Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 32 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020880--00605-3024603- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 584 Oesterreichifchr Wochenschrift. Nr. 32 und der Pauschallverdächtigungs-Apparat functionirte wieder mit vollem Dampf. Nun brachten Anfangs der Woche sämmtliche Wiener und auswärtige Journale Berichte über eine sensationelle Zolldefraudations-Affaire, bei welcher kein einiger Jude verwickelt ist. Diese vom Antiscmtten-Blatte todtgeschwiegene Holldefraudations-Affaire spielte sich in der gut und rein arischen Stadt Schluckenau ab. Die verhängten Geldstrafen übersteigen den Betrag von 100.000 fl., die Ärrestst.afen machen nahezu eine Generation aus. Gin biederer Teutone, der auf der urgermanischen Namen Karl Gotthelf Jährig hört, erhielt allein 49.101 st. Geldstrafe, eventuell 4 Jahre Arrest zuerkannt u. s. w., während im Falle Gern groß das Höchstausmaß der Strafe 10.000 st., respectioe 6 Monate Arrest betragen hatte. Bekannt ist Wetters, daß sich die Millionen-Bermögen eine) erheblichen Theiles der arischen Großindustriellen von Zollmachinationen dctttten. Prag. (Fünzigjähriges Doctor-Jubiläum.) Der ob seiner langjährigen ärztlichen Berufsthätigkeit und seines humanen Wirkens in den weitesten Kreisen hochgeachtete emeritirte Universitätsdocent Herr Med.-Dr. Jacob Schütz beging am 6. d. M. die Feier seines 50-jäh igen Doctor-Jubiläums. Nur wenigen, von der Vorsehung besonders begnadeten Sterblichen ist es gegönnt, einen auf der irdischen Laufbahn so weit entfernt liegenden Markstein in rüstiger Kraft des Körpers und Geistes zu erreichen. Abgesehen von einer ausgebreiteten ärztlichen und literarischen Wirksamkeit hat Dr. Jacob Schütz seine humanitäre Thätigkeit auch auf allen Gebieten der öffentlichen und privaten Wohlfahrt in reichein Maße entfaltet. Erst vor Kurzem wurde anläßlich der 50jährigen Jubelfeier des israelitischen „Nächstenliebevereines" von bemfenerSeite der regeAntheil geschildert, den Dr. Schütz an der Gründung und Entfaltung dieser zu so großem Aufschwünge und so segensreichen Leistungen gelangten Institution genommen hat. Noch unvergessen sind auch die Verdienste, die sich Dr. S ch ü tz dadurch erworben hat, daß er einer der ersten Aerzte war, bei durch populäre Vorlesungen über private und öffentliche Gesundheitspflege das Interesse weiterer gebildeter Kreise unserer Stadt für die das allgemeine Wohl fördernde Disciplin der Hygiene und der Diätetik zu wecken und rege zu erhalten verstanden hat. Die Feier gestaltete sich denn auch zu einer glänzenden Manifestarion der allgemeinen Hochachtung und Verchnmg, deren sich der Jubilar nicht allein bei seinen Berufsgenossen, sondern auch in den weitesten Kreisen der Bevölkerung erfreut. Vertreter der hiesigen ärztlichen Corzioralionen und Delegirte anderer wissenschaftlichen wie auch Humanitären Vereine erschienen in der Wohnung des Herrn Dr. Schütz, um demselben ihre Glückwünsche darzubringen. Dieser hatte jedoch, um den Aufregungen eines so bedeutungsvollen Moments;u entgehen, es vorgezogen, diesen Tag fern von Prag, im Kreise seiner Familie zu verbringen, und so mußten denn Deputationen und Gratulanten sich begnügen, ihre Namen in den aufliegendcn Bogen zu verzeichnen. Außerdem langten im Laufe des Tages zahlreiche Geschenke, kostbare Blumenspenden und massenhafte telegraphische und briefliche Beglückwünschungen ein, deren Eröffnung selbstverständlich warten muß, bis der Jubilar wieder in Prag eintreffen wttd. Prag. 10. August. Großartige Manifestation für religiöse Gleichberechtigung. Bei dem Umstande, daß manche deutsche Lehrer es mit ihrer Stellung für vereinbarlich halten, nicht nur jener Garde anzugehören, die Racen- und Glaubenshaß predigt, sondern sogar oft in den vordersten Reihen derselben zu stnden sind, ist es sehr erfreulich, wenn chrfftliche Lehrer mit ihren jüdischen Mitbürgern in collegialer Freundschaft leben, wie es in den letzten Nummern Ihres geschätzten Blattes in der Correspondenz aus Neuhaus geschildert wird. Was ist jedoch dieser an sich jedesfalls erfreuliche Fall gegenüber