Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 30 (31.7.1891)
- Date
- 1891-07-31
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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<Bt.k 552 Orflerrrichifchr Wochenschrift. Nr. 30 Chaim Feilet die Stimmen getheitt waren. Die Männerwelt erklärte es entschieden für die größte Klugheit, daß er die väterliche Autorität wahrte, die Frauen getrauten sch zwar nicht weil doch der Ruf seiner Klugheit zu fest begründet war, es eine Thorheit zu nennen, aber sic sprachen von einem großen Fehler, der sich rächen we.dc, um so mehr, als dabei auch ein Verbot des Rabbi Iehudah Hachaßid umgangen wurde, welches die Ehen zwischen zwei Brüdern und zwei Schwestern nicht gestattet. Als jedoch später bekannt wurde, daß Chaim Feitel den Schwiegersöhnen sein ganzes Haus bis aus zwei rückwärtige kleine Zimmer als ausbedungcne Mitgift gegeben, da war alle Welt einig: Chaim Feitel hat eine Thorheit begangen, und man entschuldigte ihn nur mit dem Sprichwörter „Wenn ein Weiser fehlt, fehlt er recht." Tic Töchter verkehrten, seitdem sic verheiratet waren, nicht mch ' mit ihrem Vater, dieses Vcrhälrniß blieb aber der Welt verborgen. Chaim Feitel ging wie bisher Montag Früh^uach dem nur zwei Stunden entfernten Tedenburg und kam Freitag spät mit dem Einzüge des Sabbalhs nach Hause. Alle Welt glaubte, er speise an den zwei Tagen am Tische einer seiner Töchter, er saß jedoch einsam in seinem Zimmer bei Weißbrot und Häring oder Qbft, das er sich aus der Stadl mitbrachrc. Ce besaß keinen Heller Vermögen. Seine Geschäfte waren auf dem ihm gewährten C cdil einiger Handelshäuser der Stadt gebaut, seitdem aber diese erfuhren, daß auch sein Haus nicht mehr ihm gehöre, kündigten sic ihm auch diesen und drängten ihn ans Zahlung ihrer bei ihm aus stehenden Forderungen. Tas war ein schwerer Schlag für Chaim Feitet. (n° ging am nächsten Sabbath zwar wie gewöhnlich iit die Synagoge, nahm mit gewohnter Vornehmheit seinen ersten Sitz ein und legte seine große silberne Schnupftabaksdose neben den Siddur auf das Betpult, aber die Welt glaubte doch eine Veränderung in seinen C'cßchtszügen wahrzunehmen. Cr sah seit acht Tagen um zehn Jahre älter aus. Auf Abend nach dem Habdalah-Segen ließ er seine Töchter in einer „dringenden Angelegenheit" zu sich bitten, Noch saug er thräncnden Auges die letzte- Strophe der Cliadc: „C Tischbi reit' uns aus der Löwen Rachen Verkünde frohe Botschaft uns, Erfreue Eltern mit den Kindern Am Ausgange des Sabbathes" als die Frauen bei ihm erschienen. „Sie wünschen uns in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen Vater?" nahm die ältere Tochter sofort beim Eintritte das Wort „Was haben Sie uns zu sagen?" „Setzt Euch! Ich werde kurz sein." Sie dankten ihm kalt und blieben an der unteren Cckc des Tisches stehen. „(*8 ist eine furchtbare Temülhigung, wr.s ich Euch eröffne. Ich täuschte Euch und die Welt. Ter Glanz meines Hauses war immer von Sorgen erkauft. Ich besaß niemals ein Vermögen. Ich trug die Fesseln eines scheinbaren Reichlhums, aber nur um Euretwillen. ">ch ließ Euch seit dem Tode Eurer Mutter wie Comtesfcn erziehen, ich umgab Euch mit allem Lurus, der nur in Lackenbcch möglich ist, um reiche Männer für Euch zu gewinnen. Ihr seid nun Gott sei Tank versorgt . . ." „Ja, Sie haben uns lebendig begraben", fiel ihm die ältere Tochter in die Rede. „Ich habe nichts anderes als Euch glücklich mache» wollen. Aber mit der Uebertragung dieses Hauses an Eure Männer habe ich allen Credit verloren, mit dem ich bis jetzt arbeitete. Toch, es ist noch schlimmer. Meine (Gläubiger drängen auf ihre Forderungen, sie wollen mich klagen, und meine Ehre, mein Name ist in Gefahr." Ter alte Mann weinte wie ein Kind. Glcichgiltig. regungslos standen ihm die Töchter gegenüber. „Was sollen wir also thun?" fragte nach einer Pause die ältere kalt. „Eure Männer sind reich . . . ." „Tas also . . ." siel die Tochter zitternd vor Auflegung ein, „wir sollen unsere Männer, die wir verachten, um Geld für Sie bitten. Sie wollten nichts als