Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 31 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 568 Oesterrrichische Wochenschrift. Nr. 31 angeborenen unveräußerlichen Menschenrechte ehre, konnte ich nicht schweigen, als ich sah, daß es einen Staat gibt, welcher Millionen seiner Bürger ihrer Menschenrechte, ja ihres materiellen Besitzes beraubt, sie zu Heimatslosen macht und mit dem Bettelstab in der Hand Jene in die Welt hinausstößt, welche sich früher eines Wohlstandes erfreuten und zum materiellen Wohle des Staates beigetragen hatten. Es ist tief zu bedauern, daß im lchten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts die schändlichen und traurigen Zeiten und Gebräuche der spanischen grausamen Torquemados und der in Holland wüthenden Albas wieder aufleben. Diese Verfolgungen werden unauslöschliche Schandflecke in der Geschichte unserer Zeit bilden, denn das gebildete und zivilisirte Europa hat blos seinem Beileid für die Verfolgten Ausdruck gegeben, es war aber nicht im Stande, mit seinem machtvollen Auftreten die unmenschlichen Verfolgungen zu verhindern, ja, was noch mehr, es tnachte nicht einmal den Versuch, diesen Verfolgungen Einhalt zu thun ..." Kolomea. (Opfer des Aberglaubens.) Ein Augenheilkünstler seltsamster Art dcbutirte vergangene Woche in Kolomea. In dieser Stadt lebt ein Glasermeister, der das Unglück hatte, zu erblinden. Die Kunst der Aerzte erwies sich als machtlos, ewige Nacht umgab den Bedauernswerthen. Da kam vergangene Woche ein Mann zu ihm ins Haus, der hatte von seiner Erkrankung gehört und erklärte sich für befähigt und bereit, dem Glasermeister wieder zu seinem Augenlichte durch Zaubermittel, man nennt dies im Volksmunde „Besprechen", zu verhelfen. Für die Ausübung seiner Heilkunst fordere er blos den Betrag von fiinfzehn Gulden, um jedoch zu beweisen, wie sicher er seiner Sache sei, bedang er sich aus, daß ihm das Honorar erst dann erlegt werden sollte, wenn der Patient sein Augenlicht wieder erhalten haben würde. Das Vortheilhafte dieser Bedingung leuchtete selbst dem Blinden ein und willig und hoffnungsreich unterwarf er sich der Cur. Der Wundecmann erklärte, daß vorerst 571 fl. und drei gleichschwere Goldmünzen nöthig seien, die man ihm auch nach vieler Mühe zusammenbrachte und übergab. Das Geld gab er nun in ein Beutelchcn, sprach dabei mysteriöse Worte, machte verschiedene Hand- und Körperbewegungen, unter welchen er das Beutelchcn an einer Schnur dem Kranken um den Hals band. Indem er noch anordnete, daß man während dreier Tage den Talisman nicht berühren dürfte, entfernte sich unser Heilkünstler mit der Zusicherung, nach der angegebenen Frist wieder zu erscheinen. Er hielt Wort, kam wieder, forderte, daß man ihm mit dem Blinden allein lasse, und als dies geschehen war, nahm er ihn: das Beutelchcn vom Halse, strich ihm mit der flachen Hand unter G.beten und Formeln über die Augen, band ihm wieder das Beutelchcn um und entfernte sich mit zuversichtlicher Miene und der Versicherung, in drei Tagen wieder -zu erscheinen und daß dann der Glasermeister sehen nurbe. Die drei Tage vergingen, der Glaser sah nicht und den Heilkünstler sah man auch nicht. Man begann Verdacht zu schöpfen und wollte nach dem Inhalte des Beutelchens sehen und siehe da: ec bestand aus Papicrfetzeu und Blechstücken. Berlin. Der ve.storbene Stadtrath Stadt ha gen ist gestern Nachmittag auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauserstraße zur Ruhe bestattet worden. Dem um das Gemeinwohl hochverdienten Mann wurden ai.ch im Tod noch reiche Ehren dargebracht. Vor Allem hatten sich die städtischen Institute, denen Stadt Hagen