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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-31 · 30 (31.7.1891) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
30 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 30 Orstrrreichifchr Wochenschrift Seite 551 vielen Israeliten bestand. Beim Erscheinen des Augustinermönches trat allgemeine Stille ein. Er begann damit, mit liebevollen Worten seine Rührung zu schildern, nach 21 Jahren wieder den heimischen Boden küssen zu können, den er so sehr liebe und frei, groß und glücklich wünsche. Mit der hinreißendsten Beredtsamkeit sprach er dann von der Liebe, die er für seine Mutter, seine Familie und seine Verwandten hege. Unter der allgemein herrschenden Stille hörte man Schluchzen^ es kam von einer der Tribünen, auf welcher sich die Schwester, die Brüder und Verwandten des Geistlichen befanden. Pater Mortara ist jetzt als Missionär nach Tirol abgegangen, wird seinen Bruder, welcher Holz- Händler ist, in Venedig besuchen und sich dann nach Spanien begeben, um eine neue Ki> che, welche die Königin -Regen tiit ausfnhren ließ, einzuweihen. Fanatismus und Berechnung. In der Vonede zu seiner trefflichen Novelle aus dem deutschen Mittelalter, „Die Juden von Coelln", der Darstelluttg eines einzelnen akuten Falles am Krankenbette der Menschheit, den die Geschichte mit allen seinen Schrecken, seiner für uns „stolze Epignonen" angesichts der Vorgänge in Rußland und auf Corfu nicht mehr unglaublichen Umnachtung der Vernunft atlfgezeichnet hat, zieht der bekannte Romanschriftsteller Wilhelm Jensen zwischen dem Judenhaß einst und jetzt folgenden zutrefflichen Vergleich: „Das Mittelalter mit seinen schwarzen Tod, seinen Ausgestoßenen seiner blinden, rechtlosen Willkür ist vorüber — und seine rohe Barbarei vom Throne gestürzt. Doch die seine ist geblieben und wendet sich unausgesetzt wider ihre alten Opfer. Die Zenithgluth ihres zügellosen Grimmes, welche' Scheiterhaufen und Städte entzündete uin Unschuldige zu martern ilnd 51t berauben, ist im kühleren Luftzug der Neuzeit erloschen. Die Leidenschaft ist in den Adern der alternden Miltter Europa verraucht, aber der Altweibersommer uinspinnt mit häßlichem Gewebe die verrunzelten Züge der. Matrone. Und die feine Barbarei lebt in den Herzen fort. Sie hat ihre Parias bewahrt, und mit der zusammengestürzten Ohnmacht seines Grolles hat seine Fläche sich ausgedehnt. Wie er das unterdrückte Volk des Mittelalters weniger um den Vorwand des Glaubens als um seine Betriebsamkeit, seine Ausdauer, seinen Verstand, die Schönheit des Glaubens und die Vorzüge des Geistes haßte, so erstreckt er sich heute unter dem alten Deckmantel der Häresie auf jede Begabung, die neiderregend aus der Menge hervorragt. Die Weiber weinen über die Ungläubigen, und christlichen Fakultäten schlagen pharisäerhaft an die besoldeten Staubkisten ihrer Autorität und rufen wehe über die Verirrten, die nicht Schafe zu ihren Füßen bleiben wollten, sondern Böcke mit stoßenden Hörnern geworden sind. Aber von ihren Hofrathszähnen trieft das heimliche Gift, und die frommen Thränen des Altweibersommers, der über der Erde schwebt, mischen sich darein und brauen den ekelhaften Krankheitsstoff zusammen, an dessen chronischer Wirkung unsere Zeit darniederliegt." Angesichts dieser traurigen Erscheinungen fand der Dichter in dem Gedanken seinen Trost, das der Wahnwitz der Menschen nur die feste Rinde des Erdballes beherrscht; möge auch die Sinnesart der Menschen zäher und härter sein als Granitkiesel, rastlos spülen die schleifenden Wellen der Zeit doch über sie hinweg." Hoffen wir, daß dieser poetische Wunsch Jensens in Erfüllung gehe