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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-31 · 30 (31.7.1891) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
30 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 30 Oesterrrichifche Wochrnfchrifl. vielte 541 nicht gegen dieselbe angekämpft werden? Die letzte (ioit)’cqitiMt; grenzenloser Duldsamkeit märe schließlich auch veriverslich, denn das hieße ja, daß man das schlechte nicht verachten und nicht verhindern dürfte. — — Daß hier ein Trugschluß vorliegt — daß durch die Verdammung des Antisemitismus das Recht aus Verfolgung nnd Ausrottung des schlechten nicht angegriffen wird, daß laßt sich bei einigem Nachdenken ganz tlar erkennen. Die Sache ist neulich die: Alle Schlechtigkeiten — Verbrechen und Vergeben — welche innerhalb der Gesellschaft begangen werden, sind individuelle T hnten und dürfen daher nur an den einzelnen verpönt und bestraft werden. Sobald unter dem Vorivand, daß in einer bestimmten Gruppe von Leuten mehr gesündigt wird — die ganze Gruppe der Verfolgung anhe'unfrllt, so ist's um die Gerechtigkeit geschehen. Diese fordert unabiveislich, daß die Schuld nur dem Schuldigen angerechnet werde. Sobald durch Vollstreckung eines Urthcils neben mehreren gerecht Verurtheilten auch nur Gin Unschuldiger mitzuleiden hat, so ist jenes Urtheil ungerecht gewesen. Was das moralische — nicht juridische — Urtheil betrifft, welches ganze Glossen umfaßt und dadurch nothivcndigenveise vielen Ginzelnen Unrecht thut, so ist dies'eben — V o r u r thei l. Du diesem ganzen Gcdanrcmvirrsal läßt sich also als untrüglicher Wegweiser das Prineip der (Gerechtigkeit gebrauchen, 'Vä rtZ gegen di eses ver stö ß t, h at man alts s e i n e r (ä e s i n n u n g a u s z il s ch e i d e n. Vorausgesetzt — aber nicht zugegeben — daß unter den Semiten mehr schlimme Gigenschasten Vorkommen als unter den 'Ariern, so wäre, ehe man die Raccn-Glgentliümlichkcit dafür vcranttvortlich macht, zu untersuchen, wie viel von den Fehlern auf Rechnung der Behandlnng, der Umstünde zu setzen ist, unter welchen die betresseitde Race erisliren mußte und nocl> muß; angenommen also, daß bei vielen Ginzelnen diese Fehler unangenehm oder gar schädlich heovortreten, so kann man ja diese Ginzelnen meiden, beziehungsiveise unschädlich machen; aber zugleich auch Heile meiden, vV'm' beleidigen, v\ciic von vornherein strafen, die von jenen Dehle.n frei sind twd vielleicht die liebenswürdigsten und achlitngsivetthesren rügenden und Fähigkeiten besitzen, das verstößt doch gegen alle Vernunft ttnd alles Rechtsgefülit! Und gerade das ist es, tvas der Antisemitismus von seinen Anhängern fordert. Man soll einem hochgebildeten Wiener Duden — sagen wir Advoeaten, Schriftsteller, Künstler — mit Geringschätzung begegnen, ihn zu liindern trachten, feinen Veras oder seine Kunst auszuüben, tveil — nun, tv e i l es in galizischen Dörfern jüdische Brannnveinbuden-Vesitzer gibt, tvelehe Wucher treiben. Argtimente solchen Kalibers hört man von jener Seite häufig Vorbringen. Da mm die Ungerechtigkeit der Voden ist, ans tvelchem der Antisemitismtls hervorsprießt, so ist auch folgerichtig die Methode, mit welcher er vorgeht, eine rechtsverleugnende geworden. Gr operirt lder fatsch verstandene .ßiveck heiligt ihm die Mittel) ivissentlieh mit Drug. Wenn z. V. — und da nenne ich nur eines der üblichen Kampfmittel — die Blätter seiner Partei alle von v\iiben begangenen Verbrechen und Vergehen herzählen und die gleichzeitig von arischer Seite begangenen versehtveigen, so ist das geflissentliche Falschheit. Nichts ist leichter, als zu Hetzen, nichts leichter, als bei ungebildeten Massen Haß und Mißtrauen zu tvecken. Gs ist daher die große Anhängerschaft, tvelehe der Antisemitismus in der Bevölkerung, itamentlich aus dem flachen Lande, gesunden hat, kein Beweis für dessen Berechtigung. 