Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 31 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 31 Oesterrrichischr Wochenschrift. Seüe 571 London, 1. August. Das angeblich von der Washingtoner Regierung inspirirte Telegramm der Agence Dalziel in Betreff der Einstellung der Judenverfolgungen in Rußland wird als ganz unrichtig bezeichnet. Die Verfolgungen werden im Gegentheile fortgesetzt. Petersburg, 1. August. Der Nowoje Wremja zufolge, sollen Kinder ausländischer Juden, welche nicht zum Aufenthalte in Rußland berechtigt sind, vom nächsten Schuljahre ab nicht in höhere und mittlere Lehranstalten ausgenommen werden. Petersburg. Im Monat April d. I. hatte in H e l s i n g f o r t s das gcheimnißvolle Verschwinden eines dortigen jüdischen Mädchens, Namens E h a w a S l a w a t i tz k i, ans ihrem Elternhause allgemeines Aufsehen erregt. Die Bemühungen der Behörden zur Auffindung des Mädchens waren bis vor Kurzenr erfolglos; nun ist es aber endlich gelungen, das Räihsel zu lösen, indem in Erfahrung gebracht wurde, daß weibliche Mitglieder der Heilsarmee das Mädchen nach S t o ck h o l m entführt haben. Seitens der Behörden wurden sofort Schritte eingeleitet, um die Auslieferung des unmündigen Mädchens zu erlangen. Bukarest, 1. August. Die im Auslande verbreitete Nachricht von einer angeblichen Eoncentrirung nnnänischer Truppeil an der russischen Grenze behufs Verhinderung der Einwanderung der Juden am Rußland wird von der Agence Rounraine als unrichtig erklärt. An der Grenze befindet sich der gewöhnliche Militär-Eordon, welcher außer Ueberwachung der Grenze auch die Verpflichtung hat, das Eindringen der aus Rußland ausgewiesenen Israeliten hinanzuhalten. Jerusalem. Die Einwanderung der Juden in Palästina und Syrien nimmt eine ungeheure Amdehnung an, so daß sich in Folge dessen die Preise für Wohnungsmiethe und Getreide außerordentlich gesteigert haben. Aus die Klage der Einwohner ist vom Sultan ein Jrade erlassen werden, wonach es für jeden cünvändernden Israeliten einer besonderen Erlaubnis; der Regierung bedarf. Den bereits ansässig gewordenen ist ein besonderer Termin bewilligt worden, um diese Erlaubnis; nachträglich einholcn zu können. Reiche jüdische Kapitalisten haben inzwischen große Landstrecken angetanst, mn ihren Religionsgenossen aus der Fremde die Gelegenheit zum Ansiedeln zu bieten. Das Sandschak von Gazza wird einen Hauptplatz für die in Aussicht genommenen jüdischen Koloinen abgeben. Washington, 30. Juli. Die von London aus verbreitete Washingtoner Meldung, Rußland habe in Folge der Vorstellungen der Vereinigten Staaten seine Maßregeln gegen die Juden gemildert, ist vollständig unbegründet. Das hiesige Staatsdepartement erklärt, keine hierauf bezügliche Nachricht erhalten zu haben. Familienblatt. Wochenkalender. Wochen- August 1891 Ab 5651 Kalender Freitag 7 3 . Samstag 8 4 Sonntag 9 5 Montag 10 6 Dienstag 11 7 Mittwoch 12 8 Donnerstag 13 9 Fasttag des 9. AL. Freitag 14 10 Ein Ilr.*) lAus meinen pädagogischen Auszeichnungen.^ Jeder neue Ankömmling der Preßburger Ieschibah interessirte sich vor Allem, die „Millionäre" kennen zu lernen. So nannte man nämlich drei Familien in der Gemeinde, obwohl alle drei zusammen keine Million besessen harten, aber Preßburg war immer eine arme Gemeinde und die drei waren jedenfalls die Reichsren in derselben. Was sie jedoch für die Besucher der Ieschibah zum Gegenstände besondere Verehrung machte, war ihre Frömmigkeit und Wohlthätigkeir. Sie waren wirkliche Patrone der Ieschibah und trotz ihres aristokratischen Wesens verkehrten sie mit den ärmsten Talmudisten in leutseligster Weise. In Bachurin-Kreisen sprach man von keiner» andern, als von den Millionären. Man medisirte als Greigniß