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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-08-14 · 32 (14.8.1891) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
32 (14.8.1891)
Date
1891-08-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 Oesterrei.tzifche Verkennung, Verspottung, Verhöhnung, Verleumdung, Verlästerung und Verfolgung, non Gehässigkeit, Grausamkeit und Groll erzählen. Sie haben, trotz der schweren Prüfungen, die sie zu bestehen hatten, sich nicht in ihrer welthistorischen Aufgabe beirren lassen. Wie ein Fels im Meere blieben sie standhaft, trotz der Wellen, die sie umbrausten, und wie dem Salamander in der Sage konnte ihnen das Feuer der Scheiterhaufen nichts anhaben. Anstatt sie zu erschüttern, haben die zahllosen Angriffe denen sie ausgesetzt waren, sie nur bestärkt in ihrer Treue und Anhänglichkeit. „Ter Jude wird verbrannt", laßt Lessing den Patriarchen in seinem Nathan sagen, aber, wie man sieht, nicht verzehrt und nicfjt in Asche verwandelt. Er ist, wenn es gestattet ist, ein" finanzielles Bild zu gebrauchen, die feuerfeste Eassc in der Geschichte, in welcher die heiligsten Urkunden der Menschheit aufbewahrt werden. Was aber sind die Folgen des Antisemitismus für das deutsche Volk? Selbsterniedrigung, Selbstverstümmelung. Der Haß gegen die Inder: hat eine solche Gewalt über die Antisemiten gewonnen, daß sie verblendet, verwirrt, ihres Verstandes und ihres ruhigen Urtheils nicht nrehr mächtig sind. Wie eine wilde Leidenschaft raubt der Antisemitisrnus seinen Anhängern: jede Besonnenheit, trübt ihre Eirrsicht und die Klarheit ihres Denkens. Sie, welche sich aus den höchsten deutsch-nationalen Standpunkt stellen, schände:: die Ehre des deutschen Volkes, indem sie die Geistcsheroer: desselben verkleinern oder schmähen, sobald diese die antisemitische Gehässigkeit nicht theilcn und das überspannte deutsch-nationale Gefühl nicht billigen. Jede Nation sonnt sich in den: Glorienscheine ihrer großer:, genialer: Männer, nur Deutsche opfern aus dem Altäre des Nasserchasses Dichter, Künstler, Derrker und Historiker, rvenr: diese nicht als Zeugen der Rassen- und religiösen Unduldsamkeit dienen können. Ja selbst Bismarck der deutschnationale Herrgott, gilt bereits als „verjudet", von den: armer: C a p r i v i gar rücht zu reden. Am leidenschaftlichster: benimnrt sich der Antisemitismus gegen Gotthold Ephraim Lessing, dessen „Nathan der Weise" das moderne Evangeliurr: der Toleranz und des religiösen Friedens geworden ist. Bereits Dührin g hat es unternommen, Lessing von dem Piedestal herunterzureißerr, das ihm die Geschichte der europäischen Geistesentwicklung im 18. Jahrhur:dert angewiesen hat. Und nun kam eir: Herr Paul Albrecht in Hamburg und kündigte ein Werk in zehn Bänden ä 30 Bogen an, um Lessingr, Plagiate nachzuweisen. Es soll gezeigt werden, daß Lessing eir: Plagiator, ein literarischer Dieb war, der die literarischen Geistesproducte Anderer bestahl und feinen Werken als die Früchte seines eigenen Geistes einverleibte. „Lessing sei total verjudet gewesen und der Mangel an arischem Umgänge trage die Schuld, daß er in feinen dramatischen Meisterwerken manchmal zr: mauscheln begirme." Also Lessing mauschelt und „Nathan der Weise" ist nichts anderes als eine jüdische Mauschelei l Die Verse: „Es strebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen! Kommet dieser Kraft mit Sanftmuth, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, Mit innigster Ergebenheit in Gott Zu Hilfe!" sind nichts als jüdisches Genrauschel. Es gibt wohl viele Juden, welche die deusche Sprache corrumpiren, die deutsch-nationalen Antisemiten aber