unser Glück sagten Sie. Es ist Lüge. Nun wissen wir, weßhalb wir die Frauen jene Männer wurden, werden mußten ohne Erbarmen. Sie standen schon damals am Abgrunde ehrlosen Ruins und diese Männer waren ja reich. Sie wußten schon damals, wie es komiucil würde und da mußten dann die Töchter die Ware sein für eine neue Geldquelle. . ." „Kinder bringet mich nicht zur Verzweiflung", ächzte der Alte. „Ich will ja nichts geschenkt von Euch. Möge ich an den ersten 'Bissen ersticken, den ich von Eurer Gnade habe. Nur in Eurem Interesse will ich, daß Ihr mit Euren Männern über einen Gegenstand redet. Noch nämlich gehören von diesem Hause, die zwei Zimmer, die ich bewohne, mir. Ich kann dieselben verkaufen. Kauft sic ein Fremder, so seid Ihr in Eurem Besitzthume gestört, das Haus hört auf, ein Familienhaus zu sein. Eure Männer sollen mir daher diese zwei Zimmer abkaufen, ich gebe sie Euch um einen billigeren Preis als einem Fremden, dafür müßtet Ihr mir aber auf Lebzeiten den Stall überlassen, den Eure Männer doch nicht brauchen, weil sie keine Pferde halten." Nach wenigen Tagen schon bezog Chaim Feitel den Stall in seinem prächtigen Hause. Aber auch davon wußte die Wett nichts. Er zahlte seine Schulden und fing an, seltener in die Stadt zu gehen. Endlich blieb er ganz zu Hause, und die Welt pries ihn, als den glücklichsten Vater, dem die Tech er die alten Tage so versüßen. Chaim Feitel lebte jedoch wie ein Asket von trockenem Brote. Nichtsdestoweniger ging er täglich stolz in die Synagoge. Tie Welt hielt ihn immer noch für den Alten. Einmal war er aber zwei Tage nicht sichtbar. Tie Tochter selbst crsch ackcn. Sie gingen in den Stall und fanden ihren Vater -- todt in seinem Bette. Noch über den Tod hinaus spielte Chaim Feitel den reichen Mann. Ter buchstäblich Erhungerte tcslirlc der Chewra-Kadischa, deren Vorsteher er war, seinen theuren Tcmpelsitz, seine kostbare Schnupftabaksdose und seinen Stock mit dem schweren silbernen Griff. Eingefendet. Ter Verein Ahawas-Zion, Centralverein für die Colonisirung Palästina's in Wien, hatte am 2. Juli l. I. eine außerordentliche Pleuarversammlung abgchaltcn, welche wegeil der nachhaltigen Tagesordnung an 3 Abenden fortgesetzt werden mußte. Cs wurde das aus 17 Funktionären bestehende Comi e completirt und besteht dasselbe nunmehr aus folgenden Herren: Präsident Herr Tr. Philipp Hajck, Viccpräsident Herr Tavid Roscnstcin Verwalter Herr Josef Pollak, Cassier Herr Josef Lichtenftein, Schriftführer die Herren Nathan Sachs und Nathan Pinelcs. Im engeren Ausschuß die Herren I. B. Glückmann. Ignatz Melion, Adolf Fanto; Ersatzmänner die Herren A. Baß, M. Pall euberg, S. Schreier, Ed. Icttinek, Ign. Strammer, Rcvisorcn die Herren A l f r e d B o ck, M o r itz L c h n e r und A. S t c r n b e r g. Weiters wurde ein Damen-Com itö geschaffen, da viele Tamen, ron dem löblichen Zweck des Vereines angeregt, in den Verein einzutreten wünschen, an dessen Spitze Frau Redacteur Weiß gestellt wurde. Ebenso wurden zahlreiche Sectioncn creirt und mit Vorständen versehen. Letztere erklärten, daß sie alles ausbieten werden, um für die Verbreitung und Vergrößerung des Vereines zu wirken. Weiters wurden mehre e Ehrenpräsidenten und Ehrenmitglieder gewählt, unter den ersteren auch der hochverdiente Herr Reichsraths Abgcordncte Tr. Bloch und zwar per Acclamation. Tie betreffenden Ehrendiplome werden demnächst durch eine Teputation überreicht werden. Außerdem wurden Wanderversammlungen beschlossen, deren nächste am Dienstag den 4. August l. I. in Sohr's Restauration, Circusgasse 3, um 8 Uhr Abends stattfinden wird. Weiters wurde eine Resolution angenoinmen, welche zum Zwecke hat, die „israelilische Alliance" in Wien anzugehen, die für die aus Rußland ausgewiesenen Juden bei ihr einfließenden Gelder auch für jene zu vc wenden, welche nach Palästina gehen wollen. Ter Bericht des Vorsitzenden über den derzeitigen Stand des Vereines wurde mit außerordentlichem Beifalle entgegengenommen und ihm der Dank der Versammlung für seine bisherigen eifrigen Bemühungen volirt.