Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 33 (21.8.1891)
- Date
- 1891-08-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 596 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 3s ' Wien. (Von Hieronymus Lorm.) Mit warmer Antheilnahme hat man in den letzten Tagen des schwergeprüften Hieronymus Lorm gedacht, der in Schmerzen und Leiden das patriarchalische Alter erreicht, hat. Der mit Blindheit und Taubheit geschlagene Dichter muß sich bekanntlich besonderer Drittel im Verkehre mit der Außenwelt bedienen, über die sein srüherer Gesellschafter Herr Oskar Damm im „Sachs. Landcsanz." Folgendes erzählt: „Regelmäßig Nachmittags zu bestimmter Stunde mußte ich bei ihm erscheinen. Eines Anklopfens an die Thür bedurfte es nicht denn Lorm ist, wie gesagt, völlig taub; deßgleichen ist er jetzt ganz und gar blind. Ich ging aus ihn zu. Er lag aus einem Sofa im Hintergründe des nur matt erhellten Zimmers. Eine dichte Rauchwolke der feinsten Havanacigarren erfüllt das Gemach und erst allmälig v.rmag das Auge des Besuchers die Person Lorm's zu erkennen. Es ist ein kleines silberhaariges Männchen mit grauem Vollbarte und einem unbeschreiblich rührenden hilflosen Zug um den Mund. Noch weiß er nicht, daß Jemand im Zimmer ist, in kurzen Pausen bläst er den Cigarrenrauch von sich, ruhig daliegend und die Augen, die ihm ihre Dienste nicht mehr thun, geschlossen haltend. An der linken Hand trägt er einen ledernen Gürtel; derselbe hat den Zweck, die Berührung bei der Zeichenübertragung ju mildern. Durch ein Zeichen auf seiner Hand erfährt er, daß zemand vor ihm steht — in derselben Weise verkehrt auch seine Familie, seine Frau und seine Kinder mit ihm. Das System dieser „Sprache" ist überaus originell und sinnreich. Der mit ihm sprechende oder Vorlesende berührt mit der linken Hand diejenige Lorm's und macht nun seine bestimmten Griffe aus derselben Ein Berühren der fünf Fingerspitzen gibt die fünf Vocale u. s. w. Anfangs natürlich geht diese Verständigung nur sehr schwer und langsam von Statten, doch mit der Zeit gewinnt man darin eine solche Uebung, daß man die Zeichen ganz mechanisch und ebenso rasch macht wie man spricht. Eine besondere Geschicklichkeit verlangt das Vorlesen, denn der Lesende hat nur aus die Buchstaben zu sehen und kann dabei die Hand seines Gegenübers nicht im Auge halten, sondern muß mit d:r gleichen Schnelligkeit, mit der sein Blick die Worte überftiegt, dieselben auf die unsichtbare Hand übertragen. In gleicher Weise auch spielt der blinde und taube Mann Schach." Wie«. (Leopold Dukes.) Zur Characteristik des jüngst verstorbenen Leopold Dukes erhalten mir von einem Freunde desselben einige iutereffante biographische Details. Es dürfte Wenigen bekannt sein, daß der Uebcrsctzer der Raschi in München an der Universität inscribirt war und und M e d i c i u hörte, dabei in der Bibliothek fleißig nach hebräischen Handschriften und seltenen Drucken fahndete. Angezogen von seinen Funden gab er das Studium der Medicin auf und sein einziges Trachten blieb fürderhin, die Schätze der neuhebräischen Literatur aus den verborgenen Winkeln der öffentlichen und Privatbiblirthelen zu heben und der Geschichtsschreiber dieser Culturperiode zu werden. Dukes hatte ein phänomenales Gedächtniß und eine stupende Belesenheit. Er las und sprach geläufig englisch und französisch. Dante und Cervantes las er iin Urtexte, ebenso die antiken Classiker. Dukes las viel, sehr viel, Alles, aber keineswegs systemlos. Jedes Buch ist ein geistiges Erzeugnis;, wenn auch Bielen beim Schreiben der Geist ausging, pflegte er scherzend zu sagen und aus einem sehr alten französischen Kochbuche hatte er gelegentlich einmal eine sprachliche Aufklärung geschöpft, die er anderwärts vergeblich suchte. Dukes pflcgie zu seiner Lectüre stets Norizen zu machen Kurz vor seinem Ende dürfte er Hamlet gelesen haben, denn auf seinem Schreibtische lag noch ein Zettel, den er wahrscheinlich zuletzt geschrieben und der sich aus Hamlet bezieht: „Was Hamlet am Grabe von Ophelia sagt, ist so lieblos kalt und ohne Gemüth, daß mau diese Reflexion auch vor einer tobten Katze hätte sagen mögen." Neben einem kleinem hebräischen Buche lag ferner ein Zettel folgenden Inhalts: „Eine große Vorrede zu einem kleinen Werkchen, gleich einem großen Hausthor zu einem kleinen Häuschen." Dukes pflegte zumeist aus Zettel verschiedenster Größe