ruiniren die Wochenschrift. Seite 577 Herzen, die Geister, die Moralität und bestecken die Ehre des deutschen Volkes. Diese Erkenntniß hat den , Verein zur Abwehr de Antisemitismus" in's Leben gerufen, eine Liga der gesitteten Menschen zum Schutze auch des deutschen Mm:nes, weil wir der Ueberzeugung leben, daß es eine Ehrensache für da deutsche Volk sei, dem Antiseruitismus baldigst eir: Ende zu machen. Wollte man die deutsche Nation nach der: Deutschen beurtheilen,welche die blulbefleckteFahne des Antisemitismus mit wildem Geheule umhertragen, so müßte man ihr einen Platz unter Barbaren anweisen und ihr den Rang unter eivilisirten Völkern absprechen. Lessing mauschelt. Warum? Weil er ein Apostel der Duldsamkeit, der Friedfertigkeit und der echten Menschenliebe ist, Religionshaß und Fanatismus verdammt/Voltaire hat in seinem Drama „Mabomet' von der Bühne herab Toleranz gepredigt, und kein Franzose würde es wagen, die Sprache Voltaires im „Mahomet" ein Patois zu nennen, während es Deutsche gibt, die so ehrvergessen sind, daß sie einen ihrer größter: Geister des 18. Jahrhunderts als einen Mauschler verhöhnen, weil er die deutsche Sprache nicht zur Verbreitung vor: Gehässigkeit und Lieblosigkeit, von Fanatismus ur:d Verfolgungsstrcht entweiht. Der Antisemitismus ist ein wahres llirglück für das deutsche Volk: Diese Ueberzeugung breitet sich nunmehr aus, greift Platz in allen Volkskreisen, dringt allmülig in die Höher: und Tiefen der Gesellschaft. Hoffentlich ist diese häßliche Phase unserer Zeitgeschichte bald gänzlich überwunden. Iuden-Elend in Russland. Ein hervorragender englischer Publicist, E. B. Lau:in, schrieb in einem Aussatz über die Lage der Juden in Rußland in der „Fortnightly RevienG: „Eine der Maßregeln, die man gegen 'die Juden angewendet hat, würde hinreichen, um drei Viertel aller Christen Rußlands in einer Woche zürn Schamanenthun: oder zum Buddhismus zu bekehren, und der Umstand daß gegen sechs Millionen verfolgte und bejammernswerthe Unglückliche standhaft und treu bei einer Religion ausharren, die ihr Leben in einen Feuerosen verwandelt, aber ohne den Engel, der Kühlung zuführt, kommt einem grandiosen Wundergleich, das unser ungläubiges Zeitalter zu schauen gewürdigt worden ist." An dieses Wort erinnertern wir uns unwillkürlich beim Lesen des nachstehenden Aussatzes,welcher die Leiden der russischen Juden in der Vergangenheit und Gegenwart historisch zeichnet und au s der Feder eines christlichen Schriftstellers herrührt, welcher mit den innen: Triebfedern der russischen Regierungspolitik wohl vertraut ist: „Wenn man die russische Gesetzgebung bezüglich der Juden — vom Jahre 1497, dem (Erscheinen des ersten Gesetzbuches (Sudebnik) des Zaren Iwan III., angefangen, bis auf unsere Zeil — genau prüit, so wird die unleugbare Thalsache klar, daß die Legionen von Ansaat,msgesetzen, mit weichen die russischen Regierungen die Existenz ihrer jüdischen Unterthanen umgarnt hatten, auf der religiösen Unduldsamkeit der russischen Machthaber und ihre Sucht nach Proselytenmacherei, b asiren. Nur im Namen Gottes laben die russischen Gewalthaber ihre jüdischen Unterrhanen stets unterdrückt und nur im Namen Gottes wurden auch die jüngsten Judenverfolgungen veranstaltet. Wir werden uns bemühen, diese Thatsache durch historische Belege zu bekräftigen, indem wir unsere Beweise aus zahlreichen gesetzgeberischen Akten der russischen Zaren, sowie aus der „Vollständigen Sammlung der Gesetze des russischen Reiches" (Polnoje sobranije sakonow Roasiiä; koj Imperi) schöpfen. Die Proselytenmacherei war stets eine Art Mission

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