Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 31 (7.8.1891)
- Date
- 1891-08-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 31 Orsterreirtzifchr Wochenschrift. Seile 565 Eneges vor die Seele. Was solche Stimmungen bedeuten können, das wissen die am besten, welche jedes freie, anfeuernde Wort unter Strafe stellen. Empfindungen, die sich tief in das Herz bohren, sind zähe; und auch ein Zar vermag nicht mit dem letzten ausgeblasenen Festlicht die Erinnerungen auszublasen. Der Zar hat außerdein an Herrn Carnot ein Telegramm gesandt in dem von dem „tiefen Sympathien, welche Frankreich und Rußland vereinen", gesprochen wird; und Herr Carnot antwortete diplomatisch vorsichtig, indem auch er mit kleiner Umstellung dieselben Worte, von „tiefen Sympathien, welche Rußland und Frankreich vereinen", zurückblitzen ließ. Man notirl daß der Zar Herrn Carnot zwar leben ließ — was sehr gütig ist, und daß er auch den Marseiller Marsch noch ertrug; doch das Wort Republik hat er nicht in den Mund genommen und nur auf den Herrn Carnot, nicht aus die Republik hat er sein Glas geleert. Töne sind dem Zaren also noch immer erträglicher als ein Wort, und mag tiefsinnige Gemüther zu ernsten politisch-psychiologischen Erwägungen anspornen. Die Melodie der Marsellaise selbst. Hörten die Franzosen in Kronstadt und Petersburg nicht das Wimmern, Seufzen, Jammern, Wehgeschrei von Tausenden und Tausenden jüdischer Greise und Kinder, jüdischer Väter und Mütter, die ohne Erbarmen herz- und gefühllos davongejagt werden? Wir glauben, wenn alle Juden in Rußland, die bis jetzt der tartarischen Barbarei zum Opfer fielen, vereint im Chore Klagelieder anstiinmen würden, so würden Hunderte von Instrumenten, welche die Marseillaise spielten, übertönt werden! Wien. (Arische Muse.) Das sogenannte Fürsttheater im Prater ist der Tempel arischer Muse — arisch im Sinne der Antisemiten. Der genannte Musentempel ist nahezu ausschließlich frequentirt von den Bevölkerungskreisen, die die Schneider, Lueger in den Reichsrath senden. Da> Revertoir des Fürsttheaters ist bekannt, nicht aus der Kritik der- Journale, die aus Gründen, deren Erörterung an dieser Stelle zu weit führen würde, eine offcnmüthige Sprache zu führen unterläßt und dadurch mitverschuldet hat, daß in weiten Bevölkerungsschichten Gefallen an derbste Kost, an rüden Ton, an Roheit, Bestialität, Jmmoralität und Gervaltthätigkeit 'großgezogen, zumindest den Boden hiefür vorbereitet werden konnte. Zur Charakteristik der „arischen Volksmuse" dient wohl das Ausstartringsstück, welches gegenwärtig Tag für Tag dem Fürsttheater ein nusverkauftes Haus und volle Cassen bringt. Das Theaterstück betitelt sich „Im Flug um die Welt". Große phantastische Ausstattungs-Comödie mit Gesang rurd Tanz. Gastspiel des fliegenden Ballets. Von einer eigentlichen Handlung kann ja selbstverständlich bei einer Ausstattungs- Comödie mit „fliegendem Ballet" nicht die Rede sein. Der Theatermob bedarf auch keiner Handlung, er will „Kitzel", er will „aufgemischt" sein. Was aber das Stück „Im Flug um die Welt" in dieser Richtung bietet, spottet aller Beschreibung. Der Ehebruch, der in den bekannten französischen Ehebruchsdramen nur zwischen den Zeilen angedeutet wird, wird da naturalistisch nackt propagirt, die Justiz, das fundamentum regnorum, in empörendster Manier verspottet, verhöhnt. Weder die berüchtigten Berliner Tingel-Tangel, noch die viel verschrienen Pariser Kankan-Etablissements würden es wagen, derartiges zu bieten, weil dies die Censur nicht gestatten würde. Und diese Schamlosigkeiten, die auch dem Blasirtesten Ekel erregen müssen, hören die arischen Patrizier aus den „unteren" Gründen dutzendmale an und acclamiren jede Lascivität mit frenetischem Applaus, dazu in Gesellschaft ihrer holden Töchter, welche ja „mit dabei sein müssen". Die arischen Väter, die ihren jungfräulichen, sittsamen, gretchenhasten Töchterchen die Schule des Lasters und der Unsitte frequentiren lassen, denken hiebei gewiß an das Sprichwort „dem Reinen ist alles rein". Es dürfte