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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-08-28 · 34 (28.8.1891) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
34 (28.8.1891)
Date
1891-08-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 612 Oesterreichische Wochenschrift. Nr. 34 abgesehen zu haben, die Prahlerei des Herrn Schneider von seinen Erfolgen in Prag zu unterstützen. Wenn man die Wiener Blätter liest, so gewinnt es den Anschein, als ob die gesammte jungczechische Partei sich plötzlich dem antisemitischen Teufel verschworen hätte. Daran ist kein wahres Wort. Zu Soldkuechten des Fürsten Liechten sie in wird sich das czechische Volk nicht erniedrigen und es ist auch nicht gewillt, die Prinzipien der Freiheit und des Fortschrittes zu vcrläugnen. Die Pest in Rußland. Der Riesenleib des Czarcnreiches wird seit Jahren von Leiden durchrüttelt und durchwühlt. Im Herzen sitzt ihm der Nihilismus. Um diesen aus die Zerstörung seines g nzcn Organismus losgehenden Feind zu beseitigen, wendete man das radikale äußere Mittel, den Krieg an. Der Mißerfolg aber schuf neue Unzufriedenheit, die Despotie sollte gemildert werden durch den verbrecherischen Czarenmord, und diese schreckliche Kur zerrüttete sein ganzes Nervensystem. Die stete Aufregung und die heiße Sucht, die verlorne Herrschaft über Europa wieder zurückzuerobern, schütteln den Riescnlcib wie ein Fieberfrost. Nun trat heuer noch Hungersnoth dazu, in deren Gefolge jetzt der schrecklichste aller Schrecken, die Pest erscheint Das „schwarze Weib" hat sich in den öden Stanitzcn der Kreise Wolokalmsk und Rusa im Gouvernement Moskau eingcschlichen, wo kein Arzt den Alarmruf erhob und keine Behörde die ersten unseligen Opfer isolirte, damit der Tod nicht neuen Tod für viele Tausende gebäre, und so konnte sich der schreckliche Gast heimisch nicdcrlassen. In welchem Maße er wüthet, das darf die geknebelte Presse nicht sagen. Der Styl solcher Bulletins ist: der „eine Kosake" aus dem Krimkriege. Thatsächlich beweisen aber die Maßregeln, zu denen die Regierung endlich doch greift, wie die Dinge in Wirklichkeit stehen. Die von der Pest heimgesuchten Ortschaften werden durch Pfähle mit der Bezeichnung „Sibirische Pest" von den umliegenden Gegenden abgesondert. Tie russische Despotie ist wie einst das Egypten Pharao's „hcrzverhärtct" und ebenso verstockt, daß auch sie sich diese Plage nicht zu Herzen nehmen und als Strafe für ihre Verbrechen an der Menschheit halten wird, obwohl schon die Art dieser Plage sie als das göttliche Gericht erkennen läßt. Denn sie ist Maß für Maß wie jede göttliche Sentenz. Für die Tausende und Abertausende armer Juden, welche eine Grausamkeit der Regierung zu Flüchtlingen aus ihrer Hcimath machte, müssen jetzt Tausende und Abertausende Russen vorder Pest flüchten; für die unzähligen durch rohe Gewalt über Nacht in's Unglück gestürzten jüdischen Familien müssen jetzt unzählige russische Familien plötzlich der Umarmung des schwarzen Weibes erliegen. Auf Rußland selbst wird diese jüngste Heimsuchung nicht den geringsten Eindruck machen: wird sie aber nicht Europa zur endlichen Erkenntniß bringen, was cs Alles von Rußland her zu erwarten hat? Daß das heilige Rußland durch seine barbarischen Zustände nicht nur ein moralischer und politischer Seuchenherd für den Weltthcil ist, von wo aus die Civilisatiou ewig durch den Anarchismus von unten und die Kriegsgier von oben bedroht und durch die dort an