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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-31 · 30 (31.7.1891) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
30 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 540 Oesterreichifchr Wochenschrift. Nr. 36 Ich frage aber noch mehr. Kennt etwa der die Bedeutung der christlichen Neügion, der Haß und Verachtung gegen die leiblichen Brüder Christi verbreitet? Wollen Hochwürden die Religion in ihrer Reinheit erhalten wissen, nach deren Lehren die Liebe zu Gott und die zu unseren Nebenmenschcn sich das Gleichgewicht halten, (Mar. XII, 31) müssen Sie sich vor Allem der Umarmung der Apostel des Rassenhasses entwinden, die unter dem Deckmantel des Christenthums ihrer Selbstvcrgötterung dienen. Vergessen Hochwürden nicht, daß eines Priesters Aufgabe mit den Bestrebungen der Antisemiten keinen gemeinsamen Berührungspunkt hat. Während die Apostel des Rassenhasses die Drachensaat der Zwietracht zwischen den Löhnen eines und desselben Vaterlandes ausstreuen, ist ein Priester zufolge eines Propheten des alten Bundes (Mal. II, 5) berufen, den Frieden zu wahren und, wo dieser gestört, von dem Satze sich leiten zu lassen: Xurnquid nou pater unus nostrum omnium? Numquid non Deus unus creavit nos? (ibi 10.) So schließe ich denn mit dem Wunsche, Hochwürden mögen zu der Erkenntnis; cn'lich gelangen, das; das Ziel der Antisemiten jenseits des Zieles liegt, nach dem Jeder zu stieben hat, der an einen Gott glaubt, der alle Menschen ohne Unterschied aus Sprachslcxion oder Knochen- und Schädelbildung in seinem Ebenbilde geschaffen. . Dr. Simon Wolsfso hn Rabbiner. Ein Wort an die antisemitischen Frauen. Aon A er ihn von Suttner. „Lag mir, was ist denn — eigentlich — der Antisemitismus?" So hörte id) neulich eine junge Frau ihren Gatten fragen. Cr zuckte die Achseln. „Das solltest Du doch wissen . ... da doch Dein Vater, Deine Bruder enragirtc Antisemiten sind, da Du doch selber öfter geäußert hast, Du mögest die Juden nicht . Dennoch, die Frage war berechtigt: Fcnc ivußte ulrfit, was der Anl,,kl>mismus „eigentlich" sei. Cs fommt so häufig vor, daß man eine Lache jahrelang so geivis; als selbstvcrständlich hinnimmt, daß man die darüber im-Umlauf befindlichen Phrasett auch selber nachsp.rcht, ohne tveiter darüber nachzudenken, und daß dann — wenn man plötzlich sich oder Anderen Rcchcnschast darüber geben soll — Einem die Einsicht aussteigt, daß inan ivirllich nicht sagen könnte, ivoraus das Ding besteht, woraus cs sich gründet und wo hinaus e-> will. Es ist so begticm, eilte Erscheintlng — sei sie nun phvsikatischcr oder socialer R'atur — einfach als bestehende Thatsache hinzunehmen und vorauszusetzen, daß die Ursachen, aus welchen sie hervorgegangen, hinreichcird sein müssen, sonst wäre sic eben nicht da. Das hat wohl seine Richtigkeit, nur können die wirklichen Ursachen ganz andere sein, als die allgemein angegebenen. Zn mit Wissenschaft oder Politik zusammenhängenden Dingen liegt es besonders den Frauen nahe, die Last des weiteren Erörterns von der Lecle abzuwälzen: „Das verstehen wir nicht! . . . Das s o l l e n wir nicht einmal verstehen! . . Das geht uns nichts an!" Fe mein' cs dann dem gesunden Sinn auffällt, daß eine Einrichtung, eine Bewegung cttvas Hartes, Unglückbringcndcs an sich hat, desto mehr ist man bereit, anzunehmen, die Gründe hiezu seien unabiveisliche, genatt erforschte und gewissenhaft geprüfte. Fe gräßlicher und häßlicher die äußere Bethätigung, desto unumstößlicher — so denkt man — die innere Berechtig ng; denn würden sonst so viele, mitunter so angesehene Leute zu der Sache trotz ihrer harten Folgen sich bekehrt haben? So auch hier. Denn daß es schön, daß es allgemein beglückend, daß es nur gerecht sei, eine Anzahl von Leuten ihrer Glaubens- oder Racc-Angchörigreit wegen zurückzusetzen, daß wird doch 'Niemand — am allerwenigsten eine