Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 28 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 516, Hesterreichtfche Wocheuschrist Nr. 28 schinnähen oder Handsticken sich fortbringen. Allein für das eigentliche Kunststicken qualificiren sich doch nur wenige, weil es noch miserabler als grobe Stickerei bezahlt wird. Elsa mußte also lange suchen, bis sie die für ihre Aufgabe Geeignete fand. Diese wohnte im dritten Stocke eines alten Hauses in einem Armenviertel der Weltstadt. An ihrer Thür war eine Bisitkarte mit Oblaten angeheftet: Rosa Walter, Kunststickerin. An einem Fenster des kleinen Zimmers, das dürftig möblirt war, saß ein Frauenzimmer über eine Handarbeit gebeugt und erhob sich beim Eintritte Elsa's. „Sie belieben?" „Ich bring: eine Arbeit." Nachdem Elsa auf einem Stuhl neben dem Arbeitstische Platz genommen hatte, breitete sie die Seiden- und Sammtstoffe, auf welche die Sttckereien gemacht werden sollten, und die Musterblätter aus. Es wurde noch der Preis und die Lieferzeit verabredet, und Elsa hätte eigentlich hier nichts mehr zu thun gehabt. Doch diese vorübergebeugte, so ernst dreinschauende Arbeiterin erweckte in ihr ein Gefühl des Interesses, das sie nicht zu unterdrücken vermochte, und sie sagte: „Wenn Sie erlauben, so will ich bei Ihnen ein wenig verweilen und Ihnen bei der Arbeit zusehen." Sie brachte diese Worte fast verschämt heraus, denn sie hatte ein Gefühl von Zudringlichkeit. „Mit Vergnügen, mein Fräulein, wenn Sie es wünschen," antwortete die Stickerin, und nahm wieder ihre Arbeit auf. Elsa betrachtete sie. Ihre lebhafte Phantasie hatte bereits herausgefunden, daß dieses arme Frauenzimmer schwere Leiden und bittere Kämpfe durchgemacht haben müsse. Davon erzählten die tiefen Falten um den Mund, das graugesprenkelte Haar und der müde Ausdruck des Gesichtes^ Die Augen waren dunkel, mild und schön. „Wohnen Sie hier ganz allein?" „Ganz allein!" sagte sie ttocken. Rach einer Pause begann Elsa wieder plötzlich: „Erzählen Sie mir doch etwas!" Die Arbeiterin blickte überrascht auf und sagte freundlich: „Ich habe nichts zu erzählen." „O doch! Möchten Sie mir nicht — nicht — etwas von ihm erzählen?" „Von ihm? Von welchem „ihm,,?" „Von ihm, den Sie liebten, als Sie jünger waren!" Die Arbeiterin erröthete und ihre Augen blickte» erschreckt. „Ich habe nie Jemanden geliebt." Elsa glaubte, sie zu verstehen. Er war es also, der unglücklich geliebt hatte. „Aber weshalb liebten Sie ihn denn nicht? War er Ihrer nicht werth?" Das Erstaunen der Arbeiterin schien zu wachsen. „Liebes Fräulein, um mich hat sich nie Jemand bekümmert." „Meinen Sie wirklich, daß es niemals Jemanden gegeben hat, der in Sie verliebt gewesen ist?" Sie nickte mit dem Kopfe: „Arm, wie ich bin, wie sollte sich wohl Jemand aus mir etwas gemacht haben! Ein armes jüdisches Mädchen ist nicht für's Heiraten bestimmt." „Wollen Sie mir nicht irgend etwas von Ihrem Leben erzählen?" bat Elsa, indem sie leise die knochige Hand des alternden Mädchens streichelte. „Von Ihren Geschwistern?" „Ich habe nie Geschwister gehabt." „Auch ich nicht! Aber von Ihrer Mutter?"' „Meine Mutter starb, als ich noch Kind war." „Von Ihrem Vater also — ich bin sicher, daß er viel, sehr viel von Ihnen hielt." „Allerdings hielt er viel von mir und er starb vor Kummer daß er mich nicht versorgen konnte." „Wie lange ist er schon todt?" „Fünfzehn Jahre!" „Wie vermochten Sie fünfzehn lange Jahre ohne Liebe zu leben!" rief das erst seit einem Jahre verwaiste Mädchen unwillkürlich aus. „Man gewöhnt sich an Alles," erwiderte sie ruhig, ohne den