Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 33 (21.8.1891)
- Date
- 1891-08-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 594 Oesterreichifche Wachenfchrifk. Nr. 33 rituellen Mord in dem Dorfe Neu-St. Anna, im Arader Comitate. Wahrscheinlich hatte dieses Blättchen dabei ebenso seinen realen Zweck vor Augen, wie der Preßburger Grcnzbote. In Arad wohnen einige reiche Juden, warum sollen diese nicht ein Bischen erschreckt werden dürfen, daß sie für die Unterdrückung der Lüge „plechcn". Der Vorfall in Neu-St.-Anna ist in jenem Blittchen, mit folgendem Aufputz erschienen und, in alle antisemitischen Blatter übergangen: „Der Schichter Löwenstein weilte mit seiner Frau im Hofe seines Hauses, als die Melonenverkäuferin Iulianne Baumann in den Hof trat. Der Schächter ersuchte das Mädchen, daß sie vom Boden Maisstengel herabholen möge Das Mädchen ging auf den Boden, wohin ihr gleich darauf Löwenstein und seine Frau folgten. Kurze Zeit nachher hörten die Nachbarn vom Boden her ein gellendes Hilferufen und sahen, als sie herbcieilten, die Baumann erschrocken und hastig die Bodenstiege herabrennen. Hiebei schrie das Mädchen stets: „Sie wollten mich ermorden!" Tas Arader Bizegespans-Amt erhielt hierüber den ganzen Tag hindurch leinen Bericht, „lieber telegraphische Anfrage langte sodann Abends vom VilLgoser Oberstuhlrichter Kabdebo folgendes Telegramm an den Vizegespan: „Mord iil nicht erfolgt, Löwenstein wird des Versuches verdächtigt. Untersuchung im Zuge." Cs wird behauptet, daß die Schächterin das Mädchen geschlagen hatte und diese aus Rache die Blutbeschuldigung aussprengte. Die Arader jüdische Kultusgemeinde telegraphirte sofort an ihren in Ems weilenden Oberrabbiner Rosenberg, derselbe möge sofort in Folge des Nen-Szent-Annaer Falles nachhause kommen. Vizegespan SzathmLry begibt sich nach Neu -Szent-Anna." Jeder vernünftige Leser wird aus dieser, selbst so prächtig .ausstaffirtcn Meldung die Unbedeutenheit der ganzen Geschichte herausfinden, die in einem elenden Dorfe, ivie dieses St.-Anna ist, wo auf einen Schrei die ganze Bevölkerung zusarnmenlauft, eine kleine „Hetz"' veranlaßt haben mochte. Aber die antisemitischen Blätter machen sich einen fetten Braten daraus, ivie der Teufel in der Noth Fliegen frißt. Das „deutsche Bolksblatt" nennt es „ einen unerhörten und höchst bedenklichen Vorfall" und zählt ihn schon zu den Schreckensthaten der letzten Tage. Soll man da mehr über die Schlechtigkeit oder über die Lächerlichkeit des Herrn Bergan i staunen? Angesichts der Bestialitäten, die von Ariern in der letzten Zeit verübt wurden, den Muth zu haben, aus der Aussage eines verlogenen Mädchens, ein Jude habe sie ermorden wollen, einen unerhörten Vorfall zu construiren, um gegen das ganze Judenthum zu Hetzen! Haben die „Judenblätter" die menschlichen Ungethüms Fukatsch oder Schneider auf das Conto des Christenthums oder Arierthums gestellt? Die „Judenblätter" unterdrückten sogar dieser Tage aus Rücksicht für das Christenthum eine sensationelle Meldung aus Lissabon, daß in demdortigen Nonnenkloster „Schwestern der heiligen Dreieinigkeit" die Novize Sara Percira, ein Mädchen vou außerordentlicher Schönheit, plötzlich gestorben und daß die Todtenschau ergeben hat, daß dem Mädchen zuerst Gewalt angethan und dann Gift gegeben worden war. Die Hetze mit dem Blutmärchen wächst mit der Verrohung des Volkes, diese wird aber systematisch durch die Juden hetze betrieben. Dieser Zirkel kann nur durchbrochen werden wenn den antisemitischen Hetzblättern das Handwerk gelegt wird, indem sie gezwungen werden, ihre Lügen zu widerrufen. Von den einheimischen und fernen Chinesen. Dem „Vaterland" vom Montag, den 10. d. M. entnehme ich folgenden Artikel: „Das Blaubuch über die Unruhen in China:" „Dem englischen Parlamente wurde am 4. August der Schriftwechsel über die antieuropäischen Unruhen in China unterbreitet. Die chinesische Negierung theilte ihrem Gesandten iit London mit, daß int Juni in sieben verschiedenen Plätzen, nämlich in Wuhu, Tanyang. Woo ch (in der Nähe von Kinkiang), Wusich (in der Nähe von Soochow), Chingkwan, Nangwoo unb Kiangyen Unruhen vorgcfallen seien. Am 10. Juli gab der chinesische Gesandte dem Lord Salisbury von dem Inhalte dieser Mittheilung Kenntnis;. In einem Drahtberichte an Sir I. Wal sh am erklärte der englische Premier, er hoffe, daß die chinesische Regierung alle betheiligten Uebelthäter zur Verantwortung ziehen werde. Die chinesischen Behörden halten die Ausschreitungen für das Werk geheimer Gesellschaften oder entlassener Soldaten. In aufrührerischen Anschlägen waren die Katholiken beschuldigt worden, chinesische Kinder zu entführen, ihre Augen und Eingeweide, Herz und Nieren zu schändlichen Zwecken zu verwenden und die Behörden zu bestechen. Diese werden andererseits angeklagt, den „Barbaren" ihre Beihilfe geliehen zu haben. Der britische Consul in Hankan übersandte Salisbury die im Großen und Ganzen mit den früher veröffentlichten Berichten übereinstimmenden Aussagen der Augenzeugen über die Ermordung der Herren Green und Arg ent in Wunieh am 5. Juni. In einem vom 9. Juni datirten Briefe schreibt Consul Gardner über denselben Gegenstand: „Herr Ar ge nt handelte mit großer Kaltblütigkeit und Entschlossenheit, verlor jedoch sein Leben bei dem Versuche, die gefährdeten Damen zu retten. Ich bin überzeugt, daß einige wenige entschlossene Männer die Unruhen hätten unterdrücken können. Von den vier chinesischen Regierungsbeamten in Wunieh benahmen sich drei infam und einer stupid. Die Nachsicht, mit welcher die Behörden der Verbreitung antichristlicher Broschüren und Plakate zugeschaut haben, hat den Ausbruch der Unruhen wesentlich beschleunigt . .. . u. s. w." In einem anderen clericalen Blatte lesen wir: „Wie die Statthaltcrcicn bc-.t Erlaß des Kaiser von China über den Schutz der Fremden ansführen, erhellt ans einein Briefe vom 27. Juni aus Tsien-Kiang, der inittheilt, daß der dortige Vizekönig den Beamten befohlen habe, die Häuser der Fremden nach den Leichen oder Gebeinen von Kindern zu durchsuchen. So wurde die Presbyterianer-Mission, während der Pöbel draußen wartete, durchstöbert. Wenn die Behörden selbst auf diese Weise den von den Hetzern ausgcstreuten Gerüchten, die Christen schlachteten Kinder, den Stempel der Wahrscheinlichkeit ansdrücken, darf rnan sich nicht wundern wenn sic von den unwissenden Massen geglaubt werden. In demselben Orte versuchte der Pöbel, die römisch katholische Mission zu stürmen, wurde aber von den Missionären bis zur Ankunft des Militärs in Schach gehalten. Im Süden der Provinz wurden mehrere Kirchen zerstört, in Fuchenbu drangen die Räuber in die Kirchen und Pfarrhäuser ein und schleppten fort, was sie tragen konnten; daß Waisenhaus blieb unbehelligt. Infolge dessen durchziehen Patrouillen die Straßen." Difficile 68t, satyram non scriberel Es ist selbstverständlich, daß jeder gebildete, jed.'r fühlende Mensch von Trauer über diese Ausschreitungen eines fanatisirten, rohen Pöbels erfüllt lvird, daß der Genius der Menschheit sein Haupt verhüllen muß über die von M.mschen an Menschen um ihres Glaubens, um ihrer Abstammung willen verübten Gräuel. Aber was mir unfaßbar bleibt, ist der Umstand, daß eben dieses Blatt es wagt, Sätze wie die oben gesperrten überhaupt zu reproduciren.