Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 29 (24.7.1891)
- Date
- 1891-07-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 524 Hest-rreichrfch- W-chmfchrist Nr. 29 werden ihr die barbarischsten mittelalterlichen Ideen künstlich eingeimpft. Die von Awffejenko redigirte „Petersburgskija Wjedomosti", Eigenthum der Akademie der Wiffenschaften, ist das einzige Blatt Rußlands, das den Muth hat, in der Judenfrage anderer Ansicht als die Regierung und die gesammte Preffe zn sein und von Zeit zu Zeit eine warnende Stimme ertönen läßt, um darauf hinzuweisen, welch ein gefährliches Spiel man durch die Verstockung von Glaubenshaß und Racenvorurtheilen treibt. Diese warnende Stimme verhallt jedoch ungehört in dem Orkane wilder Leidenschaft und auffällig ist nur, daß eine Zeitung, die es wagt, die öffentliche Meinung Rußlands für „judentoll" zu erklären, noch nicht unterdrückt worden. Die Erklärung hiefür liegt vielleicht darin, daß der Chefredacteur hoch hinaufreichende Verbindungen hat und daß er als rechtgläubiger Vollblutruffe und als vollständig unabhängiger Mann nicht der Verdächttgung ausgesetzt ist, von den Juden erkauft zu sein. H faut voir pour croire, sagte ein französischer Aussteller, dem in Moskau die Gelegenheit geboten worden war, einer Judenrazzia beizuwohnen. Selbst diejenigen Franzosen, die mit den Juden nicht sonderlich sympatisiren oder sich in Bezug auf denselben mindestens indifferent verhalten, sind durch das, was sie in Rußland gesehen, empört, ganz abgesehen davon, daß sich die Franzosen, die nach Moskau gingen, verschiedenen Plackereien ausgesetzt sahen. Bevor sie das Recht erlangten, die Grenze Rußlands zu überschreiten und ihre Producttonen in der Kremlstadt auszustellen, mußten sie documentäre Beweffe darbringen, daß sie zu einer christlichen Kirche gehören, ja einer urchristlichen Familie entstammen. Wer diese Beweise nicht beibringen konnte, wurde als des Judenthums verdächtigt zurückgewiesen. Trotz allen diesen Präventtvmaßregeln drangen mehrere Juden nach Moskau durch, wo es jedoch den Argusaugen der Ortspolizei gelang, sie zu entdecken, und dieselben wurden, trotz Tauffchein und elegantem Französisch ausgewiesen. Das war auch der Grund, der Herrn v. Laboulaye, den französischen Botschafter am russischen Hofe bewog, seinen Abschied einzureichen. Da mehrere von dem Interdikt der moskowittschen Polizei bettoffenen französischen Juden beim Vertteter der Republik in Petersburg um Schutz baten, so hielt es Herr v. L ab o u l a y e für geboten, einzuschreiten und gegen die Ausnahmsmaßregeln, denen französische Bürger unterworfen worden, energisch zu protestiren. Herr v. Laboulaye hatte eine Unterredung mit dem Minister des Innern, Herrn D u r n o w o, und beklagte sich bei demselben über die Behandlung, die französischen Bürgern zu Theil geworden, bloß aus dem Grunde, weil sie mosaischer Confession seien. Die Republik kenne keine Religionsunterschiede; in ihr seien alle Bürger gleich und alle hätten gleichen Anspruch auf Schutz, sei es im Jnlande, sei es im Auslande, es müffe also der Minister ersuchen, die gegen französische Juden ergriffenen Ausnahmsmaßregeln zurückzunehmen. Herr Durnowo erwiderte kühl, daß er sehr bedauere, diesem Ansinnen nicht Nachkommen zu können, da das Gesetz in dieser Beziehung formell sei und keinen Unterschied in Bezug auf Juden irgend welcher nationalen Zugehörigkeü machen könne. Die russische Regierung könne, dürfe und werde keine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten dulden und übrigens (fügte der russische Minister ironisch hinzu) könne sich Frantteich revanchiren und in Bezug auf Juden dieselben Ausnahmsmaßregeln anwenden. Herr v. Laboulaye hielt es unter seiner Würde mit dem russischen Minister sich in irgend eine Polemik einzulaffeu, er ignorirte auch die Ironie des Ministers in Bezug auf die Revanche und sagte nur katt, daß er an seine Regierung berichten werde. Die beiden Staatsmänner schieden sehr kühl. Auch eine längere Unterhaltung