sich wohl die Frage aufdrängen, weshalb die Aufführung eines Stückes das auch den an starten Pfeffer gewöhnten Berliner und Pariser nicht geboten werden darf, in Wien möglich ist. Ein plausibles Motiv könnte wohl nur in dem Umstande geffmden werden, daß das Stück „Im Flug um die Welt" auch einen polnischen Juden vorführt, der in der schändlichsten Art carrikirt erscheint. Es hat eine Zeit gegeben, wo kein Volksstück, wenn es auch von den bewährtesten Autoren herrührte, eines „polnischen Juden" entrathen durfte, der die eigentliche Würze und die Essenz des Ganzen bilde»! mußte. Wenn das Bild dieses polnischen Juden in der Regel der Verzerrung nicht entbehrte, so waren die Autoren doch nur bestrebt, diese „stehende Figur" zumindest in einer Lichtseite oorzuführen und mit dein Attribut der Menschlichkeit und Humanität auszustatten. Es darf nur auf O. F. Bergs „Einer von unsere Leut'" der nachher sein antisemitisches Herz entdeckt har, als er Gegenstand pathalogischen Interesses geworden, erinnert werden. So iinpertinent, psychologisch widerspruchsvoll, so verlogen wie „Im Flug um die Welt" hat es bisher noch Niemand unternornmen, einen polnischen Juden auf die Scene zu bringen. Auch ein Zeichen der Zeit! Man macht bekanntlich den Juden den Vorwurf, daß sie mit Vorliebe Theater besuchen. Zu letzteren zählen in erster Reihe das Burg- und das Volkstheater, die die Juden als Bildungs- und Eulturmittel bedachten. Zum Lobe und zur Ehre der Juden sei constatirt, daß sie im Fürsttheater entweder gar nicht, oder nur in verschwindend kleiner Zahl zu finden sind. Sag' mir welches Theater du besuchst und ich sag' dir, welchen» Bildungsgrade du angcdörst. E. B. Wien, 3o. Juli (Antisemiten und Deutschnationale). Das Treiben des gesinnungslosen Wiener „Wurftkessel-AntisemitisriMs" fängt an, den De»»tschnationalen, die mit dem Antisemitismus stets so gern kokettirt haben, nunmehr höchst unangenehm zu werden. Die Herren beginnen einzusehen, daß dein deutschnationalen Gedanken keine ärgere Gefahr droht, als eben von jener Sorte des christlich--social-clericalen Anrisemitisinus, der durch die Namen Jedlitfchka. Schneider, Lueger 6 tutti quanti gekennzeichnet wird. Namentlich das Project der Wiener Antisemiten, unter Führung des S ch n e i d e r den Prager Ezechen anläßlich der Ausstellung einen Massenbesuch abzustatten, hat den De»»tschnationalen gewattig in die Nase — gerochen. Die Reichenberger „Deutsche Volkszeitung", welche den alleräußersten Flügel des Deutschnationalismus in Böhmen repräsemirt und consequent mit dem Antisemitismus geliebäugelt hat. ist über jene bevorstehende antifemilisch-jungczechische Verbrüderungsfahrt ganz consternirt und schreibt: „Wir lassen es dahingestellt, ob der Abgeordnete Schnei d er" sainint seinen Antisemiten jenen Erfolg erzielen wird, von dem er schon heute so siegesbewußt träumt, denn die Czechen wissen nur zu gut, in wessen Gefolgschaft sich Schneider befindet und — man muß es ihnen, wenigstens den Jungczechen, zur Ehre nachsagen — ihnen widerstrebt jedwede Herabminderung des Bildungsniveaus des, Volkes. Aber das Eine können »vir dem Schneider schon heute sagen, daß j c dweder »vahre Deutsche in Böhmen sich mit Abscheu von i h m a b w e n d en wird, sobald er (Schneider) seine Heldenthat ausgeführt haben wird. Wenn irgend etwas der anlisemittschen Bewegung in Böhmen die Volksthürnlichkeit zu rauben im Stande ist, so ist es das unsinnige Vorgehen Schneidens. Nicht genug, daß derselbe in Wien Zwietracht und nattonalen Jndifferentismus in die Rechen der dortigen Antisemiten gestreut hat, will er nun auch im Böhmerlande Drachenzähne säen, säen vielleicht auf das Geheiß seines Herrn und Meisters Li e chte n st ein! Man wird nur Entrüstung und Verachtung Demjenigen entgegenbringen, der, um seinen» maßlosen Ehrgeize zu ftöhnen, sich seines nationalen Charakters entäußert und zu einem Volke pilgert, das jedweden Bersühnungsgedanken von sich wies; man wird deutscherseits in Böhmen dieser Ephialtes-Arbeit das entgegenbringen, was sie ver-