und Farbe, wie er sie gerade hatte, seine Gedanken zu fixiren. In eine gewisse Ordnung brachte er diese losen Blätter, indem er sie fest zusamn enspendelte und mit einem Umschlag versah. Großen Kummer empfand er darüber, daß ihm bei seiner Uebersiedlung von London nach Wien 3 Koffer Manuscripte verloren gingen. Der Nachlaß Dukes' an literarischen Arbeiten ist von großem Interesse. Die zurückgebliebenen Mannscripte werden von kundiger Hand gesichtet und dem Druck übergeben werden. Ein kleines Bändchen hebräischer Gedichte aus seiner Jugendzeit herrührend und von seiner Hand recht sauber geschrieben, befindet sich ebenfalls im Nachlaße. Au das Leben stellte Dukes keine großen Ansprüche. Nicht etwa, weil er die Freuden des Lebens nicht kannte und ignoti nulla cupido; er hatte vielmehr während seines Aufenthaltes in Deutschland, Paris und London reichlich Gelegenheit durch seine Beziehungen die Annehmlichkeiten des Luxus kennen zu lernen. Allen Genüsse» zog er jedoch das ernste Forschen in den Bibliotheken und in seiner Studirstube vor. Bezeichnend für seine Denkweise mag auch die Thatsachc sein, daß er eine Anfangs der 70 er Jahre ihm von der Wiener israelitischen Eultusgemeinde in Anbetracht seiner hohen Verdienste um die jiidische Wissenschaft angebotene Ehrenpension dankend ablehnte. Seinen Lebensunterhalt bestritt er einzig und allein aus einer fixen Rente und war sie auch nicht zu groß, bei seiner Anspruchslosigkeit reichte sie hin, daß er Manches aus der neueren Literatur sich anschaffen konnte und noch anderen armen jüdischen Gelehrten kleine Unterstützungen zukommen lassen konnte. Dabei war er sehr feinfühlig. So pflegte er, um einem arnicn, aber verdienten Manne nicht Almosen geben zu müssen, von Zeit zu Zeit diesem irgend ein Buch um einige Gulden abzukaufen, Nach einigen Tagen erhielt der Verkäufer das Buch wieder zurück, selbstverständlich, ohne daß er den Kaufpreis zurückzugeben brauchte. Dukes war nicht immer Stubenhocker. Bis vor einigen Jahren liebte er cs von Zeit zu Zeit allein halbtägige Spaziergänge in die Umgebung Wiens zu machen. Seit einigen Monaten verlies er aber gar nicht mehr das Zimmer und nach kaum vierzehntägiger Krankheit starb er. Wien. Folgende Ausführungen des bekannten freisinnigen Mitglieds der vorjährigen Berliner Arbeiterschutzconferenz, Herrn Fabrikanten H. Freese in Nr. 24 der Wochenschrift „Frei- Land" verdienen weiteren Kreisen zugeführt zu werden. „Wie wichtig und segensreich könnte es nicht allein für die neue Kolonie, sondern für uns alle sein, wenn hier zum erstenmal der Grund und Boden dauernd der Spekulation entzogen werden könnte. Welche Aufgabe für die Leitung, und welch' dauernden Ruhm, die Botenfrage richtig gelöst zu haben! Herr Dr. Will). Löwenthal hat sich bereits mehrfach durch gemeinnützige und zeitgemäße Reformversuche ausgezeichnet. Hier böte sich ihm eine Aufgabe, deren Lösung eine Großthat ersten Ranges wäre, und ihn und seinen Auftraggeber nicht nur zu Wohlthätern ihrer Stammes- und Glanbensgenosseu, sondern zu einem der ersten Wohlthäter der Menschheit machen könnte! Was sollen sie thun dies zu werden. Wir wissen cs. Sie sollen nach ihrem Belieben und ihrer Einsicht Alles, was in den Dörfern, die sie gründen und in den Märkten, die sie errichten, ron ihnen geschaffen wird, in das Prirateigenthum der Besiedler übergchcn lassen, aber den Grund und Boden nicht. Ter gesammte Grund und Boden der Kolonie sollte Gemeindceigenthum bleiben, und, wie das neue Freihafcngeliet Hamburgs, dauernd dem Verkaufe und damit der Spekulation entzogen werden. Tie Gründer der Kolonie sollen der Kolonie das unglückselige römische unbeschränkte Bodenbesitzrecht und Hypothekenpsandrccht ersparen, das an dem Marke der alten und neuen Welt zehrt, und in den Städten zu achtstöckigen Miethskasernen mit Astermiethern, Schlafburschen und Prostituirten, nnd in den Dörfern infolge Verkauf und Vererbung zu einer ins Fabelhaste und Unerträgliche gewachsenen Hypothekenlast geführt hat. Sie sollen zurückkehren zu den ewigen Wahrheiten ihrer eigenen Religion und bei der Regelung der Bodensrage eingedenk sein des Wortes der Bibel im 3. Mos. 25, 23: „Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen ewiglich; denn das Land ist mein und ihr seid Gäste und Fremdlinge ror mir." Sie sollen auch denken des Wortes des großes Staatsmanncs Eavour, daß der europäische