eine „Schwarze Maria", wie zum Beispiel im Franziskanerkloster zu Wien ist „Zahlreich sind die Sagen von Kindern, Jünglingen und Jungfrauen, welche je, dem Geschlechts entsprechend, „Marienkinder", „Marienverlobte" oder „Christusbräute" genannt werden, und welche am bestimmten Tage während der Messe eines sanften Todes sterbend von ihrem oder ihrer Verlobten abgeholt werden. Die Sage verschleiert den Opfertod, der auch der Gemeinde unbekannt blieb, denn „die Mysterien vollzogen sie bei verschlossenen Thüren,' nachdem die Uneingeweihten sich entfernt hatten"; so sagte doch Chrysostomus. „Gleiche Ursache haben die „weißen Todesrosen", welche auf den Chorstühlen von Nonnen- und Mönchsklöstern dem den Tod kündeten, auf dessen Platz sie sich fanden. Er war zum Opfertod in den Mysterien ersehen; Christus holte sich seine Braut oder Maria ihren Verlobten. Kinder der Kirche weihen, das bedeutete sie sactisch opfern, sie zu einem „unschuldigen Kindlein" machen, während es heute einfach bedeutet, sie dem geistlichem Stande und ehclosem Leben weihen. Und eben jene Opfer waren es, welche der „Schwarzen Maria", der „Sündentilgerin", der „Allhelferin" gebracht wurden, denn sie, die das Leben durch die Bluttaufe nimmt, um es in der Wiedergeburt zur ewigen Seligkeit wieder zu geben, sie, die dieses bewirkt, ist doch die Allhelferin, indem sie von den Uebeln des irdischen Lebens befreit, um das geistige, leidlose Freudenleben dafür zu gewähren." So weit die Ausführungen des Herrn Guido L i st in dem erwähnten Feuilleton der „ Deutschen Ztg." vom 30. Juli 1891. Guido List hat das pomphafte Blutritual des St. Gennaro, welches alljährlich in Neapel unter dem Zulauf einer ungeheueren Menge gefeiert tvird, nicht gesehen. Dort hat jeder Gelegenheit wahrzunehmen, mit welch ungeheurer Gewalt der Glaube an die geheimnißvolle Wunderkraft des Menschenblutes in dem Herzen der Bevölkerung heute noch wurzelt, wie man sich von diesem vergossenen Blut eines alten Märtyrers, welches alljährlich durch ein Priesterwunder flüßig wird, Heil und Segen nicht blos für das Land und die Stadt, sondern auch für jeden Einzelnen, Heilung von Krankheiten u. s. w. bestimmt und zuversichtlich erwartet. Dem Blut ritual des St. Gennaro zu Neapel wollen wir in der nächsten Nummer ein eigenes Kapitel widmen. Sttfiungsurkunde der Schenkung des Baron Moritz von Hirsch. Zu Gunsten der nach Amerika geflüchteten Juden aus Rußland und Ramänien Vollzogen zu Paris am 22. Jänner 1891 vor dem General- Consul der Vereinigten Staaten von Nordumerika Herrn Adam E. King, dem Vicegeneralconsul der V. St. o. A. Herrn M. Hooper, und Herrn Judas Drei. A. Gründe, welche den Baron Moritz Hirsch zu dieser Stiftung veranlaßten. „Ich, Baron Moritz von Hirsch, jetzt zu Paris in Frankreich wohnhaft, habe mit schmerzlichster Theilnahme die Leiden und den Nothstand der Juden wahrgenommen, welche ihren Wohnsitz in Rußland und Rumänien haben, woselbst sie durch grausame Gesetze und von unfreundlichen Mitbürgern unterdrückt werden, und so habe ich denn beschlossen, zur Erleichterung des Loses derjenigen meiner Stammesgenossen beizutragen, welche aus diesen ungastlichen Ländern nach der Republik der Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert sind oder auswandern werden".