der Tagesordnung stehenden Grausamkeiten unaufhörlich in ihren mcuschlichen Gefühlen verletzt wird, sondern auch ein physischer Pesthcrd ist, von drm Tod und Verderben über Europa ausgeht? Wird die gegcuwärtigc Pest in Rußland, welche zur Mschließung von demselben, zur Abbrechung jedes Verkehrs mit ihm zwingen muß, die Regierungen in Einem auch zur Ergreifung von Maßregeln gegen die politischen und moralischen Zustände daselbst mahnen? Das Prinzip der Nichtintcrvention darf auf Rußland keine Anwendung finden. Wenn cs einen Staat gibt, der seinen Beruf so sehr miskcnnt, daß alle übrigen Staaten durch ihn leiden, so muß jeder Eingriff iu denselben rechtmäß ig sein Eine barbarische Nation unter Curatel stellen, heißt die Rechte der Menschheit schätzen. Die zivilisirte Welt hat die Pflicht, die Barbaren zu zwingen, menschlich zu sein. Denn das Menschengeschlecht ist zur Gesellschaft berufen und sein höchstes Interesse ist, möglichste Herstellung des Völkerbundes und der Cultur der Sitten. Jeder Staat, der diese Grundsätze mißachtet, ist daher ein Ungeheuer in der Gesellschaft, und so muß es erlaubt, ja geboten sein, den, der nicht will, zu diesen Grundsätzen zu zwingen. Europa hat sich schwer versündigt, daß es bis jetzt gleichgiltig dem Treiben Rußlands gegen die Juden zusah. Und diese Sünde rächt sich nun. „Die Pest kommt in die Welt", heißt cs im Talmud, „wenn Verbrecher nicht dem Gerichte zur Handhabung des Gesetzes übergeben werden". Europa muß jetzt vor der sibirischen Pest zittern, weil cs das an der Menschheit verbrecherische Rußland unbehelligt ließ. Das barbarische Rußland spottet des Nich!ers, dem der Dichter es überliefert mit dem Dictum: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht". Nein, das zeitgenössische Europa muß schon der Richter Rußlands sein. Anstatt dessen haben aber die reaktionären Negierungen cs als Wau - Wau für die Völker, als „Retter der Gesellschaft" noch stets gehätschelt, daß es sich die Präpondcranz in Europa anmaßte. Die civilisirte Welt muß heute vor der sibirischen Pest doppelt zittern. Denn diese Plage wird in Rußland ein gewaltiger Bundesgenosse der bisherigen Unzufriedenheit sein. Das schwarze Weib wird die breitesten Massen des russischen Volkes in die Arme des Nihilismus führen und das Wachsthum dieser Bewegung muß den Welttheil aus seiner Ruhe aufschrecken. Cs ist möglich, daß der vom Hunger und dem schwarzen Tode angcwachsene Nihilismus der Rächer aller der Verbrechen der russischen Regierung wird; aber der Eivilisation wäre damit doch nicht gedient, es wäre nur der Teufel durch Belzebub vertrieben. Europa muß Ordnung in Rußland machen und Recht und Gerechtigkeit dort einführen. Wie man vor vierhundert Jahren in Wien die Glocke vom Stefansdome, den „Aengstcr", gegen die Türken zog, so hat man heute Ursache, von der hohen Warte der Humanität aus, alle Welt zum Culturkampf gegen die Russen auszubieten. Es müssen alle Cabinetc jetzt zu dem Eordon, den sie um Rußland ziehen, um die Einschleppung der Pest zu verhüten, auch ihre Vorstellungen wegen der Gräuel, die dort an den Juden verübt werden, nach Petersburg schicken. Bei aller Religionslosigkeir der Welt muß doch der Umstand zu denken geben, daß im Gouvernement Moskau, wo die Judenaustreibung gerade am Grausamsten gehandhabt wurde, die Pest am Grausamsten wüthet! Ist da nicht der.Finger Gottes sichtbar? Und muß nicht nachträglich

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