und spätere Generationen Judenhaß nur vom Hörensagen kennen mögen! Fannlienblatt. Wochen- Juli-Aug 1891 Tamus-Ab 5651 Kalender Freitag 31 25 Samstag 1 26 WD-rnao Sonntag 3 27 Montag 3 28 Dienstag 4 39 Mittwoch 5 1 Rosch-Chodesch Donnerstag 6 3 Freitag 7 3 Lear in der Gaffe. sEine Federzeichnung. > Bor 30 bis 60 Jahren legte man in meiner Heimalsgasse Lackenbach nur zwei Männern das Beiwort „klug" bei: dem Fürsten Metternich und Ehaim Feitel, oder vielmehr Ehaim Feilet und dem Fürsten Metternich, denn erstens wurde dieser wirklich für weniger klug als jener gehalken, und zweilens war Fürst Metternich nur in Wien. Ehaim Feitel aber in Lackenbach. das für den Mittelpunkt der Welt gehalten wurde. Wenn eine Mutter, die Klugheit ihres Kindes preisen wollte, sagte sie von ihm nicht ande s, als: „Er wird ein Land regieren können, wie Fürst Metternich", oder: „Ein zweiter Ehaim Feitel; er wird Noschhakohel in Lackenbach sein können." Auch ich war bei meiner Mutter ein zweiter Ehaim Feitel. Ich erinnere mich noch eines Borsalles, bei dem sie diesen Vergleich gebrauchte. Mein Vater pflegte nämlich in seinen Sorgen im Zimmer von einer Ecke schief zur andern hin und her zn gehen. Ich, ein naseweiser Junge von 10 oder 11 Jahren, der bei seine n Privatlehrer in unsy te - malischester Weise alles Erdenkliche, sogar Mythologie lernte, sagte einmal zu meinem Vater bei seiner Zimmerpro nenade, um meine Weisheit zu zeigen: „Warum gehst du nicht lieber längs der Wände, das wäre ja leichter?" „Das Zimmer ist so klein, darum gehe ich den längsten Weg", antwortete er mir barsch: „Also lehrt dich deine Geometrie, daß die Diagonale länger in, als jede Seite des Onadra.s?" „Das weiß ich nicht." „Dlt bist gelehrter, als du selbst weißt." „Muß denn gerade alles wahr sein, was die Geometrie lehrt, in sie doch nich t die Thora." Kein Satz in der Thora ist wahrer, als ein Satz in der Geometrie." Mein frommer Vater versetzte mir für diese „Blasphemie" eine tüchtige Ohrfeige, aber meine Mutter nahm mich in Schutz. „Das Kind hat in Allem einen Kops wie Ehain Feilet", sagte sic, mir die gerötheten Wangen streichelnd. In Allem, denn Ehaim Feitel galt auch und zwar in vorzüglicher Weise, als großer Kops, in Sachen, wo Zahlen mit ins Spiel kommen, ln wurde für den größten Baumeister der Welt gehalten, der das fürstlich Esterhäzy'sche Schloß in Lackenbach gewiß billiger und künstlicher hergestellt hätte, wenn es nicht schon um dreihundert Jahre früher erbaut worden wäre. Ehaim Feitel hat diese Meisterschrst an zwei großen We ken gezeigt, die seinen Namen in den Annalen Lackenbachs verewigen. Er hat sich auf einen ganz kleinen Platz ein stockhohes Haus erbaut, und nach dieser Probe seines Genies sich als Roschhakohel den monumentalen Bau der Synagoge anvertraut, die während seines Regims durch eine große Fenersbrunst verheert wurde. Die neue Synagoge wies zwar einige kleine Fehler auf, wie z. B. den, daß sie zu enge war. Aber hatten nicht die größten Meister bei ihren Werken öfters an etwas vergessen? Ehaim Feitel führte großes Haus, erzog seine beiden Töchter vornehm, und doch wußte Nieinand etwas von seinen Geschäften; was den Ruf seiner Klugheit nur noch mehr begründete. Zwei Brüder, die reichsten, aber auch die ungebildetsten Jungens in der Gemeinde hielten die Feitel'schen für reiche Erbinnen und warben um ihre Hand oder vielmehr Hände. Vater Feitel willigte ein, die Töchter mußten gehorchen. Er fürchtete, man werde sie zur Ehnppe schleppen müssen und der Trauungsakt ging daher nicht am Schulhof sondern im Hause und in der Nacht vor sich. Das erstemal, daß über

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