Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 29 (24.7.1891)
- Date
- 1891-07-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 528 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 29 übereinstimmen, was im modernen Denken gut und edel und wahr ist. Und so wird er in Uebereinstimmnng mit den Schriftworten, die wir soeben vernommen haben, zu einer und derselben Zeit Schäfer und Wächter sein, ein Schäfer, der vor der Heerde einherzieht, ein Führer, der sich nicht von jedem vorüberziehen Winde der Theorie beherrschen läßt, ein Mann von wachsamem Herzen, der seine Schafe zu grüner Weide und kühlenden Strömen leitet, die Jungen, die Müden und Verwundeten in seinen Armen trügt und ein Wächter, der Schildwache am hohen Thurme steht, die Schlacht überblickt, mit freiem Auge und Ohr immer munter, ein wacher Wardein der Religion und Sittlichkeit gegen die Ueberrumpelung durch jeglichen Feind, ein beherzter Kämpe für die Aufgabe Israels, die es auf Erden noch zu erfüllen hat; die Erkenntnis der Einheit Gottes zu verbreiten, die Oberhoheit der Tugend und die Verbrüderung der Menschen. Dies ist in möglichst wenigen Worten das Ideal des jüdischen Seelenhirten, das ich mir vorgesetzt habe. Wie weit ich im Stande sein werde, es zu verwirklichen? Ich antworte mit den Worten des Propheten: „O Gott, Du weißt es." Es ist nicht in die Macht der armen Menschheit gegeben, ihre hohen Ideale zu verwirklichen: „Auf Erden gebrochene Bogen — „On the earths the broken arcs; Am Himmel ein vollkommen Rund" — In the heaven a perfect round.“ Aber dessen bin ich sicher, daß, wenn ich das Höchste auch nur erstreben kann, Gott in seiner Güte die reine Absicht so anrechnen wird, als wäre sie vollkommen vollführt worden. Aber wer wird der Thatsache widersprechen wollen, daß die Ausgabe, die meiner wartet, in Wahrheit eine riesenhohe ist. Ich spreche nicht wie einer, der die Arbeit nicht kennt, die seiner harrt. Während der letzten 12 Jahre habe ich gelernt, was das englische Rabbinat bedeutet, was es auferlegt und fordert. Wie sind doch die Worte des R. Gamaliel darauf so anwendbar: „Denkt Ihr wohl, daß ich eine Herrschaft Euch verleihe? Nein! Knechtschaft lege ich Euch auf." Wohl fürchte ich vor der Arbeit nicht. Von meinen frühesten Jahren habe ich meine Schulter gebeugt zu tragen. Die Kraft meiner Jugend und die Stärke meiner Mannesjahre habe ich der Gemeinde gewidmet, für die Gemeinde will ich leben, für die Gemeinde will ich sterben. Aber fordert nicht allzuviel von mir, beraubt mich nicht völlig der geringen Muße, die ich jenen Studien widmen kann, welche die Wonne meines Herzens sind, erwartet nicht von mir, daß ich alle Zeit auf dem Schauplatze sei. Das Amt eines Chief Rabbi ist keine Bühne, der Kreis der Wirksamkeit eines Seelenhirten, keine Arena, und selbst bei diesen Berufsarten ist es ja der beste Schauspieler nicht, der für die Gallerien spielt. Ich kann wieder nur die Worte wiederholen, die von dem gesprochen wurden, der ewig das höchste Ideal des Führers einer Nation sein wird: „Ich kann allein dieses ganze Volk nicht ertragen, denn es ist mir zu schwer." Und darum bin ich vollkommen überzeugt, daß es mir nicht gelingen wird, etwas wahrhaft Werthvolles zu leisten, wenn Ihr mir nicht Eure treue Hilfe leihen werdet. Theuere Brüder im Amte und Mitarbeiter! Helft mir in allen diesen verschiedenen Arbeiten, die ich nur unvollkommen gezeichnet habe, mit Eurem überlegten Rathe und Eurer willigen Hilfe. Laßt mich es empfinden, daß ich in Jedem von Euch einen willigen Helfer besitze, der Herz und Seele der Arbeit widmen wird, die von ihm verlangt wird. Ich fordere jedes Mitglied der Gemeinde auf, mir treulich Hilfe zu leisten, laßt mich es empfinden, daß jede Hand, die ich fasse, die eines theneren Freundes ist. Leiht mir Euere theuere Mithilfe, Ihr Mitglieder meiner Heerde in den Provinzen, deren Vertretungen