geringsten Anschein von Bitterkeit, als ob sie damit auch die junge Waise trösten wollte. „Und leben Sie schon lange hier?" „Seit zwanzig Jahren." „Seit — zwanzig Jahren? Zwanzig Jahre!" Dem jungen Mädchen kam dieser Zeitraum ganz unermeßlich vor. „Wir zogen hieher fünf Jahre, bevor mein Vater starb. Er war eigentlich ein Privatlehrer in jüdischen Gegenständen. Mit dem Entstehen der Neuschule verlor er seine Lectionen. Er verlegte sich nun auf kalligraphische Arbeiten. Auf dem Platze, wo ich jetzt sitze, saß er einige Jahre, bis er von seiner Arbeit erblindete. Da war es, daß ich zu verdienen anfangen mußte. Ich sitze seit fast siebzehn Jahren hier am Fenster, auf diesem Stuhl, mit derselben Abeit beschäftigt, und hier hoffe ich mit Gottes Hilfe noch so lange zu bleiben, bis man mich in's Grab legt." Sie sprach ruhig und eintönig. „Aber Etwas hat sich doch wohl während der fünfzehn Jahre seit dem Tode Ihres Vaters ereignet, das der Erinnerung für Sie werth ist," fragte Elsa fast bittend. „Nein, Gott sei Dank! Ich habe meine Gesundheit bewahrt! Eine Woche ist ganz gleich wie die andere verlaufen, und wenn es auch mitunter ein wenig knapp mit der Arbeit war, so habe ich doch bis jetzt noch nicht zu hungern nöthig gehabt; Gott sei Lob und Dank dafür!" „Sie müssen sehr, sehr unglücklich gewesen sein", murmelte Elsa. „O nein. Ich wäre undankbar gegen das Geschick," antwortete sie demüthig, „wenn ich dies behaupten wollte. Aber es gibt Augenblicke, wo ich mich frage, wozu ich denn eigentlich auf der Welt bin?" „Gibt Ihnen nicht das Erinnern an ihre Eltern Trost?" „An meine Mutter kann ich mich überhaupt nicht erinnern; an meinen Vater habe ich zwar noch Jahre nach seinem Tode gedacht, zündete das Jahreszeit-Licht an und ging zum Maskir in den Tempel; allein das ewige Arbeiten, um Brot zu haben, machte mich zur Materialistin und seitdem habe ich die Tobten todt sein lassen." Sie erhob sich, um beim Licht des Fensters besser sehen zu können. Elsa stiegen Thränen in die Augen. Siebzehn Jahre lang auf demselben Platz! Stzbzehn Jahre hindurch einsam zu leben, ohne Hoffnung auf die Zukunft! Es war ihr als ob ein eiskalter Schauer sie durchrieselte. Aber als sie sich entfernen wollte, ging ihr das Herz über. Sie schlang den Arm um den Hals der Arbeiterin und küßte sie warm und innig, dann lief sie hinaus, nicht im Stande, länger ihre Rührung zurückzuhalten.... Die Arbeit ging gut von statten. Elsa saß fast täglich stundenlang bei der Arbeiterin und sah ihr zu. Dabei hat sich ein inniges Freundschaftsverhältniß zwischen dem jungen und alten Mädchen herausgebildet. Am ersten Jahrzeittage ihres Vaters war die Widmung schon gemacht. Elsa besuchte den Tempel und die Arbeiterin, ihre neue Freundin, mußte mit ihr gehen. Beim Ausheben der Torah, die mit Elsa's Weihgeschenken geschmückt war, weinten Beide. Das erste.Mal seit langen, langen Jahren, daß das Auge des armen verlassenen Mädchens wieder eine Thräne hatte. Die Eiskruste ihres Herzens, war nun gebrochen. In Elsa's Freundschaft fand sie neuen Glauben und neue Hoffnung. _ Ein Wettstreit Mischen Meyerbeer und Rothschild. Zm Zahle 1861 stürzte in Paris ein deutscher Tenorist von dem Dache eines Omnibus auf das Straßenpflafter und trug nicht unbedeutende Verletzungen davon. Er gerieth durch seine Krankheit in Schulden und wandte sich, als er hergefteUt war, um Hilfe zu seinem berühmten Landsmann Meyerbeer. Der geniale Componist der „Hugenotten" war zu helfen sogleich bereit. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb an Rothschild folgenden Brief: '