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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-08-07 · 31 (7.8.1891) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
31 (7.8.1891)
Date
1891-08-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 566 Oesterrrichifchr Wochenschrift Nr. 31 dient — die Verachtung. Wenn der Abgeordnete Schneider der deutschen Bevölkerung Böhmens zeigen will, „daß die Antisemiten Wiens nicht eine wilde Bande seien"; dann können wir ihm nur den einen Rath ercheilen, er möge daheim in seinem Wien bleiben, denn sonst dürste er die Verachtung der Czechen und die Mißachtung aller Deutschen im Böhmerlande mit nach Wien zurückbringen. Denn auch die Czechen müssen einen Abtrünnigen und Verräther an der eigenen Nation verachten. Wenn Schneider den Wiener Antisemiten einen enchusiastischen Empfang in Prag verspricht, so kennzeichnet dies einfach nur den Charakter dieses Mannes, und wir können nur Diejenigen bemitleiden, die sich seiner Führung anvertrauen." Der Katzenjammer der Deutschnationalen, den wir vor Jahren als unausbleiblich hingestellt haben, ist also doch eingetreten. Aus allen Seiten läßt sich constatiren, daß der „deutschnationale" Antisemitismus von dem nationalitätslosen Wiener Demagogenclique unwiderstehlich verdrängt wird. Nicht von Schönerer, sondern von dem Wiener Czechen und deren Assiliirten wird heute die antisemitische Heerde angeführt. Das haben wir seit Jahren vorhergesehen und vorhergesagt, ebenso wie die Ernüchterung, welche die Deutschnationalen heute erfaßt, da sie sehen, wo hin sie die Genossenschaft eines Schneider und Lueger führt. Wie«, 1. August. (Schönerer und Vergani.) Von Zeit zu Zeit schwingt der grollende Achill in Rosenau die Geißel über dem Haupte seines einstigen Schützlings Vergani. Da brachte des Letzteren Blatt jüngstens eine mit allerlei pikant sein sollenden Details verzierte Erzählung von einem Saufgelage bei einer Wiener Soubrette, worin die S tiefletten der letzteren eine große Rolle als — Trinkgefäß spielten. Diese Notiz, welcher übrigens in Folge ihrer hochgradigen Talent- und Geschmacklosigkeit der böse Stachel sinnlichen Reizes gründlich benommen war, veranlaßte nun das Blatt des Herrn Schönerer zu folgendem Ausbruch der Entrüstung: „Herr Vergani, ist das die Moral und das Sittlichkeitsprincip chres deutsch-nationalen Programms? Ist wohl das die national-erziehliche Aufgabe einer angeblich „deutsch-nationalen Presse, dem Volke pikante Berichte über nächtliche Champagner-Kneipereien national gesinnungsloser vergnügungssüchtiger Theater-Soubretten aufzutischen? Das soll wohl ein Musterbild deutschen Frauenlebens sein?!! Die leibhaftige Preßdirne — ihr Ideal: das „Geschäft"! Und diese „pikanten" Stelldicheins *rm Salon einer Schauspielerin bespricht ein Blatt mit schmatzendem Wohlbehagen, das sich „deutschnational,, nennt. Vivat, das einzige „christliche" Tagblatt des Herrn Vergani!!!" Herr Schönerer hat ja Recht. Und doch wieder hat er Unrecht, wenn er von Vergani „deutsch-nationale" Moral verlangt. Herr Vergani ist zur Zeit der journalistische Bannerträger der Jedliczka, Lueger und Schneider und seine Aufgabe ist es, deren Moral zu vertreten. Herr Vergani weiß ganz gut, daß heute nach dem deutsch-nationalen Antisemitismus kein Hahn mchr kräht und er huldigt darum den neuen Göttern von Margarethen und Sechshaus. Somit ist er auch nicht mchr zu deutsch-nationaler Moral verpsiichtet. Das ist doch klar? . . Wie«. (Der minderjährige Antisemitismus.) Der vierzehnjährige Lehrjunge Ignaz K a p e l l a lebt seit einiger Zeit mit dem gleichalterigen Realschüler Gustav Vogel, Sohn des Metallgießers Martin V o g e l, in böser Fchde; Kapella bekennt sich nämlich trotz seiner vierzehn Jahre schon zur antisemitischen Lehre und so war chm der Realschüler, der den Fehler begangen hat, als Lude zur Welt gekommen zu sein, ein Dorn im Auge. Zwischen