Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 31 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 572 Oesterreichifchr Wochenschrift. Nr. 31 seines Elternhauses, da sie vorläufig nrch keinen Grund hatten, das! Kind zu beneiden oder eisersüchtig aus dasselbe -u sein, stachelten seinen Ehrgeiz nur noch mehr, indem fie Alle mit großer Bewunderung von ihm und zu ihm sprachen, und zu seinem größten Unglücke gestattete man ihm, sich spielend ai ch prosamS Wissen anzueignen. Aus einer Art Plutarch mit Illustrationen, der ihm in die Hand fiel, lernte er die Größen der Geschichte kennen und meinte, daß die Jahrtausende der Entwicklung der Menschheit nur eine ununterbrochene Kette von Helden und Heroen waren, aus der blos das Judenthum herausgerissen und verdammt sei, verachtet zu bleiben. Zweisel begannen in dem Herzen des Kindes zu nagen. Dann siegte wieder das traditionelle Gesühl. Er wars sch mit selbstverzehrenden Eiser auf das Erbgut der Väter, aul das Talmudstudium, und wollte von den „Bi chern" nichts mehr wissen. Mit zwölf Jahren schickte man ihn auf die Preßburger Jeschibah, wo er die ältesten Jünger durch sein Wissen und seinen Scharfsinn in Schatten stellte, aber auch im Bewußtsein seiner Ueberlegenheit durch Hochmuth Alle verletzte. Daß er in seinem Alter kein Rabbiner werden könne, begriff er, und er wollte daher seinen Ehrgeiz befriedigen durch Herar sgabe eines Buches. Aber was? Ueber welche Tisciplin und welcher Art soll es sein? Daß es ein großes, Aussehen erregendes Werk sein müsse, an diesem Gedanken hielt er fest. Und er machte sich nun daran. Er zog sich von jedem Umgänge zurück, schrieb und schrieb, was er schrieb blieb Allen ein Geheimniß. Die Arbeit war endlich fertig. Die armen Ellern gaben des Geld zur Drucklegung her. Das Buch machte bei seinem Erscheinen Sensation. Ein Buch über den juristischen Thcil der Halacha von einem sechszehnjährigen Knabenl Aber es hatte doch nicht den gewünschten Erfolg. Um Aufsehen erregend zu sein, griff er in demselben alle Auto ritäten an, fand Flecken bei den größten Männern von den Tanaim angefangen, bis herab zu seinem eigenen Lehrer. Das Buch wurde als sündhaft verrufen, was wirksamer für die Vernichtung desselben war, als wenn die römische Censur ein Buch auf den Index stellte. Und er selbst war nun von allen Bachurim gemieden, trotz aller Bewunderung für seinen Kopf. Auf dieser einsamen Höhe wurde er ganz in sich gekehrt, ein Knabe mit Menschenhaß und Menschenverechtung. In dieses traurige jugendliche Leben voller Seelenkämpse fiel ein Lichtstrahl, der es bei etwas mehr psychologischer Kenntniß seiner Umgebung hätte vor dem Untergange retten können. Ein reicher Mann, dessen einzige Tochter von Mitgiftjägern umschwärmt wurde, der von diesem Wundertinde oder vielmehr schon Wunderjüngling hörte, machte ihn zu seinem Schwiegersöhne. Aber er wollte mit dem Ruhme des Schwiegersohnes nur seine eigene dunkle Existenz erhellen, und anstatt daß er ihn für die Gemächlichkeit des Privatlebens empfänglich gemacht hätte, reizte er ihn auf einen vacanten bedeutenden Rabbinatsposten zu concurriren, und er that dies. Die Wahl fiel jedoch zu Gunsten eines Anderen aus, der ebenfalls noch jung war und nebst hervorragendem talmudischen Wissen, noch die Abstammung von einer berühmten Gelehrtenfamilie für sich hatte und vortheilhafte persönliche Eigenschaften besaß, während Mordchele doch einzig und allein nur die Lorbeern seiner Kindheit in die Wagschale werfen konnte. Diese Zurücksetzung war ein furchtbarer Schlag für ihn. Die kluge junge Frau wandte alle erdenkliche Sorgfalt an, ihn zu erheben' die ihn quälenden Gedanken abzulenken, ihn von den Büchern und der Einsamkeit zu einem heiteren Lebensgenüsse hinzu ziehen, allein es war vergebens. Er verfiel in immer tieferen Trübsinn, bis er ihr eines Tages eröffnete, daß er sich von ihr scheiden und in die Welt hinaus gehen ^müsse, wo ihn Niemand kennt, vielleicht daß er in der Fremde und der Freiheit wieder neuen Reiz zu leben und zu arbeiten bekomme. Aus Liebe für ihn willigte die unglückliche junge Frau ein, und bald darauf erfolgte die Scheidung, Und Mordchele zog weg. Niemand wußte wohin. Jahre vergingen. Alle Nachforschungen nach ihm blieben erfolglos, bis es endlich durch einen Zufall gelang, zu erfahren, daß er die Taufe genommen, ein Klostergeistlicher sei und als solcher wegen seines asketischen Lebens und seiner hinreißenden Predigten in der Stadt und der ganzen Umgegend des Klosters großer Berühmtheit sich erfreue. Erfreue? — Niemand ahnte die Ceelenqualen dieses