Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 33 (21.8.1891)
- Date
- 1891-08-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 33 Oesterreichische Wochenschrift. Seite 607 Familienblatt. Wochenkalrnder. Wochen- Augltst 1891 Ab 5651 Kalender Freitag 21 17 Samstag 22 18 Sonntag 23 19 i Montag 24 20 Dienstag 23 21 Mittwoch 26 22 Donnerstag 27 23 Freitag 28 24 Die jüdische Stiefmutter. 6t hatte sie noch als Student kennen gelernt. Sie war Gonver nante in demselben Hanse, wo er Hofmeister war. Ihre Herren fanden sich trotz der Verschiedenheit der Con'cssion — er Jude irnd sie Christin. Als armer Coneipient heiratete er sie, aber das Hans, in weichem beide jahrelang die Grzichnng leiteten, ermöglichte iUm durch materielle Unterst itznng die Selbstständigkeit und Toctor 'Weltner wurde bald ein gesuchter Advocat. Das Ehebncrdniß war ein wahrhaft inniges. Die zeigte eine säst abgöttische Zärtlichkeit für ihren Mann, dem sie seit den sechs Jahren ihrer Verheiratung zwei Knaben schenkte. Der jüngste war noch nicht zwei Jahre alt, als seine Mutter von einer tückischen Vnngenentmndnng befallen und schnell dahinzerafft wurde. Seitdem waren drei Jahre verflossen und noch immer trauerte Doctor Welt n e r um die ihm Entrissene. Gr widmete sich nach Möglichkeit seinen beiden Knaben, er verbrachte nur selten einen Abend anszer dem Hause; aber wenn er zwischen ihnen am Tische saß, richten seine Augen voll Schwermuth ans dem Platze ihm gegenüber, der leer war. Sollte und durfte er aber immer leer bleiben? Hatte der Witwer nicht die Pflicht, seinen Kindern, die ihm die Sterbende noch so dringend ans Herz gelegt, eine neue Mutter zu geben, welche sie überwachte und für sie sorgte, wenn seine Geschäfte ihn vom Hanse fernhielten? Je größer die Knaben wurden, ninsouiehr drängte sich diese Grwägttng ihm ans, und so reiite beim allmälig der Gmt'chtnß in ibm, eine zweite Frau in sein Heim zu führen. Seine Wahl, welche Vernnnflgründe keine leidenschaftlichen Grregungen trafen, siel ans ein armes Mädchen, die Tochter seiner Duarticrs teilte, bei denen er jahrelang bis zu seiner erden Verheiratung wohnte. Mathilde war nicht mehr jung. 63 hieß, sic sei so lange ledig geblieben wegen einer getäuschten oder unerwiederk gebliebenen Jugendliebe. Näheres wußte man aber darüber nicht. Mathilde kennt den Schmerz und die Thränen.^dachte sich Toctar Weltner, ihr Herz wird nicht so anspruchsvoll sein, wie dao einer anderen, sie wird nicht verlangen, daß ich eine Vcidenscha-t für sie heuchle, die ich nicht mehr zu empfinden vermag. So heiratete er Mathilde, ohne zu ahnen, daß er selbst jener Mann gewesen, der von ihr geliebt worden, und wegen dessen sie unver malt geblieben war. Sie hatte seine späte Werbung jetzt freudigen Herzens eingenommen und vergaß, daß W e l t n e r in ihr weniger eine Gattin, als eine Mutter für seine Kinder suchte. Als sie das Haus ihres Gatten zuerst betrat, hatte sie gefürchtet, überall an die Verstorbene erinnert zu werden. W e l t n e r barte jedoch mit seltenem Zartgefühl alles derarrige, Möbel, Bilder, Gebrauchsgegenstände, entfernen lassen. Sie hätte sich einbilden können, die erste Herrin zu sein, welche hier schaltete und waltete, wenn nicht die Schwermnth ihres Gatten und die beiden Kinder sie doch immer wieder au ihre Vorgängerin gemahnt hätten. Mathilde liebte ihre Stiefkinder von Herzen und nicht etwa um durch ihre Neigung auch die des Vaters zu erwerben. Allein mit der Zeit erregte es doch ein schmerzliches Gefühl in ihr, daß W e l t n e r's Verhalten ihr gegenüber immer das gleiche blieb und um keine Nuance wärmer werden wollte. Die wurde es müde, immeriori gegen den Schatten einer Verstorbenen anznkämpfen, und in dieser Stimmung tauchte zuletzt der Argwohn in ihr auf, ob sie nicht etwa eine — lebende Nebenbuhlerin habe. Sie sing an, ihren ("'aiteu genauer zu beobachten, uild es dauerte nicht lange, glaubte sie Grund zu ihrem Verdachte zu haben. Toctor Weltner hatte seine .nanzlei nicht in dem Hause, wo er wohnte. 