Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 32 (14.8.1891)
- Date
- 1891-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 576 Orsterreichischr Wochenschrift. Nr. 32 wirken dürfen. Das ist so ziemlich alles. Darüber hinaus findet sich kaum etwas. Und ebenso selten ist es — es geht die Sage, daß es in Österreich zwei oder drei solcher Wundermenschen geben soll, — daß Juden in der politischen Administration es bis zum Ministerialrath brächten! Wo sind die jüdischen Landräthe, Bezirkshauptleute? — Und das sind die Mächtigen, die überall alles nach ihrem Willen und zu ihrem Nutzen lenken können? Seltsam, sehr seltsam! Wenn ein in Lumpen gekleideter Mensch heutzutage dem schlichtesten Bauern Vorreden wollte, er könne Gold machen oder zaubern; — er brauche nur noch dies oder jenes dazu, etwas Silber oder Geldeswerth, — mit Schimpf und Schande würde er als Lügner und Schwindler hinausgetricben werden. Bist du so gewaltig und mächtig, so würde man ihm zurufen, so hilf zuerst dir selbst, daß du nicht gar so arg verlumpt einhergehest. Also muß den Denkenden die Stellung, welche den Bekennern des Mosaismus in den Ämtern wie in der Gesellschaft (oder richtiger fern von ihnen) zugcwiesen wird, von vornhinein mißtrauisch machen gegen die Glaubwürdigkeit all' der anklagenden Berichte über die furchtbare Macht der Juden! Ein guter Freund sagte uns neulich: Na, mit der Macht mag's schon ein wenig windig sein — aber Geld ist Macht. Und das meiste Geld haben doch die Juden. Da das Sprichwort als Wahrwort sagt: Geld regiert die Welt, muß es schon wahr sein, daß die Juden beim Weltregiment die erste Stelle haben. Das erinnert an die Auslassungeil Heine's in seinem Essay „Jessika" (Der Kaufmann von Venedig) über die Natur des damaligen Judenhasses. „Was ist aber der letzte Grund seines Hasses, den wir in Europa zwischen den Anhängern der mosaischen Gesetze und der Lehre Ehristi bis aus den heutigen Tag gewahren, itnb wovon uns der Dichter indem er das Allgemeiile im Besonderen veranschaulichte, im Kaufmann von Venedig ein schauerliches Bild geliefert hat? Ist cs der ursprüngliche Bruderhaß, den wir schon gleich nach Erschaffung der Welt ob der Verschiedenheit des Gottesdienstes zwischen Kain und Abel entlodern sehen? Oder ist die Religion überhaupt nur Vorwand und die Menschen hassen fick, um sich zu hassen, wie sie sich liebeil um sich zu lieben? Auf welcher Seite ist die Schuld bei diesem Groll? Das Velt leider Mangel, es fehlen ihm die Mittel zum Lebensgenuß, und obgleich ihm die Priester der Staatsreligion versichern, daß man auf Erden sei um Lu entbehren, und trotz Hunger und Durst der Obrigkeit zu gehorchen, so hat doch das Volk eine geheime Sehnsucht nach den Mitteln des Genusses, und cs haßt diejenigen, in deren Kisten und Kasten dergleichen ausgespeichcrt liegt. Es haßt die Reichen und ist froh wenn ihm die Religion erlaribt, sich diesem Hasse mit vollem Gemüthe hinzugeben. „Das gemeine Volk haßt in dem Juden immer nur den Geldbesitzer, cs war immer das ausgehäufte Metall, welches die Blitze seines Zornes auf die Juden herabzog. Der jedesweilige Zeitgeist lieh nur immer jenem Haffe seine Parole. Im Mittelaller trug diese Parole die düstere Farbe der katholischen Kirche, und man schlug die Juden todt und plünderte chre Häuser, weil sie Christus gekreuzigt. — „Wir leben nicht mehr im Mittelalter, auch das gemeine Volk wird aufgeklärter, schlügt