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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-24 · 29 (24.7.1891) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
29 (24.7.1891)
Date
1891-07-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 526 Hesterreichifche M-chmfchrtst Nr. 29 Verem;ur Abwehr des Antisemitismus. Wien, 20. Juli. Im Restaurant „Kaiserhof" erfolgte heute Abends unter sehr zahlreicher Betheiligung der Mitglieder die definitive Constituirung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. Außer dem provisorischen Comite bemerkte man in der Versammlung : Hofrath Professor Nothnagel, Dr. Reichsritter v. Kiesling (Linz), Landtags-Abgeordneter Gerhard»s, General v. Mingazzi de Modigliano mit Gemalin, Chormeister Ed. Kremser, Magistratsrath Dr. Kronawetter, die Gemeinderäthe .Zimmer m a n n und D j ö r u p, Professor Bersch, Landesgerichtsrath Beranek, Dr. Alexander v. Dorn u. A. m. Der Versammlung wohnten auch mehrere Damen an. Der Vorsitzende Baron Suttner eröffnete an Stelle des abwesenden Präsidenten Rudolf Grafen Hoyos die Verhandlungen und theilte mit, daß dem Vereine bereits 1100 Mitglieder angehören und ebenso viele Anmeldungen bereits in Aussicht gestellt sind. Redner dankte für das persönliche Wirken vieler Mitglieder und lenkte die Aufmerksamkeit auf jene Vorschläge, welche in einer Comitesitzung zur weiteren Agitation vorgelegt wurden. Professor Eduard Sueß habe in Vorschlag gebracht, man möge Agitatoren auf das Land entsenden und Persönlichkeiten gewinnen, welche über den Zweck des Vereines Vorträge halten und die Anwürfe der Gegner in überzeugender Weise entkräftigen. Ferner soll ein Preisausschreiben erlassen werden, in welchem die Vereinszwecke dargestellt werden sollen, und endlich die Fühlung mit den Mitgliedern in den Provinzen gesucht werden, deren Aufgabe es sein werde, die Gründung von Zweigvereinen in die Hand zu nehmen. Hofrath Professor Nothnagel führt aus, es komme nun darauf an, eine energische, zielbewußte und würdevolle Agitation ins Werk zu setzen. Wir wollen nicht mit jenen Mitteln kämpfen, sagte Redner, mit denen unsere Gegner kämpfen, zu diesen dürfen wir in unserer Agitation niemals heruntersteigen. Eine Hauptaufgabe werde zunächst sein, möglichst viele Mitglieder heranzuziehen und die Unentschlossenen von dem Guten und Schönen, das angestrebt werde, zu überzeugen. Es müsse eine Agitation für Wien, für die Provinz, für die Stadt und für das Land entfaltet werden, und deshalb empfehle sich die Einsetzung eines Agitations-Comitos, dessen Wirksamkeit dadurch unterstützt werden solle, daß man demselben etwas Thatsächliches an die Hand gebe. Zu diesem Behufe soll ein neuerlicher Aufruf versaßt und vertheilt werden. Herr V o l l s ch l a g gab der Anschauung Ausdruck, daß der Verein kein streitbarer, sondern ein friedliebender sein solle. Das Count« solle an die jüdischen Kreise herantreten, welche den specifisch jüdischen Unarten entgegentreten sollen (Ohorufe), sowie der Verein zur Abwehr des Antisemitismus die christlichen Unarten bekämpfen wird. Ober-Jngenienr Engel widersprach dieser Auffassung. Der Verein könne nicht harmlos, er müsse ein Kampfverein sein, denn es werde mit viel unedleren Waffen auf Seite der Gegner gekämpft, als man glaube. Einer der Haupthetzer sei Dr. Lueger. Professor Nothnagel protestirte gegen den