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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-08-21 · 33 (21.8.1891) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
33 (21.8.1891)
Date
1891-08-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 33 Oestrrrrirhifchr Wochenschrift. Seite 601 jenige Stadttath, der am allerheftigsten gegen einen officiellen Empfang der Antisemiten aufgetreten, war der Pfarrer von St. Stephan, fP. Nykl es, ein sonst sehr ruhiger Sprecher. Derselbe erklärte, es wäre geradezu eine Schmach für die Stadtvertretung der Landeshauptstadt Prag, wenn sie sich dazu hergeben würde, den Antisemitismus zu fördern. Aus einer langen Reihe biblischer Citate, sowie aus zahlreichen Stellen der christlichen Lehre und^des neuen Testamentes wies derselbe nach, wie vollständig unberechtigt der Antisemitismus und der Rassenhaß sei. In diesen seinen Aufführungen secundirte ihm kräftigst der Stadtrath, Katechet P. Kyselka, und gelang es thatsächlich den überzeugungstreuen Reden der beiden geistlichen Herren, den Stadtrath zu deui Beschlüsse zu bewegen, von einem officiellen Empfange der Wiener Antisemiten abzustehen. Tie Junge zechen zetterten und wütheten, sie konnten aber nichts thun; denn sie waren in der Minorität. Im Anschlüsse hieran kann authentisch niitgetheill werden, daß bereits sämmtliche jüdische Stadtverordneten sich dahin geeinigt hatten, Jtus den Stadtverordneten Collegium auszutreten, falls der Stadtrath wirklich eine ofsicielle Begrüßung der „Wiener Gewerbetreibenden" unter Schneiders Führung beschließen sollte. Prag. („In den Armen liegen sich beide.") Wahrlich ein würdiges Paar, daß sich beim Schmause auf der „Sofieninsel" zusammengefunden, schöner könnt sie ein Maler nicht nebeneinanderstellen — nein, — eine derartige absurde Phantasie besitzt kein Maler der Welt; nichts als Schatten, kein einziges Lichtpünktchen. Der deutsche Schneider und der czechische Schamberg, in der Judenfeindschaft, reet« Antisemitismus, sind sie' ein Herz und eine Seele. Doch wollen Viele nicht daran glauben, daß bei Letzterem der Antisemitismus ein echter sei; er sei blos „Talmi", behaupten die Meisten, eben so tvie Ringe und Uhrketle, welche der pensionirte czechische Eomödiant und Possenreißer trügt, denn die echt goldenen wären schon längst versilbert, so wie all' deren anderer Eigenthum. Ja wohl, Alles verstand Herr Schamberg zu Geld zu machen, denn er lebte stets sehrflott, und das war das einzige Talent, welches er mit vielen anderen Künstlern der weltbedeutenden Brettern gemein hatte. Es sind beiläufig zwanzig Jahre her, der vorerst deutsche, dann czechische Komödiant Schamberg brauchte wie gewöhnlich Geld, sehr viel Geld, rrnd pumpen wollt Niemand mehr welches, er besaß aber nicht das Geringste, rvas einen Werth repräsentirt hätte, — was thun? da plötzlich stieg ihm eine geniale Idee auf, vielleicht die erste in seinem Leben. Er hatte derzeit eine sehr schöne Frau, die sich später von ihm trennte. „Halt," dachte er, „da kann ich Capital schlagen!" Gedacht, gethan. Abends saß er mit selnen Freunden beim Weine und sie waren guter Stimmung. Unter ihnen befand sich auch der reiche Bauer W . . . ., diesem trug Schamberg miethweise seine bessere Hälfte an. Der Vertrag wurde rasch abgeschlossen und Frau Schamberg für einen größeren Betrag — man sprach von 20.000 Gulden — sollte auf ein Jahr in das unbeschränkte Eigenthum des W. übergehen.*) Das Sprichwort: „Nomen est omen“ bewährte sich bei Schamberg durchaus nicht. Das ist der Mann der vor Kurzem sein antisemitisches Herz entdeckt hat, der in Schneider-Stampiglius einen Ehrenmann und würdigen Freund fand. Was kümmert es ihn, den Czechen, daß Schneider ein Deutscher ist, er ist sein Gesinnungsgenosse und beide ein Herz und eine Seele. Im Uebermaß der Gefühle stürzten sie sich entgegen und: „In den Armen lagen sich beide Und weinen vor Schmerzen und Freude." *1 Ob dieser Vertrag auch realisirt wurde, darüber zieht die Fama einen dichten Schleier. LI. K. Triest. Siebzig Jahre sind verflossen, seitdem zwei achtbare Kaufleute in Triest, Girolamo Morpurgo und Marco Parente, sich zur