'Nun erfuhr Mathilde durch einen Zufall, daß ihr Gatte an bestimmten Tagen sich 'Nachmittags nicht direct in sein Bureau, sondern erst zu einem anderen Hanse begebe. Das war wobt demlich genug. Mathilde war nun fest überzeugt, daß sie von ihrem Manne verrat beit werde; aber jetzt wollte sic ihn auch ganz entlarven und ihm in Gegenwart seiner Geliebten die heuchlerische Maske vom Gesicht reißen. Sie wartete, Bitterkeit und Verzweiflung im Herzen und doch Ruhe und Gleichmnth erheuchelnd bis zu dem nächsten Tage, an welchem W e l t n e r, wie sie wußte, nicht direct in sein Bureau ging, verließ ihre Wohnung dann unter irgend einem geschickt ersonnenen Vorwände eine halbe Stunde vor ihm, nahm sich andem nächsten Fiaker-Standplatz einen Wagen und ließ sich bis zu dem ihr bezeichneten Hause fahren. Sie trat zu dem Portier und fragte ihn angut Glück, jedoch mit bebender Stimme: „Ist Herr Toctor Weltner heure schon gekommen?'" Der Por.ier betrachtete sie überr.schr und encgegnece: „Ich habe hn noch IN ehe ge'e um Ader belieben Sie in den -weilen -dldN hinanfzusteigen. 63 ist die erne Thür linker Han) meine Iran rst gerade oben, um Feuer iui Kamin anzünden." Mat nlde stieg die Treppe e.npor; aber sie zitterte dermaßen, daß sie sich an den t^elnnd.r sesthalten mn-re. Tie Hausbesorgerin trat ihr schon ans der Schwelte der Wo.innng entgegen. „Herr Toctor W e l t n e r ist noch nicht da. wie ich höre, — auch wobt die Tame noch ui.hr? — Nun jedenfalls werde ich hier warten, sagen Sie aber, bitte, nichts von meiner Anwesenheit — es handelt 'ich nm eine Ueberraschnng"' Die wartete nicht au' eine Antwort der Frau, welche diese ihr galt; nnbekannte Ta ae anstarrte, sondern trat ohne Weiteres ein und machte die Thür hinter sich zu. 6-$ war ein k eineo, einfach möblirtes Vor immer, in dem sich Matbilde jetzt bestand, Grschöpil sank sie ans einen Druhl, um sich gleich daranwieder zu erheben: sie wollte alles erforschen und sich daun irgendwo verbergen, um das Geheimniß ihres Gatten zli enthüllen. Ihre ganze Gntschlo-ensteu zusamniennehmend, ö'snete sie die nächste Tour, blieb aber mit eine n ha.berstickten Schrei an' der Schwelle stehen. Sie kannte diese Möbel. Sie batten in Boudoir der ersten Frau ibres Mannes gestanden. Mathilde baue mir ihrer Mutter dem Tokior Weltner ihren langjährigen Zi umerherrn, bald nach dessen Vcrh iratuiig einen Besuch gemacht, und sie erinnerte üch jetzt noch auf dao «Nuin'ste alter 6ui’c;ul).'ueu die-es Besuches und sah hier alle die Ginrichtnng. die daintto in de n «^e nach der jungen Frau gestanden waren: das Ruhebett, den Tisch, die De'stl. — auf dem aoiletleiuischchen dorr lag ein goldenes Krenzchen, das die Verstorbene wabrscbeinlich an iarer Brust getragen, intd über dem Kanin ding ja auch das Bildniß der Frau. der — ach! -- feine Viebe noch immer gehörte. Sie schrie vor bitterem Velo auf nno sank wie verzweifelt in einen Seäet, als sich plötzlich i u Vorzimmer Schritte vernehmen ließen, und ihr M um im nächsten Angenstli re schon allder Schwelle stand, bevor sie sich iroch erheben uub vor ihm verbergen konnte. „Plein Gott", riet er wie -a-nugslos. „Mathilde — du hier? Wie komust'-— Aber schon lag ste unter leidenschaftlichem Schluchzen air seiner Brust, llm ibm in abgebrochenen Sätzen ihr Bekeniuniß abznlegen. Sie gestand ihm ihre Gnersucht ans die Tadle, dann ihr plötzlich erwachtes Mißtrauen. das sie biester geführt, und oiieubarre ihm zugleich, ohne daß sie es selbst wußte, ihr altes Geheimniß, das sie bisher noch keinem Menschen enthüllt harte — ihre Viebe zu ihm seit langen Jahren. Sie bar ihn um Verzeihung; Weltner aber drückte sie innig an sein Herz, und in seinen Augen leuchtete es seltsam auf. , O, weine nicht mehr, Mathilde sagte er san-l." Sieh', es geschah, um dich nicht zu verletzen, daß ich alle Gegenstände, die die Verstorbene n Gebrauch gestabt hatte, ans unserer Wo mu.ij ein ernce und hier