den beiden Knaben war es einmal zu einer Rempelei, später zu einer Rauferei gekommen, die eine polizeiliche Untersuchung gegen Kapella zur Folge hatte und bei dieser Gelegenheit hatte die Mutter Kapella's, offenbar auch eine sehr honorige Dame, zu Vogel die Aeußerung gcthan: „Wart', Zudenbub', das wirst Du noch zu büßen haben von meinem Buben!" Der junge Kapella prägte sich die indirekte Aufforderung, welche in dieser „Ansprache" seiner Frau Mutier gelegen war, gebührend ein, und als er am 14. Mai gegen 9 Uhr Abends in Begleitung zweier anderer Lehrbuben, des vierzehnjährigen Johann A m l ü ch e l und des gleichalterigen Albert F r e y, in der Phorusgasse promenirte und dem Vogel begegnete, hielt er die Gelegenheit für günstig, das von seiner Frau Mutter gegebene Versprechen mit aller Promptheit einzulösen. Unter dem Rufe: „Servus Judenbub'!" stürzte er auf Vogel los und forderte seinen Freund Ambüchel auf, dem Judenbuben einen „Fleck" zu geben. Ambüchel kam dieser Aufforderung nach und nun regnete es Hiebe über den Realschüler; von Ambüchel bekam er eine Ohrfeige, Schläge auf Kops und Rücken; Frey bemühte sich, dem so Hartbedrängten einen Stein zuzuschleudern, der glücklicherweise sein Ziel verfehlte, und Kapella krönte die Heldenthat damit, daß er dem Vogel mit der Kante eines Holzpantoffels derart heftig ins Auge schlug, daß dieser unter dem Schmerzensrufe „O weh, mein Auge!" heftig blutend zurücktaumelte. Als die drei Helden das Blut sahen, nahmen sie Reißaus. Gestern standen die drei minderjährigen Antisemiten vor einem Erkenntnißsenat unter Vorsitz des Landesgerichtsraths v. Edeskuty. Nach dem wiederholt bewährten Muster erwachsener Gesinnungsgenossen suchten die drei Burschen sich gegenseitig zu belasten; jeder leugnete und erklärte: „Dös hat der Andere than." Das Beweisverfahren gestaltete sich infolge dessen ziemlich langwierig und der Vorsitzende unterließ es nicht, zu wiederholten Malen die außerordentliche Roheit der drei minorennen Antisemiten in scharfer Weise zu rügen. Schließlich wurde durch mehrere Zeugenaussagen sestgestellt, daß es Kapella gewesen, der Vogel den Schlag ins Auge versetzt; Vogel deponirt, daß sein Auge noch immer nicht gebrauchsfähig sei und er durch mehr als 30 Tage die Schule nicht besuchen konnte. Aus Grund der Ausführungen des öffentlichen Anklägers, Staatsanwalt - Substitut Schwab, wurden sohin Kapella zu drei Monaten Kerkers verurtheilt, Frey und A m b ü ch e l aber s r e i gesprochen. Wien. Am 31. Juli wurde Herr Lazarus Knapp, Matrikelamts-Adjunct der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, zu Grabe getragen. In seiner Eigenschaft als Landwehr-Lieutenant war über dessen speciellen letztwilligen Wunsch die Bestattung vom Garnisonsspitale in der Sensengasse unter militärischem Conduct erfolgt. Die Leichenfeier gestaltete sich zu einer imposanten. An derselben nahmen außer einer großen Schaar von Freunden und Bekannten, viele Stabs-Ofsiciere, die Gemeinderäthe Baurath v. Goldschmidt, Baurath Stiaßny; vom Cultusvorstande die Herren Fleischer und Karpeles, Herr Regierungsrath Dr. Angelo Ritter v. Kuh, Herr Landesschulrath Baum garten, Herr Rabbinats-Assessor M. Pollak sowie der ganze in Wien weilende Beamtenkörper der israelitischen Cultusgemeinde, sowie Vertretungen der freiwilligen Feuerwehr im IX. Bezirke und des Vereines „Nächstenliebe", theil. Nach beendigter Leichenfeier und nachdem die vorgeschriebenen Ehrensalven abgegeben worden, sprach Baurach Stiaßny dem Commandanten des Conductes, Oberstlieutenant v. Rig elfte in, den Dank des Vorstandes für seine und der erschienenen Officiere Theilnahme an der Leichenfeier des verdienstvollen Beamten aus, worauf der Commandant erwiderte, daß die Herren bereitwillig, chre kameradschaftliche Pflicht gegenüber einem braven, allgemein geachteten Kameraden erfüllt haben.

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