Gründung eines bescheidenen Bankgeschäftes vereinigten. In demselben Jahre kam ein junger Officier nach der adriatischen Hafenstadt, der in den Reihen der preußischen Arniee gegen Napoleon gekämpft hatte und sich eine kaufmännische Existenz gründen wollte. Es war Karl Ludwig v. Bruck, der spätere geniale Minister, dein Oesterreich große wirthschaftliche Reformen dantt, der den Handelsvertrag mit Preußen schloß und die Ereditanstalt für Handel und Gewerbe geschaffen hat. Die Basis für seine glänzend Laufbahn, welche so ttagisch enden sollte, legte Bruck in Triest durch die Gründung des Oesterreichischen Lloyd, an welcher die Firma Morpurgo und Parente einen hervorragenden Antheil nahm. Bruck war der erste Director des Lloyd, und er brachte das Unternehmen innerhalb zwölf Jahren auf eine bedeutende Höhe der Entwicklung. Mit dem glänzenden Aufschwünge der österreichischen Schifffahrt-Gesellschaft ist auch das Schicksal des Hauses Morpurgo eng verknüpft. Der Einfluß dieses Hauses auf den Lloyd stieg noch, als Bruck Minister geworden war, und Elio Morpurgo, der Bruder Girolamo's, war dm'ch viele Jahre der allmächtige Präsident der Gesellschaft. Dadurch wm-de das Bankhaus zu einer ungewöhnlichen Bedeuttmg emporgehoben. Schon zu Beginn der Vierzigerjahre ttal Morpurgo in eine geschäftliche Beziehung zu dem Hause Rothschild, welche sich allmälig zu einem Commandit-Verhältnisse ausgestaltete. Wenn man sich eine Vorstellung machen will, welchen Rang und welche Bedeutung Morpurgo und Parente zu Ende der Fünfzigerjahre nicht blos in Trieft, sondern in der Monarchie besaßen, kann man nur an das Beispiel jener glänzenden Wiener Finanz-Aristokratie anknüpsen, welche während der ersten Hälfte des Jahrhunderts eine so hervorragende Rolle spielte, in deren Comptoirs die Minister ernste Rathgeber fanden, in deren Salons ein Talleyrand, ein Wellington, die Spitzen der Diplomatie mit Künstlern und Literaten zusammentrafen. Auch Elio Mor-purgo wurde oft von dem Finanzminister zu Rathe gezogen, und er leitete mit vielem Geschick die schwierigen finanziellen Auseinandersetzungen, welche zwischen Oest'rreich und Italien nach dem Kriege nothwendig waren. Damals stand die Firma, welche heute der Liquidation verfallen ist, auf dem Höhepunkte ihrer glänzenden Entwicklung. Ihre Chefs vereinigten zahlreiche Auszeichnungen und öffentliche Würden in sich, der Name Morpurgo hatte in Oesterreich wie in Italien einen vollen Klang, der Credit, unterstützt durch die innigen Beziehungen zu dem Welthause, war allerersten Ranges, „ und die Familie nahm noch f>b in die jüngste Zeit in der Gesellschaft von Triest eine ganz ausnahmsweise Stellung ein. Der Niedergang des Hauses begann, als die Leitung an den letzten Träger der Firma überging, welcher die großen Fähigkeiten seines Vaters nicht geerbt hatte. Der äußere Glan; hielt wol noch lange vor, aber das kundige Auge konnte schon seit Jahren manche schadhafte Stelle bemerken, und nur der Name Rothschild war es, welcher jeden Zweifel von der befreundeten Firma fernhielt. Der Umfang der Geschäfte wuchs zwar noch forttv ährend, und auf dem Gebiete des Waarenhandels waren Morpurgo und Parente da > bedeutendste Haus der Monarchie. In weitläufigen Magazinen lagerten die Vorräthe an Kaffee, Getreide, Gewürzen und Südfrüchten, welche die Schiffe des Lloyd aus Ost-Asien, aus Afrika und aus den Häfen de ■ Schwarzen Meeres brachten, aus den Wäldern Slavoniens und Bosniens wurde das Holz nach dem europäischen Westen versendet und zahlreiche Fabriken, an welchen auch viel fremdes Kapital theilnahm, wurden von der Firma betrieben. Das Alles erforderte eine Umsicht und eine Begabung, welche dem Leiter des Geschäftes fehlten. Dazu kam, daß Baron Marco Morpurgo dm-ch die schwierigen Verhältnisse des Lloyd übermäßig in Anspruch genommen wurde. Die hart geprüften Actionäre der Schifffahrt-Gesellschaft haben ihm dafür keinen Dank gezollt, er mußte viele Vorwürfe über sich ergehen lassen, ja man hat nicht undeutlich darauf hingewiesen, daß der Präsident des Lloyd diese Stellung zu Gunsten seiner Privat-

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