Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 32 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 582 Oesterreiltzische Wochrnfchrist. Nr. 32 findet!-O Mund, wenn du sprechen möchtest! O Zunge, warum sagst du nicht, was du weißt und fühlst?" Zum Schluß erbietet er sich zu Auskünften in Sachen Portugals, der Verheiratung des Oraniers und dergleichen und bitlet den König, ihn unter dem Siegel des größten Geheimnisses zu benachrichtigen, wenn er seine Dienste in Anspruch nehmen wolle; „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die Welt geschaffen, möge Ew. Majestät beistehen und Sie barmherzig mit Ihren Juden sein lassen, die Gott ja nicht vergessen, sondern nur zu ihrer Strafe ins Unglück gestürzt hat!" Hieronymus Lorm. Am 9. August feierte Deutschland den 70. Geburtstag eines seiner -besten und edelsten Geister der Gegenwart, des Dichter-Philosophen Hieronymus Lorm. Mit Stolz konnten wir Juden Dheil an dieser Festesstimmung nehmen, denn der Jubilar ist einer der Unserigen. So sehr die Antisemiten auch bestrebt sind, alles Semitische aus der deutschen Literatur auszumerzen, wenn sie auch damit den deutschen Dichterwald entblößen. Der Name Hieronymus Lorm wird genannt, so weit die deuffche Zunge klingt und wird genannt werden, so lange sie klingt. Und Hieronymus Lorm hat sogar viel, sehr viel Semitisches in die deutsche Dichtung hineingetragen! Ist denn nicht sein von himmlischer Ruhe getragener Pessimismus semitisch? Das ist der Pessimismus eines Hiob, Koheleth und nicht der Pessimismus eines Prometheus oder einer Niobe. „Jesus Christus war der erste christliche Pessimist", sagt Lorm selbst, um seinen Pessimismus zu kennzeichnen, „denn sein Reich war nicht von dieser Welt". An eitler anderen Stelle sagt er wieder: „Der wahre Pessimist ist auch im tiefsten persönlichen Unglück ruhig, wenn es ein dauerndes ist, heiter; denn von dieser Welt nichts mehr hoffen, nichts mehr wollen sichert der Seele die Heiterkeit des Ewigen". Ein solcher Pessimist ist jeder wahrhaft biblisch Gläubige; im Gegensätze zu dem Frankfurter Philosophen, der wie ein altes Weib keift. Selten ist ein menschliches Schicksal tragischer gewesen als Hieronymus Lorm's. Von frühester Kindheit an kränklich, warf sich sein Schicksal auf die ed lsten Sinnerorgane, daß er mit 15 Jahren völlig taub und batb blind war, und niemals ist ein solches Uebel mit edlerer Resignation ertragen worden, daß der so schwer Heiingcsuchte noch das Lob der Natur singt, wie Lorm in seinem Werke „Der Naturgruß". Das ist semitisches Empfinden, das Psalmen in den Leiden singt. Hieronymus L o r m stammt aus einer alten jüdischen Familie zu Nikolsburg in Mähren. Sein eigentlicher Name ist Heinich Landesmann, sein Geburtstag der 9. August -1821. Schon in seinem ersten Lebensjahre kam er durch die Uebersiedlung seiner Eltern nach Wien. Sein Elternhaus war der Sammelpunkt aller literarischen und Kunst-Größen der Kaiserstadt, und das kränkliche Kind war empfänglich für die geistigen Eindrücke dieses Kreises. Friedrich Boden st edt gibt uns in seinen „Erinnerungen aus meinem Leben" ein Bild von dem Elternhause L orm's aus dem „tollen Jahre." Er wurde von Berchold Auerbach, der um die Hand einer der Töchter des Hauses warb und sie später auch erhielt, in das Landesmann'sche Haus eingeführt, „prunk- und pranglos bot Alles in diesen behäbigen Räumen den Geist auf ein paar Stunden von den politischen Wirren abzulenken." „Die täglichen Gäste des Hauses waren Betti P a o l i, Oesterreichs gefeiertste Dichterin, Friedrich Hebbel, Karl Beck und Andere. Den Hauptschmuck des Hauses bildeten Nina und Bertha, die Töchter." Welcher bürgerliche Arier machte vor vierzig, fünfzig Jahren ein solches Haus in Wien? „Den Mittelpunkt der Gesellschaft", schreibt Bodenstedt weiter, „bildete der junge Sohn des Hauses, Heinrich Landesmann, der von der tückischen Natur mit Taubheit geschlagen, an der Unterhaltung nicht unmittelbar theilnehmen konnte, aber durch Fragen und Zwischenbemerkungen die Unterhaltung zu beleben wußte, daß die Stunden dabei unmerkbarrasch entschwanden". Den Unterhaltung floss bildeten die Erzählungen Bodenstedt's aus dem Orient, aus welchen später „Mirza Schafsy" entstand. Und Bodenstedt sagt: „Ohne die ernsten Mahnungen Auerbach's, meine Erzählungen aus dem Orient durch das geschriebene Wort festzuhalten, würde ich schwerlich auf den Gedanken gekommen sein, das zu thun. Dieses Haus war die Wiege des Mirza Schafsy, welche zuerst von Heinrich Landesmann geschaukelt wurde." Zur Charakterisirung des Geistes des jungen Heinrich Land es mann erzählt Bodenstedt folgende E-pisode: Heinrich Landesmann besuchte ihn einmal mit einem Dolmetsch seiner Fingersprache in seiner Wohnung. Bodenstedt schlief auf dem Sopha. Da nahm der junge Landesmann ein Stück Papier und schrieb mit einem Bleistift: An Mir;a Schafft)! Am Schlafe noch voll Geist, Voll Weis/eit noch in Träumen, Ta du im Schlafe;u versäumen Die lästigen Besuche weißt; ließ dann den Zettel auf dem Tische liegen Ultd entfernte sich wieder, ehe Bodenstedt noch erwachte. Liegt nitt in diesen Versen der Geist Jben-Esra's? Durch seine physischen Leiden war Heinrich Landesmann auf den Weg der autodidaktischen Fortbildung angewiesen, aber dadurch gelangt er zu einer Innerlichkeit, die seinen ersten Büchern schon das Gepräge der Reife geben. Die im Jahre 1846 von ihm erschieneiten „Wien's poetische Federn und Schwingen" nöthigten ihit, wegen ihrer politischen Färbung nach Berlin zu flüchten. In Berlin nahm er das Pseudonym „Hieronymus Lorm" an — Hieronymus, weil der erste Heilige, der über die Einsamkeit schrieb, so hieß, und Lorm nach einer Person in einein Romane von James, zu der sich Land es mann sympathisch hingezogen fühlte. Das Jahr Achtundvierzig führte ihn^nach Wien zurück, wo er aus die hier neuerwachte Journalistik entscheidenden Einfluß nahm. Gutzkow bezeichnet in seiner Geschichte des Feuilletons Hieronymus Lorm als „den Schöpfer des deutschen Feuilletons, soweit es lebensphilosophischen Inhalt hat." Neben seiner journalistischen Thätigkeit begann ermit novellistischen Arbeiten. Von seinen vielen Romanen behandeln