Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 33 (21.8.1891)
- Date
- 1891-08-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Oesterreichifchr Wochenfchrrfi Seite 593 stubenbesitzers Her zum verübt der bosnische Hausirer Salich Aga Sofradca einen Mordversuch. Den 6. August. Der Brudermörder Joses Gail hart wird in Baumgarten bei Wien verhaftet. Den 9. August. Der Knecht Johann Weiß ersticht seinen Herrn. Den 10. August. In Tuben verübt ein Sträfling an einem Werkmeister einen Mordversuch. Den 11. August. In Graz wurde die Dienstmagd Betti Nenmaycr durch den Tischlergehilsen Carl Kahr ermordet. Den 12. August. In Ohesdorf bei Gmunden wird der Maurer Heuschober ermordet. Den 12. August ermordet der Schlossergehilfe Josef Lang die von ihrem Gatten getrennt lebende stiosalia Deimel. Den 13. August. In Wiener-Neustadt ermordet der Korbflechter Bürger seine Frau. Da ist der Mord an der unglücklich?»: Familie Emeder, und das Mörderpaar Schneider nicht mit ailfgefuhrt. Welch ein Geheul gäbe es in der antisemitischen Preßmeute »venu der Müdchenmörder Schneider zufällig jüdischer Abkunft gewesen wäre! Herr Vergant und seine Genossen betrachten offenbar den Mord abs ein Privilegium der eigenen Rasse, in deren Bor-rechte ein inferiorer Jude nicht eingreifen darf, und lver den Proceß Karl Fukatsch in Znaim mit einiger Aufmerksamkeit verfolgte, der hatte vor sich das Bild einer Familie, aus deren Mitte die Antisemitenhäuptlinge schockweise emporwachsen müssen. Dieser Gutsbesitzer, der ein Gut kaust ohne Kreuzer Geld, gegen die Verpflichtung, die darauf lasteirden Schulden zu überirehmen, und seine Schwester ermorden läßt, um sich flott zu machen — er geht auch gelegentlich in eine Antisemiten-Versanrinlung, um gegen die Ausbeutungssucht der Jrrden zu donnerrr. Karl F u k a t s ch war reif für ein antisemitisches Mandat! Und welch' seltsame'; Familienbild, das Verhältnis zwischen der alten Frau Fucatsch rurd ihrer Tochter, über deren Tod die Grstere ihren ganzen nrütterlicheir Schmerz und Jammer irr die gleich ziltigen Worte faßt: „Ro, die Fanny ist halt todt", oder nach einer andern Version, von der Mutter des Dienstmädchens mitgetheilt: „'s Mensch is nit hin, aber die Frau u hin!" So spricht eine Mutter, deren Tochter soeben ermordet worden. Und die Tochter sprach bei Lebzeiten von ihrer Mutter: „Gott soll mich nit strafen, aber m.üne Mutter ist ein Teufelsweib". Und ein anderesmal: „Ich will mich nicht versündigen, aber meine Mutter ist ein Teufel, ein Teufel, ein Teufel! Und wie sprach die Schwester von ihrem Bruder: „Ich weiß nicht, aber wenn er neben mir sitzt, kommt er mir vor wie ein Panther, und ich meine jeden Augenblick, daß er sich auf mich stürzen will!" Das sind Familienverhältnisse, wie man sie freilich in einem Hause der inferioren semitischen Rasse nicht leicht findet. Und von geradezu kulturhistorischem Interesse ist das Anerbieten jenes Zeugen, der vor dem Gerichtshöfe durch sein wunderthätiges Meßbuch den Mörder überweisen will. Er hat auch jenes Meßbuch bereits erprobt; er hat einen präparirten Schlüssel darauf gelegt, hat sich dabei den Angeklagten als beit Mörder gedacht und siehe da — das Meßbuch hat sich unter der Wirkung dieses Gedankens herum gedreht. Er dachte sich dann die Magd als die Mörderin; da aber blieb das Meßbuch ruhig liegen, es drehte sich nicht herum. Aber mit dieser Einfalt verbindet das kindliche Gemüth einen sehr praktischen Sinn. Der Besitzer des wünderthätigen Meßbuches macht Anspruch auf einen Ergreiferlohn von 1000 fl., möchte aber vor Allem, als hätte er Stettenheim's „Wippchen" mit Nutzen gelesen, um einen Reisevorschuß gebeten haben . . . Und da wundern wir uns über die zunehmende Verwilderung der Massen und das Wachsen des AntisemitisnmS! Allein je mehr in einer Zeitepoche die Verwilderung der Sitten um sich greift und die Mordthaken überhand nehmen, desto größer muß der Neid gegen die Juden sein, die an dieser Verrohung nicht theilnehmen und ihre Hände nicht mit Blut beflecken. Man muß ihnen also Mordthaten andichten! Und weil doch nichts gegen sie zeugen will, nachdem sie diese Verbrechen wirklich nicht verüben, muß man ihnen mysteriöse Morde andichten, muß man nöthigen Falls die eigenen Morde ihnen unterschieben. Daraus ist das Märchen vom rituellen Morde entstanden. Dasselbe verdankt seine Erfindung der schrecklichsten Zeit des Mittelalters, wo Alles vo.n Blut trof, die Scheiterhaufen lichterloh gen Himmel brannten, die „Gottesurtheile" als gesetzliche galten, die Blutrache die öffentliche Rechtspfl-ge unterstützte und das noch in unsere Zeit herüberragende Duell in höchster Blüthe stand: durfte man zugeben, daß nur der Jude vom Blute rein war? Ein erfinderischer Kopf gab die Parole -aus, die Juden vergießen heimlich Blut und sie brauchen dieses Blut sogar zu ihrem Passahfeste — stecken also um hunderte von Jahren noch tiefer in der Barbarei, als die andern Völker — bringen sogar noch Menschenopfer dar. Und immer, wenn der Fortschritt gehemmt wurde und die Reaktion und rnit ihr die Verwilderung der Sitten eine zeitlang wieder Macht gewinnt, wurde das Blutmärchen aufgefrischt, weil man sich schämte, daß der Jude der allein Gesittete in der allgemeinen Barbarei ist. So that es auch gegenwärtig der Antisemitismus; im Dienste der Reaktion hat er das Volk verroht. Die Morde stehen an der Tagesordnung, eine Blutthat reiht sich an die andere. Bei diesen Zuständen, die nicht viel schlimmer sein könnnten, wenn schon die ganze Gesellschaft außer Rand und Band gerathen wäre, gegen die das Leben im Bakonyer Wald eine reine Idylle ist, steht das Judenthum abseits und zeigt stolz auf seine unbefleckten Hände. Diese Schmach können die Antisemiten nicht überleben, und das Blutmärchen muß herhalten, um zu zeigen, daß die Juden noch ärger als die übrige Welt sind. Und darum wachsen jetzt die Fälle der rituellen Morde wie Pilze aus der Erde. Obwohl jeder Denkende sich sagen muß: Selbst wenn die Jaden dieses Verbrechen wirklich begangen, sie es doch gerade jetzt, unter den Augen des Antisemitismus, nicht begehen würden. Aber die plumpeste Lüge zieht noch bei den verblödeten Massen. Die antisemitischen Provinzblätter sind darauf abgerichtet solche interessante Fälle von rituellen Morden zu erfinden und dann machen diese Runde durch den ganzen antijemischen Blätterwald, wobei jedes Blatt den Fall gruseliger schildert, bis die Lüge mit so viel einzelnen Umständen bekleidet ist, daß an ihrer Wahrheit gar nicht mehr zu zweifeln ist. Die erfinderischen Provinzblätter verbinden aber dabei die Propaganda für die „heilige Sache" mit ihrem materiellen Stützen. So hat vor einem Monate der in Preßburg erscheinende „Oest-ung. Grenzbote" die Abschlachtung eines Christenmädchens von Juden aus Pestyen gemeldet, und dazu gesetzt, er werde den Fall mit aller Aufmerksamkeit verfolgen. Ein Kurort kann leicht in Mißkredit kommen; der Pächter Pestyens sandte also schon am nächsten Tage dem „Grenzboten" ein großes Inserat und eine spaltenlange Terteinschaltung und das Blatt brachte kein Wort über den von ihm erfundenen rituellen Mord in Pestyen. Ein anderes ungarisches Provinzblättchen erfand dies» Tage einen -f %:■