die Juden nicht mehr auf einmal todt und beschönigt nicht mehr seinen Haß mit der Religion, unsere Zeit ist nicht mehr so naiv glaubensheiß, der traditionelle Groll kleidet sich in moderne Redensarten und der Pöbel in den Bier st üben wie in den Deputirtenkammern deklamirt wider die Juden mit mercantilischen, industriellen, wissenschaftlichen oder gar philosophischen Argumenten. Nur abgefeimte Heuchler geben noch heute ihrem Hasse eine religiöse Färbung und verfolgen die Juden um Ehristi willen. „Die große Menge gesteht offenherzig, daß hier materielle Interessen zu Grunde liegen, und sie will den Juden durch alle möglichen Mittel die A u s ü b u n g i h rer i n d u st r i - ellen Fähigkeiten erschweren. Hier in Frankfurt z. B. dürfen jährlich nur vierundzwanzig Bekenner des mosaischen Glaubens heiraten, damit ihre Population nicht zunimmt und für die ch r i st l i ch e n Handelsleute keine allzustarke Concurrcnz erzeugt wird. Hier tritt der wirkliche Grund des Judenhass» s mit seinem wahren Gesichte hervor, und dieses Gesicht trägt keine düstere, fanatische Mör.chemienc, scndern die schlaffen, aufgeklärten Züge eines Krämers, der sich ängstigt im Handel und Wandel von dem israelitischen Geschäftsgeist überflügelt zu werden. — „Aber i st es d ie Sch u ld d e r I u d e n, daß sich dieser G e s ch ä f t s g e i st bei Ihnen so bedrohlich entwickelt hat. Die Schuld liegt ganz an jenem Wahnsinn, womit man im Mittelalter die Bedeutung der Industrie verkannte, den Handel als etwas Unedles und gar die Geldgeschäfte als etwas Schimpfliches betrachtete, und deshalb den einträglichsten Theil solcher Industriezweige, namentlich die Geldgeschäfte in die Hände der Juden übergab, so daß diese ausgeschlossen von allen anderen Gewerben, nvthwendigerweise die rasfinirtcsten Kaufleute und Banquiers werden mußten. Man zwang sie, reich zu werden, und haßte sie dann wegen ihres Reichthums, und obgleich jetzt die Christenheit ihre Vorurtheile gegen di: Industrie aufgegeben hat und die Christen im Handel und Gewerbe ebenso große Spitzbuben und ebenso reich wie die Juden geworden sind, so ist dennoch an diesen letztern der traditionelle Vclkshaß haften geblieben, das Volk sieht in ihnen noch immer die Repräsentanten des Geldbesitzcs und haßt sie. Sehen Sie, in der Weltgeschichte hat jeder recht, der Hammer und der Ambos." Nun aber hat sich diese Situation bedeutend geändert; innerhalb, des Judenthums entfaltet sich ein Massenelend das jedem Menschenfreund Entsetzen einflößt; die Unglücklichen strömen schaarweise über die russische Grenze in einem Zustande der Verarmung und des Elends, die umsomehr Theilnahme erwecken, wenn wir sehen, daß die Angehörigen dieser Rasse in Deutschland zu den tüchtigsten Vertretern der Kunst und Literatur, zu den eifrigsten Schätzern und Pflegern der Wissenschaft, zu den besten Kämpfern für Freiheit und Fortschritt zählen. „Schädlinge des Dcutschlhums" werden sie von unseren „Nationalen" geschmäht, und niemand hat den deutschen Namen so geschändet vor Europa als diese nationalen Eiferer. Dichter und Denker, welche dem deutschen Volke einen unvergänglichen Glanz verliehen haben, von Lessing bis auf Virchov oder Mommsen, sind vor ihrem Hasse nicht sicher. Der Antisemitismus ist in der That ein größeres Unglück für das deuffche Volk als für die Juden. Die letzteren besitzen in ihrer Geschichte Hunderte und Hunderte von Blättern, welche von