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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-31 · 30 (31.7.1891) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
30 (31.7.1891)
Date
1891-07-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Orstrrrrichische Wochenschrift. Seite 530 das „Beuschel" herauszieht. Indioium 8ine misericordia illi, qui non fecit misericordiam (ibi. 13). Und wie denken Hochwürden darüber, daß gerade aus dem alten Testamente im neuen der Beweis erbracht wird, daß Glaube ohne sittliche That einem Körper ohne Seele gleiche? Und wenn ein Apostel die Mahnung ausspricht, den Menschen nach seinen Werken und nicht nach seinem Glauben blos zu beurtheilen, wollen Sie da noch die Behauptung aufrechterhalten, daß ein „israelitischer Doctor" von der Bedeutung der Religion nicht überzeugt ist, die eine Quelle der Ethik für die „Söhne Israels" gewesen, die ausgezogen sind, um die Heiden ethisch zu erziehen? Ich kann Hochwürden nur dringend rathen, mit der Frage zurückzuhalten, ob mir, dem „Sohne Israels" auch bekannt, was die Apostel unter „Opera" verstanden. Denn rückhaltslos werde ich unter Hinweis auf Jacobus I, 27 die bindende Erklärung abgebeN: Unter Opera verstanden sie Gottesdienst, der aber nicht mit Kirchenbesuch zu identifiziren ist. Denn nach ihnen ist ein „r einer unbefleckterGottesdien st nichts Anderes als Witwen und Weisen in ihrer Bedrängniß bei st ehe n." Hochwiirden hätten sicherlich nicht ganz epitbeta ornantia für die Anmaßung gehabt, wenn irgend ein „israelitischer Doctor" seinen Zweifel geäußert, ob Sie von der Bedeutung der christlichen Religion in dem Mo" mente überzeugt waren, wo Sie Ihre von Lieblosigkeit strotzende Rede gehalten. Und uns sprechen Sie sans doute das Verständniß einer Religion ab, die wir täglich und stündlich üben! Während ich diese Zeilen niederschreibe, wurde ich von einem christlichen Handwerker unterbrochen, dem seine nachts verschiedene Frau sterbend den Auftrag ertheilte, mir, dem jüdischen Geistlichen, den Dank abzustatten für die Liebesgaben, mit denen meine Glaubensgenossen sie während ihrer langen Krankheit bedacht haben. Und dennoch haben wir „Söhne Israels" kein Verständniß für eine Religion, die nur thätige Liebe fördert!?! So wenig ich auch nach Ansicht Ew. Hochwürden von der Bedeutung der christlichen Religion durchdrungen bin, so genau bin ich darüber unterrichtet, daß nach Mathaeus und Lucas Viele, die Christum als ihren Herrn anrufen, von ihm als Uebelthäter werden zurückgewiesen werden. Eben so genau weiß ich, was von „Anbeginn der Welt" denen bereitet ist, die der Hungrigen, Durstigen, Fremden, Entblößten, Kranken und Gefangenen sich liebevoll annehmen. (Mat. XXV, 34—40.) Fragen Hochwürden nur die christliche Bevölkerung aller Orte, wo jüdische Kultusgemeinden sind, wie viele kranke Christen von Juden gelabt, wie viele christliche Kinder von Juden bekleidet, wie viele Arme, die das Kreuz tragen, von Juden gespeist werden. Und wenn Sie sich dermaßen überzeugt haben werden, daß wir mehr leisten als die vielbegüterten Christen, so belieben Sie die Frage einer ernsten Erwägung zu unterziehen, wer berechtigteren Zuspruch auf den Platz zur „Rechten des Königs" hat. Und ungeachtet der Worte Ihres Erlösers: Quamdiu fecistis uni ex bis fratribus meis minimis, mihi fecistis, wagten Hochwürden uns ohne weiters die Bedeutung einer Religion abzusprechen, die ein viertausrndjähriges Erbe des Hauses Jacobs ist? Soll ich Ihnen die Worte Jacobi III, 5—10 in Erinnerung rufen? Ich finde es begreiflich, daß iin wüsten Lärm antisemitischer Volksversammlungen die Bergpredigt überhört wird. Es