Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 32 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 32 Oestrrreichifche Wochenschrift. Seite 5."9 auf folgte die Ausweisung der Juden aus Witebsk (1697). Im Jahre 1736 (;ur Regierungszeit Anna's) wurden die Juden aus Kleinrußland ausgewiesen. Im Jahre 1742 wurde neuerdings anbefohlen, „Juden dürfen nach Rußland nicht eingelassen werden; nur solche, die sich bereit, erklären werden, den russischen Glauben anzunehmen, können sich in Rußland frei niederlassen." Katharina II. hatte mehreremale den Gin laß der Juden nach Rußland untersagt, weil „die Geistlichkeit dagegen ist." Die religiöse Seite der jüdischen Frage, sowie das Streben, die Juden zur Orthodoxie zu bekehren, traten besonders grell in der zweiten Hälfte der Regierungszeit Alexander's I. auf. Diese Zeit der allgemeinen Reaktion und des religiösen Mystizismus in Rußland ist reich an Zwangsmitteln, welche die Regierung „zum Seelenheile der Juden" angewendet hatte. Der damalige russische Kultusminister Fürst Galitzyu, welcher unter dem Regime Alexander's I. eine bedeutende Rolle spielte, machte den Juden in Rußland die Erde heiß. Ihm sind die Verordnungen vom 17 Jänner, 10. Februar und 22. April 1820 zu verdanken, welche den Juden untersagten, christliche Dienstboten zu halten und der christlichen Bevölkerung nicht gestatteten, bei Juden irgendwelche Arbeit zu verrichten, ihnen Pferde zu vermiethen :c. Nikolaus I. hatte gleich nach seiner Thronbesteigung die Ausweisung der Juden bewerkstelligen lassen. Schon 1825 wurden die Juden aus Astrachans und dem Gouvernement, sowie aus dem Kaukasus ausgewiesen. 1826 untersagte er den jüdischen Branntweinbrennern, sich im Innern des Reiches anzusiedeln. Am 2. Deeember 1827 erschien ein Ufas, welcher die Juden aus Kiew auszutreiben verordnete, während sie durch kaiserlichen Erlaß von 1794 und 1801 das Recht erworben hatten, sich in Kiew „srei niederlassen zu dürfen". Am 16. August 1828 wurde durch einen kaiserlichen Ukas neuerdings einreschärft, daß Juden, so lange sie in ihrem Glauben beharren, zu keiner Staatsanstellung zngelassen werden können. 1829 wurde die Ausweisung der Juden aus Sewalopolj und Nikolajew anbefohlen, konnte jedoch nicht dnrchgeführt werden, weil die Behörden dieser Städte in der Ausweisung der Jul eit „einen materielle» S ch a d e n f ü r die christliche Bevölkerung" erblickten. 1835 befahl Nikolaus I., die jüdischen Handwerker in Astrachans auszuweisen, und trotz Verwendung des dortigen General-Gouverneurs, welcher die Juden „als fleißige, für das Gebiet sehr nützliche Handwerker" bezeichnete, wurde dieser Besetz l durch ge führt. 1836 wurde den jüdischen Handtverkern in Shitomir und Knischin das Recht der freien Ausübung ihres Handwerkes entzogen, um sie von der christlichen Bevölkerung scruzuhaltcn. 1837 wurden alle Juden aus Sibirietl ausgewiesen, trotzdem sie 1627 auf ausdrückliches Ansuchen des ostsibirischen General-Gouverneurs dorthin zum ständigen Aufenthalte zugelassen wurden. Ebenso liegt uns eine Verordnung vom Jahre 1838 vor, welche den Juden in Wilna das Wohnen in den Hauptstraßen der Stadt untersagte. ... Wir müßten ein ganzes Buch schreiben, wollten wir hier alle Jltdenausweisungen in Rußland verzeichnen Nur eine Thatsache, die von der Verachtung des jüdischen Glaubens seitens der russischen Machthaber Zeugniß ablegt, sei hier noch angeführt. Das russische Ministerium des Innern richtete im Jahre 1837 an die Bezirkshauptmannschaften des Reiches eine Anfrage über den moralischen und religiösen Zustand der Bevölkerung. Die Behörde der Stadt Kaj > Gouvernement Wjatka) beantwortete diese Anfrage in folgenden Worten: „In der Stadt Kaj leben keine Juden."