Geistlichen. Auch rat Kloster fand sein Ehrgeiz keine Befriedigung, während der Gewissenswurm unausgesetzt in ihm nagte, seine ganze Vergangenheit stets mahnend vor ihm stand, ob er wachte oder träumte, und die Sehnsucht nach dem Unwiederruflichen ihn verzehrte. Mit dem Vorgeben, nach Rom zn pilgern, verließ er sein Kloster und wanderte wieder als Jude bettelnd von Land zu Land, überall in der Schlafstätte des Ghetto übernachtend und immer sein Geheimniß wahrend, aus Furcht vor Verrath. Und so kam er auch nach Preßburg, wo er einst seine Siege gefeiert. Hier entdeckte er sich einigen alten Freunden und erbat sich von ihnen nichts mehr, als sch bei ihnen rerlorgen halten zu können. Er schlief auf der harten Erde bald bei dem Einen, bald bei dem Anderen und ah nichts mehr als trockenes Brot. Nur in den Abendstunden ging er von Einem zum Andern, wobei er sich menschenscheu an der Mauer der Häuser hinschlich, einen Sack, wie ein Talethbeutel, in we'chem er seine Habseligkeiten hatte, unter dem Arme, den Hut tief ins Gesicht gedrückt und den Kopf herabgeleugt, keinen Grr ß erniedernd. Nach einigen Wochen verließ er wieder Preßburg, zog längere Zeit bettelnd im Lande herum und kam wieder nach Preßburg. Co trieb er es Jahre lang. In der Athmossphäre der Preßburger Jeschiwah fand er sich wieder, fand er Friede und Versöhnung. Obwohl er niit der Jeschiwah nicht verkehrte, überhaupt mit Niemandem, seilst nicht mit seinen Ouartiergebern- Er sprach nur selten mit ihnen, und das blos in kurzen abgerissenen Sätzen. Ueber seine Erlelnisse blieb er ganz verschlossen. Von seinem reichen jüdischen Wissen, auf welches Gebiet ihn einer seiner Ouartiergeber, ein bedeutender Talmudist, öfters zu bringen versuchte, ließ er wenig merken, eher überraschte er mit einem philosophischen Satz, den er mit einem Lächeln der Ueberlegenheit um die Mundwinkeln r-ortrug, denn sein Ehrgeiz war zwar todt, aber der Hochmuth war nicht erstorben. Man sah ihn nie eine religiöse Handlung üben, aber auch niemals, daß er gegen ein religiöses Verbot sündigte, und gegen den verlornen Sohn war man tolerant.- In Preßburg wollte er sterben, aber dieser Wunsch ging nicht in Erfüllung. Er kam einmal von seiner Streiferei nicht mehr zurück. Wo er gestorben, ist nicht bekannt geworden. Likrrakur. Drei Redl« von Tr. S. Gelbhaus, Rabbiner und Prediger der Tempclgemeinde zu Prag. „Rede an der Bahre des verewigten Kreisrabbiners Jakob Halter zu Lieben; Festrede zur 50jährigen Jubiläumsfeier des israel. Nächstenliebe Vereines in Prag; Rede, gehalrcn am Wochensestc 5651." Die „Oesterr. Wochenschrift" ist grundsätzlich gegen Besprechung vcn Predigten, weil diese als integrircnder Therl des öffentlichen Eultns vom Publilum gehört nnd nicht gelesen werden sollen; als Muster für Amtsgenossen jedoch nur die Wenigsten geeignet sind. Wenn diesmal von dem Grundsätze abgegangen wird, so geschieht es, weil eben die Umstände eine Ausnahme gestatten. Die bczeichneten Reden sind auch als Lectüre nicht ohne erhebenden Werth und verdienen in literarischer Beziehung einen Platz in einer Chrestomathie von Kanzelreden. In der ersten liefert der Redner eine naturgetreue Zeichnung der verschiedenen Charaktere, die in der sogenannten Aufklärungsepoche in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts die Bewegung milmachtcn und von ihr entweder verschlungen oder, wie in einen Jungbrunnen, gekrästigt aus ihr hervor gegangen zum Heile Israels. Tie zweite Rede ist eine schwungvolle Apotheose der jüdischen Charitas und des jüdischen Vereinslebens. Die dritte endlich gibt in einer markigen bilderreichen Sprache die Ziele der Offenbarung am Sinai für die Menschheit und erklärt ander Hand der Cullurgeschichte, daß nur der israelitische Stamm durch sein Leben vor der Offenbarung sich dieser Mission würdig machte, die keinen anderen Inhalt hat, als werkthälige Menschenliebe. Den Ertrag der letzten Rede, die im Verlage von I. Kaufmann in Frankfurt a. M. erschien, widmet der Verfasser den ausgewanderten russischen Glaubensgenossen und gibt selbst ein schönes Beispiel dieser werkthätigen Menschenliebe. Briefkasten. L. Löblowitz, Jablunkau. Ihr Abonnement war bereits am 15. Juni l. M. zu Ende. llr. X. Als anonymer Spitzbube erscheint Ihre Feigheit größer als Ihre Niedertracht. Wir haben die Hundspeitsche für Sie zurechtgelegt. _ Für die unglücklichen russischen Juden sind uns zugekommen von der israel. Cultusgemeindein Ung. Hradisch als Resultat einer Sammlung fl. 75.—; von der israel. Cnltusgemeinde in Mähr. Ost rau als Resultat einer Sammlung fl. 50.75.