vorgestanden, bemüht, ihrer Verehrung und Dankbarkeit Ausdruck zu geben. Vom Moabiter Krankenhaus hatten das Directorium, die Aerzte und Beamten rc>, prächtige Kränze gewidmet. Der Magistrat, der durch den Bürgermeister Duncker und die Stadträthe Bertram, Schäffer de Neve, Vogt, Kochann und Mamroth vertreten war, l«ß einen schönen Kranz mit schwarzer Widmungsschleife niederlegen. Die Stadtverordneten-Versammlung hatte zahlreiche Mitglieder entsandt; auch die jüdische Gemeinde, die durch Director Hermann vertreten war, ehrte den Heimgegangenen in besonderer Weise. Die Vorsteher des Krankenhauses, die Armencommission der jüdischen Gemeinde u. A. überbrachten kostbare Kränze. Der Bezirksverein „Alt-Kölln" hatte eine zahlreiche Kranzdeputation entsandt. Der Chor der neuen Synagoge führte die Gesänge aus, Rabbiner Stier hielt die Trauerrede. ' Der ehrende Nachruf, den der Magistrat von Berlin dem verstorbenen Stadtrath Moritz Stadthagen gewidmet, hat solgcndcnden Wortlaut: „Am 28. d. M. verschied nach langem, schweren Leiden der unbesoldete Stadtrath Moritz Stadt Hagen. Er hatte schon im Jahre 1868 städtische Ehrenämter übernommen, war 1871 in die Stadtverordneten-Versammlung, 1875 in den Magistrat getreten. An jeder dieser Stellen hat er mit gewissenhafter Treue seines Amtes gewaltet. Als Mitglied unseres Kollegiums war seine hauptsächlichste Thätigkeit der Armenverwaltung, insbesondere den seiner Leitung anvertrautcn Wohlthätigkeitsanstalten gewidmet. Das Interesse für sein Krankenhaus, für seine Hospitäler hat ihn trotz schmerzhafter Krankheit angetrieben, noch bis zur nahenden Todesstunde an sie zu denken, für sie zu arbeiten. Ein treuer Mitarbeiter, ein lauterer Charakter, ein anspruchsloser, liebenswürdiger Mensch ist mit ihm aus unserer Mitte geschieden. Wir bewahreir ihm ein treues Gedächtniß." Ielisawetgrad bei Balta. (Rußland). Von hier schreibt man her „Oesterr. Wochenschrift." Am 26. Juli gegen 7 Uhr früh waren hier furchtbare Judenkrawalle. Die Bauern der Umgebung rotte en sich zusammen um die jüdischen Geschäftsläden zu plündern. Der Pöbel wüthete brutal und schrecklich, alt und jung, Männer und Frauen wurden mißhandelt. Drei Juden wurden ermordet, zahlreiche schwer verwundet. Alles Hab und Gut der Juden wurde vernichtet, das Möbel zertrümmert, die Maaren zerrissen, zerstreut und in's Wasser geworfen. Die christlichen Kaufleute hatten bereits früher ihre Läden mit Kreuzen versehen, der Ueberfall war also wohl vorbereitet. Die Lage der hiesigen Judenschaft in Balta und Umgebung sowie in ganz Podolicn ist eine fürchterliche. Etwa 200 jüdische Familien versammelten sich beim Rabbiner von Balta und bestürmten ihn, an den Herrn Baron Hirsch ein Gesuch zu richten ihnen in Argentinien Aufnahme zu gewähren. Ein Telegramm des „Wiener Tagblatt" bestätigt die vorstehende uns zugekommene Meldung in traurigster Weise: „Am 26. Juli Morgens hatten sich in Ielisawetgrad mehrere Tausend Bauern aus der Umgebung der Stadt zusammengerottet mit der Absicht, das Juden viertel zu plündern. Unter fortwährenden Rufen: „Nieder mit den Juden!" — „Schlagt sie todt!" strömte die Menge gegen das Judenviertel. Der Pöbel drang in die jüdischen Geschäftsläden ein und bemächtigte sich vorerst der dort aufgestapelten Waaren. Man raubte, so viel man rauben konnte, und was nicht wegzutragen war, wurde einfach vernichtet. Nachdem die Läden ausgeplündert, drang der Pöbel in die Wohnungen. Kein Möbelstück ist daselbst ganz geblieben. Was den Leuten unter die Hände kam, wurde zertrümmert und was nicht zertrümmert oder zersplittert werden konnte, das schleppte man fort, um es ins Wasser zu werfen.