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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-24 · 29 (24.7.1891) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
29 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 29 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 527 wir aus Mitleid — Trinkgelder gegeben haben. Weg mit den Trinkgeldern der Trammay-Kondncienre! Das sei von heute an die Parole!" Dr. Kronawetter wendet sich gegen die Ansicht, der Verein solle eine vorwiegend friedliche Action entsalten. „Mit solchen Friedenspredigten," meint der Redner, soll man nicht zu uns, sondern zu den Gegnern gehen, und man soll nicht von „jüdischen Unarten", sondern von den Unarten der christlich-socialen Vereine sprechen. (Beifall). Gegen den elenden, miserablen .Jesuitismus, der in diesen Vereinen gezüchtet wird und der die Wiener Bevölkerung vergiftet, soll eine Philippika erhoben werden. Wo gibt es größere „Unarten" als bei den Antisemiten. Ich kenne einen antisemitischen Führer — den Namen will ich nicht nennen — der nur dadurch emporgekommen ist, daß er sich an die Nockschöße eines Juden gehängt hat, dessen Busenfreund er durch achtzehn Jahre war, mit dem er gegessen und geschlafen hat und den er dann im Stiche ließ. (Rufe: Lueger:") Ist das keine „Unart"? Ist das arisch? (Lebhafter Beifall). Zum Schlüsse gab General v. M i n g a z; i die Anregung, eine Geschichte des Antisemitismus zu verfassen. Es wurden sodann die Vorschläge des Professors Nothnagel einstimmig angenommen. Nachdem Graf H o y o s in einem Schreiben mitgetheilt hatte, daß er die Wiederwahl zum Präsidenten nicht annehmen könne, wurde an dessen Stelle Baron Suttner berufen. Ferner wurden gewählt: Reichsritter v. Kiesling und Dr. U h l zu Vice-Präsidenten, A u g u st B a i l i n g (Eassier), Gemeinderath A u g u st I a n o t t a und Major Gideon G ü n st e (Schriftführer), uud als Ausschüsse: General v. M i n g a z z i, Dr. KarlZimmerma n n, Reichsraths- Abgeordneter Wrabetz, Dr. Ferd. Kronawetter Ludwig Hetsay und Professor Eduard Sueß. Ju das Schiedsgericht wurden berufen: Hofrath Exner und Gemeinderäthe Noske, Djörup, Frauen berger und Seitler. Mit lebhaftem Beifall wurde das von General-Consul Dr. v. Scherze r eingelangte Telegramm folgenden Inhalts begrüßt: „Herzinnigen Glückwunsch zu ihrem edelsinnigen Unternehmen, dessen Gedeihen einer Ehrenrettung der Civilisation unseres Jahrhunderts gleichkommt." InstaUationsrede Dr. Hermann Ädlers bei seiner Amtseinführung als Chief Nabbi der vereinigten jüdischen Gemeinden des britischen Reiches gehalten in der großen Synagoge am 23. Juni 5651 (1891) nach dem Jewifh Chronicle vom 26. Juni 1891 übersetzt von Ignatz Kaufmann (Kojetein). (Schluß). So Wichtig und vorherrschend die geistigen Interessen seiner Heerde auch sein mögen, so wird er doch seine Thätigkeit nicht auf diese beschränken, sondern auch sorgfältiges Nachdenken ihrem zeitlichen Wohle widmen, sein Mitgefühl und seine Thatkraft wird nicht von den engen Schranken seines eigenen Amtsbezirkes eingeschlossen sein und sich vielmehr weit hinaus über das Los seiner Brüder in fernen Gegenden erstrecken, Mitgefühl und Thatkraft, deren es niemals dringender bedurfte, als in diesen traurigen Zeiten, da die Hydra des Glaubenshasses und der Verfolgung wieder ihr haßgeschwollenes Haupt erhebt. Voll glühender Liebe für sein Land wird er mit freudiger Thatkraft zu jeder Dache beitragen, die seines Landes Wohlfahrt erheben, das Elend seiner Mitbürger herabmindern kann. Und so wird er sich selbst als der rechte Nachfolger erweisen nicht allein jener frommen Männer, die unsere Gemeinde seit