ich heute hier zu begrüßen mich freuen darf und die ich bald in ihren Heimathsorten zu besuchen hoffe. Leiht mir Euere theuere Unterstützungen, Ihr Brüder auf den Inseln! Wiewohl meine Stimme Euch nicht erreichen kann, so wird doch mein geschriebenes Wort, mein Rath und meine Führung immer Euch vom Herzen gewidmet sein, und oh! daß ein theuerer Wunsch meines Herzens mir verwirklicht werde, bevor ich von hinnen scheide, mit eigenen Augen die verschiedenen Gemeinden auf den Colonien zu schauen, die so oft in meinen Gedanken, so beständig in meinen Gebeten Vorkommen. Schenkt mir Euer Vertrauen und hier rufe ich die verschiedenen Parteien der Gemeinde an mit ihren so mannigfach auseinandergehenden Meinungen. Daß solche Verschiedenheiten vorhanden sind, es wäre thöricht und des Straußes Weisheit, es abzuleugnen. Aber doch wage ich die Bitte, einander mit dem Geiste der Vergebung zu begegnen, frei von Verdacht, frei von Mißtrauen; Euch, meine Brüder im Westen, sage ich: brandmarkt Euere Brüder im Osten nicht als bigotte Fanatiker, die im Moraste mittelalterlichen Aberglaubens verloren sind. Mögen sie auch ihren wohlhabenden Brüdern an Verfeinerung und Cnltur nachstehen, so könnten sie diesen dennoch gar manche kostbare Lehre von Standhaftigkeit, männlicher religiöser Anhänglichkeit und freudiger Opferwilligkeit für ihren Glauben ertheilen. Meinen Brüdern im Osten sage ich (obgleich noch glücklicherweise der Osten nicht allein den Vorrang des streng glaubenstreuen Judenthums für sich in Anspruch nehmen kann): Blickt nicht aus Jene, die nicht in vollkommener Uebereinstimmnng mit Euch sind, als wenn sie außerhalb der Pfähle des Judenthnms stünden. Räumt ihnen ein, daß sie für die Wohlfahrt unseres gemeinsamen Glaubens so besorgt sind, wie Ihr selber seid. Und Euch beiden, Brüder im Osten und Westen, rufe ich zu: „Laßt Eure Meinungsverschiedenheiten Euch nicht zu Spaltungeil und Theilungen, zu Zwietracht und Uneinigkeit verleiten. Möge die Einheit der Herzen zunehmen und erstarken!" In keiner Krise in den Annalen unseres Volkes war es nothwendiger als heute mit geeinter Front der Welt gegenüberzutreten, und vertrauet mir, daß meine ernstesten Bestrebungen darauf gerichtet sein werden, dies Ziel zu sichern. Wahrheit und Frieden find die Zielpunkte, für die ich mich mühen will, denn Dankbarkeit verlange ich nicht. Aus dem Edlen kommt sie freiwillig, aus dem Unedlen niemals, dafür aber verlange ich und erbitte ich von Euch Allen: Verleiht mir Eure treue Zuversicht und Eure Gebete, laßt mich empfinden, daß Eure Gebete in dieser feierlichsten Stunde sich den meinen zugescllen. Allmächtiger Vater! Das erste Gebet, das zu Dir von dieser Kanzel emporsteigt, die wir heute Deinem heiligen Dienste weihen, gehört unserer geliebten Königin, unserem theneren Lande. Wie Du mit unserer Herrscherin ihr Leben lang gewesen bist, so mögest Dn sie weiter beschützen und beschirmen. Nicht möge mit der Zunahme ihrer Jahre ihre Kraft und Stärke abnehmen. Gib Gedeihen ihrem Reiche! Gewähre Einsicht und Treue ihren Gesetzgebern und Berathern. Wir flehen Dich an für Israel: Schone, wir bitten Dich, den Rest Deines Volkes, der in dem Lande des Nordens wohnt, wo es so jammervoll geplagt und getreten wird. Neige das Herz seines Herrschers, daß er in Gnade und Gerechtigkeit mit unseren Brüdern verfahre. Und ich erhebe meine Augen zu Dir und flehe Dich an für mein armes Selbst. Du hast verheißen, daß Du Deinem Volke Hirten verleihen wirst nach Deinem Herzen. So hilf, daß ich solch ein Hirte nach Deinem Herzen werde, der seine Heerde nähren wird mit Kenntnissen und mit Einsicht. Du weißt meine innersten Gedanken; Du weißt wie glühend in mir das Verlangen brennt, Deinen Namen zu heiligen und den Glauben zu verherrlichen, den Du uns offenbart hast. Sende mir Dein Licht und Deine Wahrheit, daß ich würdig diese Sendung vollsühre. Stärke mich, ich