... Dadurch wollte die Behörde den gesunden moralischen Zustand ihrer Bewohner klar demonstriren... Durch die zahlreichen hier angeführten historischen Thatsachen, welche im Nothfalle verzehnfacht werden können, glauben wir den Beweis erbracht zu haben, daß die Leitmotive der Judenverfolgungen in Rußland stets in der religiösen Unduldsamkeit der russischen Regierungen zu suchen sind. Was die Juden in Rußland seit 1881 bis 1891 erduldeten und neuerdings erdulden ,nüssen, ist aller Welt bekannt. Es dürfte aber kaum schwer fallen, sich ein wahres Urtheil über den Charakter und die Motive der gegenwärtigen Judenvesolgungen in Rußland zu bilden... Die Geschichte wird nicht versäumen, das unmenschliche Vorgehen der gegenwärtigen russischen Regierung an den Pranger zu stellen. —g— Turgenjew» Krasxewsky und die Iudenfrage. Die auffallendste und für den Fortschrittsfrennd betrübendste Erscheinung bei der heutigen judenfeindlichen Strömung, die in das Mittelalter zurückfuhrt, ist das neutrale Verhalten so vieler Männer des Geistes, literarischer Größen, deren Won von Gewicht wäre. Ist ihnen das Bewußtsein ihrer Mission, für die sie von Gott begnadet wurden, abhanden gekommen? Die Literatur hat keinen anderen Zweck, als den, die Völker aus den Schlamm einer niedrigen und finsteren Gedankenwelt in reine lichtere Höhen zu erheben, um dem Leben einen neuen Inhalt zu geben, wo es verdorben und entartet ist. Wie käme denn sonst ein Volk vorwärts auf der Bahn der Menschheitsentwicklung? Allerdings in ruhigen Zeitläuften schaffen die (Leister unbewußt in dieser Richtung, indem sie still nach ihren Idealen arbeiten, allein wenn eine bereits überwunden geglaubte Zeit sicb wieder regt und in ihren Dienst alle Dämonen der Finsterniß. der Lüge und Ungerechtigkeit, der Falschheit und Heuchelei, der Rohheit und Brutalität nimmt, müssen die geistigen Führer der Völker im Vollbewustsein ihrer Mission kämpfend eintreten. Ueberall, wo der Antisemitismus ausgebrochen, sind doch einige literarischen Größen, auf deren Stimme das Volk noch hört, zu Gunsten der Verfolgten eingetreten. Auf Rußland nur haftet der volle Fluch, daß keiner seiner Geistesgrößen auch nur ein Wort verliert gegen die Barbarei, die seit Jahren dort an der Tagesordnung steht. Tie Vorsehung muß über diesem Reich die ganze Schale ihres Zornes ausgießen wollen, daß sie auch das Herz seiner geistigen Faktoren so verhärtete. Rußlands größter Schriftsteller der Gegenwart ist Turgenjew. Sein Ruhm war so festbegründet, daß sich die Machthaber selbst vor der Welt schämen hätten müssen, wenn er an ihrem Gewissen würde gerüttelt haben, er kannte auch die jüdischen Tugenden und erzählte er selbst bei Besprechung der Roth der russichen Künstler in Paris folgendes: „Bei mir war Antakolsky, an den man sich um Hilfe für die russischen Künstler gewandt hatte, und schlug vor, einen Verein zur Unterstützung der Russen ins Leben zu ruren. Aber woher Geld nehmen? srug ich ihn; nur Einer gibt bei solchen! Anlaß — Günzbuorg." Und doch hat er;?i allen den Grausamkeiten geschwiegen, die Regierung und Volk seit Jahren unausgesetzt an den Juden verübten. Er soll dafür eine Ausrede gehabt haben. Der „Nordische Bote" (Siewerny Wiestnik) erzählt folgende Episode: Der berühmte Bildhauer Antakolsky, bekanntlich ein Jude, bat Turgenjew, dieser möchte öffentlich gegen die Judenverfolgungen austreten, worauf Turgenjew antwortete, er f ür ch t e die Verleumdung, welche in bekannten Kreisen sich breit machen und fragen würde, wie viel man ihm dafür gegeben?" Hat eisich mit dieser Ausrede nicht nur noch mehr beschuldigt? Muß nicht der Dichter und Schriftsteller das Reich der Wahrheit und Liebe so viel an ihm ist, auszubreiten suchen und dem Edlen seine Thätigkeit weihen, wenn er auch darunter zu leiden hat? darf er lügen und heucheln, weil auch die ganze Welt lügt und heuchelt? Hat bei uns Rosegger oder Jokai in Ungarn auch mit einer solchen faulen Ausrede die Hand in den Schooß gelegt und gleichgiltig zugesehen, wie der Antisemitismus das