den Tagen Menasse ben Israels geleitet haben, sondern gleicherweise auch jener, welche vor der Vertreibung gelebt haben, der Männer, wie Rabbenu Jomtob, des Märtyrerhelden von 8)ork Castle, Jacobs, des Presbyters der Juden von ganz England, den König Johann als äileetuZ et familiaris noster, „unseren geliebten und vertrauten Freund" bezeichnete, des Rabbi Elias, von den Chronikenschreibern Elias le Evesk genannt, der in feierlichem Proteste seine Stimme erhob gegen die Räubereien Heinrichs III. Aber seine Hauptsorgfalt wird der ideale Seelenhirt den geistigen Ansprüchen seiner Heerde widmen, er wird über das Gotteshaus wachen, von dem glühenden Verlangen erfüllt, daß der Gottesdienst, der in seinen Mauern abgehalten wird, die Gläubigen befähigen, die erhabenen Ziele zu bethätigen, denen die Gemeinschaft mit ihrem Vater im Himmel dienen soll, uud ihr Leben außerhalb des Gotteshauses zu läutern, zu heiligen uud zu einer höheren Stufe zu erheben. Er wird daher streben, daß jeder Gottesdienst durch Würde und Ehrfurcht, durch Glut und Gottergebenheit gekennzeichnet sei. Seine Stimme wird vernommen werden, wenn er in das Heiligthum eintritt, die Sorglosen erweckend, die Faulen anregend, bestrebt, in den Herzen seiner Zuhörer die Begeisterung zu entzünden, die seine eigene Seele anfeuert. Er wird vor ihnen die hohe Bedeutung, den geistigen Zweck der Einrichtungen und Vorschriften seines Glaubens entfalten, deren Beobachtung wachsam zu hüten und eifervoll zu vertheidigen er eingesetzt wurde, als Erbgüter, die von Geschlecht zu Geschlecht treulich zu überliefern sind, und er wird lehren, daß eine blinde, äußerliche Erfüllung dieser Vorschriften in den Augen des Höchsten nicht wohlgefällig werden kann, wenn sie nicht zu einem Antrieb für ein höheres Leben dienen, für ein Leben der Selbft- ' bewachung und Enthaltsamkeit, für ein Leben der Geradheit und Rechtschaffenheit. Die Sache der Kinder Israels wird er ernstlich auf seinem Herzen tragen, sorgsam darauf bedacht, wie sie für Gott und sein Gesetz zu gewinnen seien. Und dieses Ziel zu erreichen, wird er über die Schulen wachen, daß sie Pflanzstätten wahrer Frömmigkeit und echter Tugend bleiben. In seiner Sorge für die Kinder der Armen wird er der Söhne und Töchter der wohlhabenderen Classen nicht uneingedenk sein, welche nicht weniger, ja noch dringender der weisen und heilsamen Einschränkungen der Religion bedürfen. Seine Sorge wird sich nickt auf die Jugend in der kurzen Zeit.des Schulbesuches beschränken, er wird die Jugend in jenem bedenklichen Zeitpunkte bewachen, wenn sie in das Weltleben mit seinen Lockungen und Reizmitteln sich stürzt, weiter versuchend. zu belehren, zu leiten und zu bilden. Nicht durch leere Ermahnungen, sondern dadurch, daß er jedes Individuum, das in seinen Gesichtskreis tritt, zu beeinflußen sucht. Denn der Rath des weisen Königs wendet ganz besonders machtvoll sich an ihn selber: „Sei fleißig, das Angesicht Deiner Schafe zu erkennen, richte Dein Herz auf die Heerde" (Proverb. 27, 23). Er wird die Armen und Ungebildeten um sich versammeln, voll Mitgefühl für ihren Kampf, voll Milderung ihrer Leiden, voll Rath für ihre Verlegenheiten. Auch wird er sich vou denen nicht ferne halten, welche man die verlorenen Kinder des Geschickes nennt, sondern bestrebt sein, sie zur Scham vor ihrer verheerenden Ueppigkeit und harten Selbstsucht zu bringen. Er wird versuchen, die in die Heerde zurückzuführen, auf denen das Judenthum gleichsam nur lose aufliegt, dadurch, daß er den Glauben in seiner wahren Gestalt darstellt und ihnen zeigt, wie dessen Lehren mit all

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