'Noch Gins kommt hinzu: die Leute sind gar so froh, ivenn sie irgend eine Glosse als mindenverthig, als Geschöpfe zlveiter Kategorie betrachten könneir; dadurch geivinnen sie in ihren eigenen Äugen an Vornehmheit. Wenn so ein kleiiter Handtverker oder Hausknecht von dem vierspännig vorbeisahrenden Baron Soundso sagen kann: „Das ist nur ein vsiit>", so fühlt er sich selber so geiviß geadelt. Allen Denen ferner, die unter dem Drucke ivirc.,fchaftlicher 'Verhältnisse leiden, ist cs eine Wohlrhat, sieh eine Glosse von Leuten vorzustellen, auf die sie ihren Groll abladen und von deren Zurückdrängung sie sich Abhilfe erhoffen können. Viele denken nicht einmal so weit. Nur etwas zum Verfolgen und zum Bescbimpfen zu haben, das genügt ihrem Triebe. Denn, daß die rohen rriebe aus der Men äh beit noch nicht ausgeroltet find, das ist — dem Genius des Dortichrms sei's geklagt! — eine nicht wegzuleugnende Dbatsache. lUun ist aber eine Bervegung, welche aut Drug und Un ger.chtrgleit sic'; stürzt, dabeden niederen x\nfrincren Nahrung gibt, eine Gefahr fü. die Gesellühau. Gine deno größere t^efahr, als Solche, die relber nicht Ingen und selber nicht roh sind, davon erg.issen iverden. weil ne bei den Anderen begrün detes Urtheil vo.ausselzen — und es ist natürlich, daß die Vorurtheilslo.'cn endlich beginnen, fiel) energisch dagegen aufzulehnen. Nicht nur die Vcu offenen, sondern alle Deue. denen das schreiende Unrecht rreb Unit, das da ihren gleichberechtigten Mitbü.ge n, ih.en gle>chgearn'ten Mlcmenlchen gezchievt, mußten schließlich zct einem lauten Proteste sich aus raffen. Lange - viel zu lange -— sind sie schweigend beiseite gestanden: je ivüster und lauter die Anderen hetzten und scbü.ten, desto stiller und veräclitlicher haberl sie sich abgervendet, in der salscbeil Vorausjelznng, daß das sowohl gegen die Stmusg.nnch als gegeit die Vernunffgesetze ve.ffoßende Dreiben von selber siel, verlieren müffe. Und ana; aus einem gewissen Anstandsgefühle, um die belew.gte Glosse dtirch die Beaclunng der Beleidiger itidu nocii mehr zn veKetzen, baden die Nichl -Antisemiten sich vaffiv verhalten. Aber mit Unceclu. Das äreiben bat nicht aiffgehörr: nnter allerlei Dörmen und Ntasten nnd in den ve.schiedenslen Ab ftnsllngea bat es in ffnmer weitere Kreise sich verb.eitet. Da n-ai nun der Heitprnlkt gekommen, wo Solche, ivetche die Ver rverflichtei: jener Bervegung einsehen, sic!) zrir Aorvebr derselben erhoben, in dem sie ösfcnilich erklärten, daß üe den Antisemittslnns veGammcn. Als vor ern.zem solche mmtrn-antisemiiffche Ver einigit'.lgen cns Leben gerufen wurden. haben sich sororl Blani'.er nnd Drallen ans den verschiedensten (N'-eUschafrsetaffen angeschlossen und in ihren Listen Namen anfgeiviescn. ivetche. imt achtunggebietend zn wirken, vorerst nicht gezählt, aber gewogen sein ivolleir. Wer da beigetreten, der bat damit die Vervßich tnng übe.nonlrnen, im eigenen Kreise gegen das Ucberbandnclnnen jenes gehäsßgen ("Giftes zrt ivirken rmd nicht länger — unter den beiden be ucinen Vorwänden: mische mich nicht in Politik" und „Deder Mensch faun ja sew.e 'Ansiclu habcn" - es ruhig geschehen zn lassen, rvenn in ihrer O'egenrvarl in antisemitischem Sinne gesprochen wird. Besonders den Blüttern kommt es zn, lvenrr ne bemerken, daß iure halbgeivachsenen Söhne l^esahr lausen, von diesem Ginstosse angefteckr zn iverden, sic davor ztl schützen: denn deiner Mutter soll es gleichgiltig sein, wmu ihr Kaw ("'esmnltngen nährt und at'.sdrückt, dce aus (Grausamkeit und Ungerechtigkeit, aus Hoclimuth und Dünkel gegründet sind, die das Gemüth zn verrohen und den ("'eist zn verengen drohe)). Das Heft kann nicht umgekehrt iverden Die Antisemiten dürfen nicht sagen: Dar seid ungerecht tuid gehässig gegen uns. Dhr beleidigt uns ml bloe, indem Dbuns Roheit und Nrtheilsmaiigel znschreibt — ivir sind eine Partei - wir fordern Achtung für unsere Ueberzengnng. Daraus läßt sich antworten: Wir, die Abivehrenden, ivcnden uns nicht gegen eine ganze, durch ein generelles mid zufälliges Merkmal gebildete Glane, deren einzelne x\nt>iniöuen die veLscliiedena.rigsten guten oderbösen Gigenschasten haben tonnen; nur bekämpfen eine bestimmte Gesinnung, die jedes einzelne Dudividuilm der von uns Bekämpften auch wirklich liegt nnd zn hegen sich rühmt. Wenn man einem Verfolger das Verfolgen verivebrt, so darf er darnin nicht den Verfolgten spielen. „Schalt' . . . der arme Löwe dorr," so sagt ein mitleidiges Römerkind in der Arena, „der arme Löwe hat noch keinen Gheißen bekommen'." Aehnlicb zn be dauern wären die armen Antisemiten, ivenn sie ihre Lieblings bellte nicht mehr zii vcffchlingcn limam. „Presse.”

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