sonst sanft und freundlich gesinnte Frau —: finden; aber sicherlich ist diese Zurücksetzung zum Wohle der klebrigen nöthig; aus furchtbar verwickelten ethnographischen und anthropologischen Gründen ist die betreffende Race minderiverthig und aus noch verwickclteren, mit Großcapital und Kleingewerbe und sonstigen national-ökonomischen Dingen versetzten Ursachen muß man sie unschädlich machelt tlnd siel) als deren Feind bekennen . . . Das ist so ungefähr der Standpunkt unserer antisemitischen Frauen. Häufig thun sie auch mit, ohne nur zu der Fragestellung zu gelangen, welche diese einleiten. Solchen meiner Schwestern jedoch, die nach diesen „eigentlich" geforscht haben möchte ich gern hierin aller Kürze (und ich habe die Angelegenheit einigermaßen studirt) ein wenig Ausschluß geben. Der Kern der Sache ist Feindseligkeit. Das Mehr oder Weniger von Haßsähigtcit, daß Zeder Brensch im Innern trägt, und das er gegen die Dinge wendet, die ihm störend, schädlich. oder auch nur — unangenehm erscheinen, ist sehr leicht angefacht, denn er ist froh, einen Gegenstand zu finden, auf welchen er die verschiedenen Richtungen seines Grolles conccntriren kann. Die alte Geschichte vom Sündenbock. Die Einen sehen ihren Glauben gefährdet, die Anderen ihre ('»Esch ste, die Dritten ihre gesellschaftliche Cxclusivitüt und die verschiedenen Angsttönc wandeln sich in Klage- und Anklagctöne, die in einem Accord zusammcnklingcn, der schließlich bis zum Verfolgungsgeschmctter anschwcllen kann. „Schlagt sie nieder!" Dieser Kampfruf der mittelalterlichen und der Corfiotcr Antisemiten, den will keiner unserer „gebildeten" Arier ausstoßen; sie vergessen aber, daß die Hausung der einzelnen Beschuldigungen, Verdächtigungen, Geringschätzungen jenen Ruf ergeben muß. „O, nichts Gewaltthätigcs — nur auf gesetzlichem Wege . . .", heißt das Pnrteischlagwort und die Anderen beruhigen sich dabei. Sie sehen nicht, daß Jene anstrcbcn, ihre Verfolgung — die jetzt noch außcrgcsetzlich ist — zum Gesetz, zu erheben. Die Hinrichtungen der Ketzer und sauberer waren Acte öffentlicher Justiz und — ohne so weit in die Vergangenheit zurückzugrcifen — die jüngsten Massenausweisungtn der Fuden aus Rußland, wodurch tausende unschuldiger Familien dem bittersten Jammer preisgegebcn worden, sind die pflichttreue Ausführung einer von der höchsten Gesetzesgewalt ausgcgangcnen Verordnung. „Wir leben nicht im Mittelalter und nicht unter halbasiatischem Autokratcnthum," wird daraus beschwichtigend geantwortet, „so weil lassen wir es nicht kommen, wir wollen nur aus gesetzlichem Wege . . ." Was? Einer Classe von Mitbürgern ihre Rechte eines nach dem andern entziehen, ihnen die Wege versperren — nicht nur zu Acmtern und Würden, sondern auch zum Lebcnscrwerb; oder ist denn der Grundsatz, zu dem die Antisemiten — sogar in dem Inse.atcntheil ihrer Blätter — sich bekennen: „Kauft nur bei Christen" nicht einfach ein Aushungcrungsvcrfahrcn— ein zwar langsameres und versteckteres als die Umzingelung des Iudenviertcls, aber eben so sicher — m:r zehnmal perfider? An die letzten Conscquenzen, an die folgerichtige Ausführung einer Sache denken die wenigsten Leute. In der Frage des Antisemitismus z. B. tvcrden die. Beeisten auf verschiedenen Ansangsstationcn stehen bleiben — bis zum thätlichcn Haß werden sie nicht schreiten wollen; aber das wird ihnen doch erlaubt' sein, 'Antipathie zu fühlen und sic merken zu lassen? . . . Was die Anderen' betrifft, die bis zum Haß gelangt sind — so denken die Gemäßigten und „Antipathie" Fühlenden — so haben die sicher ihre Gründe . . . Die Blutsaugerei muß doch eine politisch-ökonomisch bciviescne T hatsache sein und das gewisse österliche Blutopser.... je nun, „so ganz ohne" ist das Ding vielleicht auch nicht . . . Warum sollte — wenn die Schädlichkeit einer Race oder Classe erkannt worden ist —

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