mit Herrn v. G i e r s führte zu keinem befriedigenden Resultat. Der Minister des Auswärttgen erklärte sehr höflich, daß er in dieser Angelegenhett nichts machen könne, da die Gesetze zu formell seien. Da ein von Herrn v. Laboulaye in dieser Angelegenheit an die französische Regierung eingesandter Bericht aus leicht begreiflichem hochpolittschen Grunde ignorirt wurde, so hielt es der Botschafter mit seiner Würde unvereinbar, ferner auf einem Posten zu bleiben, wo ihm die Ausübung seiner Pflicht nicht nur erschwert, sondern oft auch ganz unmöglich wird. Er war jedoch der Ansicht, daß unter den gegebenen Berhältniffen die französische Regierung nicht anders habe handeln können; da sie wegen einiger ihrer jüdischen Bürger nicht die Sympathien des einzigen mächtigen Alliirten aufs Spiel setzen dürfe. Ludwig Chronegk. Am 7. Juli starb Ludwig Chronegk, Schauspieler und Leiter der Regie am Hoftheater zu Meiningen, einer der ersten Bühnenkünstler Deutschlands, der auch als Bürger und Mensch seinem Stande zur größten Ehre gereichte. Ludwig Chronegk wurde zu Brandenburg a. H. den 3. November 1817 geboren und ging nach absolvirten Gymnasialstudien in seinem 18. Jahre zur Bühne. Seit 1866 war er im Hoftheater zu Meiningen, an der Verwirklichung der künstlerischen Ideale, die dieses Theater sich zum Ziele setzte, neben dem kunstsinnigen Herzog selbst den thätigsten Antheil nehmend. Mit seinem Wirken wie mit seinem Tode hat Ludwig Chronegk die Position des Antisemitismus erschüttert. Ein Lieblingsgeschoß der Antisemiten ist der Anwurf, daß der Jude auch in der Kunst wie in der Literatur den deutschen Geist zersetze. Ludwig Chronegk war jedoch einer der würdigsten Vertreter deutscher Kunst. Vom Komiker hat er sich durch ernste Arbeit zu einem der ersten Charakterdarsteller emporgeschwungen, als welcher er anerkannt wurde, so weit die deutsche Schauspielkunst reicht und als welcher sein Name in den Annalen der deutschen dramatischen Kunst bewahrt und den kommenden deutschen Geschlechtern vererbt werden wird — trotz des Antisemitismus. Selbst die antisemitischen Organe konnten nicht umhin, öfters von den Leistungen Ludwig C h r o n e g k's lobenderweise zu sprechen, aber sie haben dabei immer die Taktik gebraucht, unerwähnt zu lassen, daß er Jude ist, wie sie es auch mit anderen Größen jüdischen Stammes thun, z. B. auch mit dem „Geigerkönig" Joachim, zu dessen 60. Geburtstag am 15. Juli auch die antisemitischen Blätter Festartikel brachten, wovon einer in einem antisemitischen Blatte strengster Observanz sich zu der Dithyrambe erhebt: „Joachim's Spiel ist die Offenbarung eines das Heiligste der Kunst behütenden Genius, eines Interpreten der tiefsinnigsten Ideen, die einem schöpferischen Geiste entspringen können." Wie verträgt sich solches Lob mit den antisemitischen Anschauungen über die Juden in der Kunst. Selbstverständlich daß dieses Blatt seine Leser gar nicht merken ließ, daß I o - ach im Jude ist. So machten sie es auch mit Ludwig Chronegk. Aber mit seinerft Tode hat Ludwig Chronegk die Antisemiten doch noch mehr geärgert. Wie kann ein Antisemit es nur überleben, daß einem Juden solche Ehren erwiesen wurden! Ludwig Chroneg k's Leichenbegängniß war auf Wunsch des Herzogs ein feierliches. Schon vorher hatte der Herzog sechs Plätze auf dem israelitischen Friedhofe in Meiningen angekauft, um für ein Denkmal für C h r o n e g k Raum zu haben. Die Beerdigung fand auf Kosten des Herzogs statt. Das Arrangement derselben hat der Oberhofmarschall übernommen. Vor dem Theater, der Stätte von Chronegk's Wirken, brannten die umflorten Lampen, unzählige Lorbeer- und Orchidenkränze schmückten den Sarg. Ein Schauspieler trug die zahlreichen Orden des Verblichenen voran, dann folgten die Leidtragenden, hierauf die Vertreter des Herzogs, die Minister, Regierungsräthe, Hofchargen, u. s. w. dann die Geistlichkeit und endlich eine große Schaar von Freunden und Verehrern des Dahingeschiedenen. Die Kapelle des Hostheaters spielte Trauerweisen, der