Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 32 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 580 Oestrrreichifche Wochrnfchrifl. Nr. 32 Volk vergiftet und die Zukunft der Nation gefährdet? Sic sind in die Schranken getreten und ftagten nicht darnach, daß sie von den antisemitifchen Organen angegriffen und ihr menschlich Fühlen als „Judendienst" ausgegeben wurde; sie haben mit ihrer muthigen Sprache die Journalistik angefeuert, die sonst nu.- den Interessen des Tages dient und mit dem Strome schwimmt, und nun aber ihnen tapfer assistirte. Alle Verdächtigungen werden dem Ruhme Roseggers oder Jokai's nicht schaden. Wenn Turgenjew für die gute Sache eingetreten wäre, so würde auch er zwar die antisemitische Meute nicht verstummen gemacht, aber doch diejenigen Blätter Rußlands mit sich fortgerissen haben, die indifferent geblieben, indifferent, weil sie sich umsahen und nirgends den höheren Geist fanden, der ihnen die Parole hätte geben sollen. Nur so konnte die Barbarei in Rußland fortschreite», weil sich ihr keine einzige Warnungsstimme in den Weg stellte. Man spricht von der Gleichartigkeit der Zweige eines Völkcrstammes: sehet nur den Unterschied zwischen Russen und Polen; die Blüthe dieser ist eine ganz andere, wie die jener. Die Blüthe einer Nation sind ihre Dichter und Schriftsteller. Welche Stellung nahm der vor einem Jahrc verstorbene große polnische Schriffftellers Kraszew s ky in der Judenfrage ein? Ein Brief desselben an den polnischen Dichter Wladislaw Biel; legt hiefür das sprechendste Zeugnis; ab. Er schreibt am 7. August 1686: „Lieber Wladislaw! Ich wende mich an Sie in einer Angelegenheit, die mir sehr wichtig und auch der Welt nicht gleichgiltig ist. Ich thue dies nicht nur iin Interesse der Allgemeinheit, sondern auch im Einklang mit meiner innersten persönliche Ueberzeugung. In den polnischen Provinzen und Goubernien wird jetzt gegen die Juden gehetzt; einige russische Publizisten thun ihr Möglichstes, um Unfrieden zwischen Polen und Juden zu stiften und sie in erbitterte Gegner zu verwandeln; ein Menwrandum über die Judenftage ist ausgestellt worden. Es ist durchaus nothwendig, die drohende Gefahr rechtzeitig abzuwenden und mit allen Kräften das Einvernehmen beider Nationen wieder herzustellen. Nach dieser Richtung hin war ich von jeher thätig und auch jetzt, obwohl alt und sehrleidend, fühle ich mich nicht der Pflicht entledigt, Alles was ich vernrag, zu versuchen, uin das Unglück zu verhüten. Ich halte es für dringend nothwendig, eine gewissenhaft rrnd objectiv abgesaßte Schrift über die Judenftage erscheinen zu lassen, diese dürfte dann die Gemüther beruhigen. Ich gedenke, eine oder einige Prämien sür eine literarische Arbeit über die Judenfrage im Allgemeinen und in Polen im Besonderen, auszusetzen und beschwöre ich Sie, mein Vorhaben zu unterstützen. Wir müssen durchaus die Verfolgten schützen, die Verblendeten zur Vernunft bringen, die Erbitterten versöhnen." Und wie es in galizischen Blättern verlautet, soll im Testamente Kraszewsksts wirklich ein Paragraph enthalten sein, der sich mit dieser Angelegenheit beschäftigt und für die Dmchführung derselben eine beträchtliche Summe bestimmt. Wenn ein späterer Geschichtsschreiber die Ursachen der Glorie der polnischen Nation und des Verfalles Rußlands zu suchen haben wird, wird er gewiß auch diesem Briefe Kraszewsky's die oben citirte Aeußerung Turgenjew's gegenüber halten. An der Glorie wie an dem Verfall eines Voltes wirken in erster Linie seine geistigen Führer, je nachdem sie für Wahrheit und Gerechtigkeit einstehen, oder herabsteigen von ihren Thronen, auf die der Genius der Menschheit sie gesetzt, in den Pfuhl gemeiner Leidenschaften, die das Volk beherrschen. Die Christenverfolgung in China. Dem englischen Parlamente ist Krapp vor der Vertagung der diplomatische Schriftwechsel über diese Ausschreitungen unterbreitet worden. Wir entnehmen diesem Blaubuche Nachstehendes : „Die chinesische Regierung theilte ihrem Londoner Gesandten telegraphisch mit, daß im Juni in sieben verschiedenen Plätzen, nämlich in Wuhu, Tanyang, Wuyeh (in der Nähe von Kinkiang), Wusieh (in der Nähe von Suchau), Ehingkwan, Pangwu und Kiangyen, Unruhen vorgefallen seien. In einem Telegramm an Sir I. Walsham erklärte der englische Premier, er hoffe, daß die chinesische Regierung alle betheiligten Uebelthäter zur Verantwortung ziehe»! werde. Die chinesischen Behörden halten die Ausschreitungen für das Werk geheimer Gesellschaften oder entlassener Soldaten. In aufrührerischen Placaten ivaren die Katholiken beschuldigt worden, chinesische Kinder zu entführen, ihre Augen und E'ngeweide, Herz und Nieren zu schändlichen Zwecken zu verwenden und die Behörden zu bestechen. Diese werden ihrerseits angeklagt, den „Barbaren" ihre Beihilfe geliehen zu haben. Der britische Consul in Hankau übersendete Lord Salisbury die im Großen und Ganzen mit den bereits früher veröffentlichten Berichten übereinstimmenden Aussagen der Augenzeugen über die Ermordung der Herren Green und Argent in Wusieh am 5. Juni. In einem vom 9. Juni dalirten Briefe schreibt Consul Gardner über denselben Gegenstand: „Herr- Arg ent handelte mit große.- Kaltblütigkeit und Entschlossenheit, verlor jedoch sein Leben bei dem Versuche, die gefährdeten Damen zu retten. Ich bin überzeugt, daß einige wenige entschlossene Männer die Unruhen hätten unterdrücken können. Von den vier chinesischen Regierungsbeamten in Wusieh benahmen sich drei infam und einer stupid. Die Nachsicht, mit welcher die Behörden der Verbreitung antichristlicher Broschüren und Placate zu geschaut haben, hat den Ausbruch wesentlich beschleunigt." Ein Edict des Kaisers von China ist am 13. Juni erlassen und lautet in getreuer Uebersetzung folgendermaßen: „Von dem Tsungli Pamen ist Uns eine Eingabe zugegangen, in welcher Wir gebeten werden, infolge der mehrfachen Ummhen gegen die christlichen Missionen in den Provinzen den sämmtlichen Generalgouverneuren und Gouverneuren strikte Befehle zu geben, daß sie unverzüglich die geeigneten Maßregeln ergreifen." „Lange Jahre hindurch haben auch Chinesen und Fremde in Eintracht mit einander gelebt, wie kommt es nun, daß jetzt sich Dinge wie Niederbrennung von Missionen ereignen können, und zwar mehrfach zu derselben Zeit? Es nimmt Uns dies im höchsten Maße Wunder, und Wir ersehen daraus, daß es zahlreiche Verbrecher sein müssen, die heimliche Pläne zur Aufwiegelung schmieden, unsinnige Gerüchte verbreiten, um die Massen zu erregen, und dabei hoffen, eine Gele-