jener großartigen Manifestaüon, über die zu berichten mir heute vergönnt ist? Bei der dieser Tage hier abgehaltenen, von nahezu neuntausend Theilnehmern besuchten Versammlung czecho-slavischer Lehrer aus Böhmen, Mähren und Schlesien wurde einstimmig eine Resolution gefaßt, deren 4. Absatz in wörtlicher Uebersetzung wie folgt lautet: „Den Bedürfnissen der czechischen Nation kann nur eine solche öffentliche Schule entsprechen, welche den Bekennern aller Glaubensbekenntnisse gleich zugänglich ist, und welche gegenüber allen Glaubensbekenntnissen gleich gerecht ist, was einzig und allein den durch die Staatsgrundgesetze gewährleisteten Glanbens- und Gewissensfreiheit entspricht. Dieser Beschluß ist der Ausdruck tiefinnerster Ueberzeugung der hiesigen czechischen Lehrer, ous deren Mitte sich auch nicht eine Stimme gegen diese für volle Glaubens- und Gewissensfreiheit eintretende Resolution erhob. Amsterdam. (Für die russischen Juden.) Das bedeutendste Journal Hollands, die Amsterdamer Handelszeitung, veröffentlicht den Aufruf eines Comites, welches sich in Amsterdam zur Unterstützung der russischen Juden bildete. Diesem Comite, an dessen Spitze der ehemalige Bürgermeister von Amsterdam, G. von Tienhoven, der Berather der Königin- Regentin und gegenwärtige Minister-Präsident, steht, gehören die ersten Persönlichkeiten Amsterdams, unter ihnen mehrere christliche Geistliche: Dr. P. Deetmann, Dr. E. Laurillard, Dr M. A. Perk, und Andere an. In dem Anrufe wird der barbarischen Verfolgung der Juden in Rußland erwähnt und darauf hingewiesen, daß von jeher Holland das Land der religiösen Toleranz, das Land, welches sich der um ihres Glaubens willen Verfolgten angenommen, gewesen sei. Dem Beispiele Amsterdams folgend, sind auch in anderen größeren holländischen Städten derartige Hilfscomites in Bildung begriffen. Der hiesige Aufruf trägt nachstehende Unterschriften: Mr. G. van Tienhoven, Bürgermeister von Amsterdam; Dr. A. W. Berns; Kolonel F. W. Boellaard Tot Herwijnen; Charles Boisserain; Dr. P. Dcetmann, Predikant; Julius Eltzbacher; Prof. Dr. W. M. Junning; H. C. A. Henny; A. Roland Holst; Dr. C. W. Janssen; I. H. A. A. Kalfi; Dr. E. Laurilard, Predikant; Mr. I. L. de Le ä Ö Laguna; Pros. Dr. I. C. Mathcs; Mr. F. S. van Nierop; Fritz Ol ie; Dr. M. A. Perk, Predikant; Adr. Prins; Dr. P. H. Ritter; Major I. E. van Schermbeeck; F. I. W. H. Sch nutz; I. A. F o urs; H. van de Velde Hzn; G. Vas V i s s c r; M. de V r i e s van B u u r e n; Mr. W. S. I. van Watershoot van der Gracht; A. C. Wertheim; (Am helstraat 30) I. B. W ü st e. London. Unter den fürstlichen Persönlichkeiten, die von Zeit zu Zeit die Küsten unseres Landes besuchen, gibt es wohl keine, der die Juden inehr Sympathien entgegenzubringen geneigt wären, wenn sie sich nicht auf ihren Reisen ein geheimes Jncognito hüllen würde, als dem Kronprinzen von Italien. Der Sohn des Königs Humbert, dem so viele Juden auf verantwortungsvollen Posten ihre Dienste widmen, und den Königin Margherita, die mit Eifer das Hebräische studiert, muß natürlich für die englischen Juden eine interessante Erscheinung sein, die, im Besitze aller bürgerlichen und politischen Rechte, mehr als andere in der Lage sind, die überaus großen Dienste zu schätzen, die das regierende Königspaar in Italien der Sache der Freiheit und gesellschaftlichen Gleichberechtigung geleistet. Wir haben cs nicht nöthig. die Geschichte der Juden in Italien seit den Tagen Victor Emanuels zu erzählen, welcher einen Juden in der Person des noch lebenden Senators Jsak Artom dadurch ehrte, daß er ihn als seinen bevollmächtigten Minister nach Kopenhagen entsendete. Das laufende Jahr selbst bietet uns einen bemerkenswerthen Beweis für die Thatsache, zu welcher hohen Stellung die Juden in Italien sich emporgeschwungen haben; wir brauchen nur daran zu erinnern, daß der bedeutendste Posten in dem gegenwärtigen Eabinet nach jenem, welchen der Premier selbst als Minister des Auswärtigen bekleidet, der des Finanzministers ist, zu welchem unser Glaubensgenosse Signor Luzzatti im Februar d. I. berufen wurde. Signor Luzzatti hat durchaus keine leichte Aufgabe, wenn er