des Tages, wenn einer von ihnen abgereist oder angekommen war, über jeden Besuch, den sie empfingen oder machten, man erzählte sich die neuesten Bonmots von ihnen, und jedes ihrer Worte wurde ein geflügeltes — kur; man trieb förmlichen Personenkultus mit ihnen, so daß jeder Neuling gespannt war, sie einmal von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Gin gewisser demokratischer Zug in meinem «Charakter von frühester Jugend aus, bewahrte mich jedoch vor dieser Neugierde; dagegen drängte es mich schon in den ersten Tagen meines Preßburger Aufenthalts diejenigen kennen zu lernen, deren Namen ich nur mit einer Scheu wie vor bösen (Geistern aussprechen Hörle. Es waren dies nicht die sogenannten Aufgeklärten oder Reformer, die mit dem traditionellen l'eben in Gonflict standen und deren es schon damals eine so erkleckliche Anzahl in Preßburg gab, daß sie eine Gemeinde in der Gemeinde bildeten, sondern solche, die sich zur Orrhodorie hielten, aber als Andersdenkende gezeichnet waren, wie z. B. Reb Ber Oppenheim, ein bedeutender Talmudist und Hebraist, aber aus der Schule Moses Mendelsohn's, dessen persönlicher Freund er in seiner Jugend war; dann Oser Tritsch, der im Gerüche stand, der letzte der Sekte der Sabbatlianer in Preßburg und Umgebung zu sein, und noch mehrere Andere, deren Rechtgläubigkeit man bezweifelte, obwohl sie nichts lhalen und nichts unterließen, was den Verdacht begründet hätte. Unter allen diesen interessirte ich mich aber am meisten für M ordchele Tapo l tschan, der zwar nicht ständig in Preßburg weilte, aber so oft daselbst hospitirie, daß er zu den Preßburger Typen zählte, itnd seiner in Bachurim-Kreisen oft erwähnt wurde, immer mit einein Gemisch von Bewunderung und Abscheu, wie Kabbalisten die Namen von einem Schedd aussprechen. Das spannte meine Neugierde auf's Aeußerste, den Mann einmal zu Geschte zu bekommen, was nicht so leicht war, weil er sich gar selten zeigte. Ter Diminutiv seines Namens — Mordchele — obwohl er damals bereits einige und vierzig.Jahre alt war, läßt es dem l'eser leicht erkennen, daß sein Ruf von seiner Kindheit her datirre. Mordchele Tapoltschan war nämlich ein Ile, wie er bei aller Häustgkeit von Wunderkindern im Iudenthume doch selten zu finden ist. Gr war erst drei Jahre alt, als er nicht nur schon im Siddur beten, sondern auch drei volle Wochenabschnitte des ersten Buches Mofis übersetzen konnte. Mit fünf Jahren wurde bereits sein Gintritt in das Talmudstudium festlich begangen, wobei er einen scharfsinnigen Bortrag über eine talmudifche Frage hielt und mit den gewiegtesten Talmudisten difputirte. Wenn heutzutage ein solch jüdisches. Wunderkind exisrirt, so kann man ihm unbedingt das Prognoftikon stellen, daß es zu etwas Außerordentlichem berufen sei, aus ihm ein berühmter Mann werden müsse, ein großer Gelehrter, ein hervorragender Staatsmann, eine erste Kapazität auf irgend einem wissenschaftlichen Gebiete, ein ausgezeichneter Jurist, Professor, Diplomat u. s. w. Vor 70, 80 Jahren und auch noch später waren jedoch für den Juden nur zwei Garrieren und blos innerhalb des Ghetto offen: er konnte Rabbiner werden, wenn er beim Talmudstuditun ausharrie, oder Arzt, wenn er sich der profanen Wissenschaft zuwendete. Das jüdische Kind durfte daher keinen besonderen Ehrgeiz haben, wenn es auch noch so begabt war. Um den Ehrgeiz zu tobten, gewöhnte sich der Jude frühzeitig über menschliche Größe objecliv zu urtheilen, daraus entstand die jüdische Satyre, der sogenannte zersetzende Geist des Judenthums. Nicht alle, jüdischen Kinder vermochten jedoch ihre Phantasie zu zügeln und menschliche Größe verachten lernen. Und ein solches Kind war Mordchele Tapoltschan. Freunde und Bekannte i '-) Wunderkind.