darf drum Niemanden Wunder nehmen, wenn ein „Bruder in Christo" ungewarnt von den Weisheitsspruche: Nolite judicare nt non judicemini, seine angegriffene Ehre in der Gerichtsstube zu restauriren versuchte. Aber vielleicht hat sich noch nie die Außerachtlassung einer ethischen Vorschrift rascher und bitterer gerächt als eben in diesem Falle. Der Journalist Scharf ist der Bestrafte zwar; wer ist aber der Gerichtete, von der obersten richterlichen Instanz Gerichtete? Jndeß will Dr. Lueger unter dem Zwange seines Advocatenberufes gehandelt haben. Aber Hochwürden sind Diener einer Religion, die nach Versicherung ihrer maßgebendsten Lehrer, der Kirchenväter, in der Religion aufgeht, welche vor nahezu vier Jahrtausenden mit der Begründung „denn du pfändest die Seele" verboten, einem Handwerker das Werkzeug, einer Witwe das Gewand zu pfänden und Jeden, der ein Nachtgewand als Faustpfand innehat, verpflichtet, es vor Sonnenuntergang dem Eigenthümer zurückzugeben. Ich frage drum, wo waren denn Hochwürden, wo Ihre Amtsbrüder, als auf Dr. Luegers, des „Bruders in Christo" Antrag, in Wien armen Handwerkern das Werkzeug, Witwen das letzte Gewand und Anderen sogar die Symbole ihrer Gottesverehrung gepfändet wurden? Warum haben Sie das geschehen lassen? Was Sie thun sollten? Dasselbe was ich gethan, als 1876 in Ung. Ostra ein jüdischer Schuster wegen 50 fl. gepfändet, werden sollte. In kaum einer Stunde setzte mich eine von mir veranlaßte Geldsammlung, an der der klägerische Advocat, Herr Dr. Januschka — ein Christ mit 5 fl. sich betheiligte in den Stand, die Schuld zu decken. Und was der jüdische Geistliche einer kleinen mährischen Kultusgemeinde vermocht, hätte der katholische Klerus der Reichs- und Residenzstadt bei gutem Willen nicht zuwege bringen können? Ewige Pein verheißt Christus denen, die sich der Armen (gleichviel in welcher Nothlage) nicht annehmen. „Was ihr nicht gethan Einem unter diesen Geringsten, habt ihr mir auch nicht gethan." (Mat. XXV, 45). Und ungeachtet ihrer eklatanten Unterlassungssünde in der zur Berüchtigkeit gelangten Beuschelaffaire sprechen Hochwürden die Kenntniß der Bedeutung der christlichen Religion den „Söhnen Israels" ab, mit denen Sie in der Bethäügung der Nächstenliebe sich keineswegs messen können! Sicherlich hat Kants „kategorischer Imperativ" eben so wenig wie der Vortrag eines „isralittschen Doctors" über einen christlichen Tondichter es verschuldet, daß die Intervention des Wiener Klerus zu Gunsten armer Gepfändeter unterblieben ist. Auch kann die Verantwortung wegen dieser Unterlassungssünde unmöglich Anzengrubers „Viertes Gebot" treffen. Wohl ist Elternliebe die Quelle, aus der alle edlen Regungen unseres Herzens ausströmen. Nur' so lange diese ungehemmt sprudelt, kann der erweiterte Strom, die allgemeine Menschenliebe, seinen Lauf fortsetzen. Darum scheinen auch nur „Söhne Israels" prädestinirt gewesen zu sein, für eine Religion Propaganda zu machen, die nach Versicherung aller Evangelisten in dem Satze kulminirt: Diliges proximum tuum sicufc te ipsum (Lev. 19, 18; Mat. 22, 39 u. s. w.) Denn die unparteiische Weltgeschichte, die über das Familienverhältniß der einzelnen Völker des Alterchums berichtet, stellt den bestgehaßten Juden diesbezüglich ein beachtenswerthes Leumundszeugnis aus. Ich ftage drum Hochwürden, ob denn in der Gegenwart die Familieninnigkeit der Juden der christlichen Nächstenliebe eines gewissen ,,Bruder in Christo" gleichwerthig sei, daß ihnen schon das Verständniß einer Religion abgesprochen werden muß, die sich zur Elternliebe wie der Stamm zur Wurzel verhält?

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