Ausdruck „Jüdische Unarten". (Beifall.) Ich kenne keine jüdischen Unarten, ich kenne nur menschliche Unarten. Es gibt keine jüdischen Unarten und Eigenthümlichkeiten. Ebenso könnte man von germanischen Unarten sprechen. (Beifall.) Oder ist das eine Tugend, wenn der Deutsche trinkt, bis er unter dem Tische liegt. (Wiederholter Beifall.) Ich kenne viele Juden, die so ritterlich sind, wie ein Arier es nur sein kann. So lange mein denkendes Empfinden reicht, ist mir immer als Motto das herrliche Wort L e s s i n g's vor den Augen geschwebt: „Erst Mensch, dann Christ und Jud und Muselmann". (Beifall.) Was macht man den jüdischen Mitbürgern zum Vorwurfe? Ich kenne Juden aus allen Ländern und weiß daher zu beurtheilen, daß es keine specifisch jüdischen Eigenthümlichkeiten gibt. Man macht den Juden einen gewissen Erwerbssinn, eine vortreffliche Eignung zum Handel zum Vorwurf, aber man vergißt dabei, daß die Juden vor Zeiten ein ackerbautreibendes Volk waren und nur dadurch, daß man sie zu Parias auf die schmachvollste Weise herabdrückte, daß man ihnen jeden anderen Erwerbszweig weg» ahm, wurden sie auf den Handel allein angewiesen. (Zustimmung.) Hofrath Noth.nagel widerlegte hierauf den gegen die Juden gemachten Vorwurf des Servilismus und schloß mit den Worten: „Was wir wollen, ist Gerechtigkeit, und Gerechtigkeit ist es, die unseren jüdischen Mitbürgern vorenthalten wird. Dafür wollen wir kämpfen mit den Waffen des Friedens, mit Allem, was das menschliche Herz Gutes und Schönes hat." (Langanhaltender Beifall.) — Herr V o l l s ch l a g erklärt, daß er die Worte: „jüdische Unart" nicht aus Ueberzeugung, sondern nur aus rednerischer Ungeschicklichkeit gebraucht habe. (Bravo!) — Gemeinderath Seiller führt aus, daß der Antisemitismus nicht nur den Juden, sondern auch der gesammten Bevölkerung Schaden bringe. Wien werde mit dem barbarischen Rußland in einem Athem genannt und habe den guten Ruf, den es einstens besessen, verloren, wodurch der Fremdenverkehr leidet. (Zustimmung.) Es müsse die erste Aufgabe des Vereins sein, den guten Ruf des gemüthlichen Wien wieder herzustellen. (Beifall.) Herr I a k o b y betonte die' Nothwendigkeit für den Verein, aufklärend nach jeder Richtung hin und so friedliebend wie möglich zu wirken. Major v. G a t t i schlug vor, man solle nicht die verschiedenen Meinungen über den Antisemitismus laut werden lassen, sondern im Sinne der Ausführungen des Professors Nothnagel beschließen. Herr Emil Stoerk, Directionsbeamter der Donau- Dampfschifffahrts - Gesellschaft, schlägt als weitere Actionspflichten des Vereins vor, derselbe möge in Versammlungen so oft als möglich in eingehender Weise das Treiben der antisemitischen Klique beleuchten und sich weiters auch energischer Repressalien bedienen. Unter lebhafter Zustimmung sagt der Redner: „Jenen Leuten soll der Brotkorb höher gehängt werden, di^ jüdisches Brot essen und im Boudoir der gnädigen Frau die Hand küssen, um 6 Uhr Abends aber zur „Schönen Schäferin" laufen und dort auf die Juden schimpfen. (Rufe: „Nordbahn!") Solche Schufte sollen entlarvt werden. Wir können gleich jetzt mit derartigen Repressalien beginnen; in der gestrigen Nacht hat sich eine Gesellschaft von zweitausend Leuten gegen uns erklärt, eine Gesellschaft, der wir stets mit Mitleid entgegengekommen sind und der

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