Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 28 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 512 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 28 Füred weilenden Bischof Pap mit folgenden Zeilen beantworiet wurde. „Ew. Ehrwürden, Herr Rabbi! Sehr geehrter Herr! Von meinem Vater habe ich die Nächstenliebe geerbt, der in der Befolgung des großen Gesetzes der göttlichen und Nächstenliebe mir als Musterbild vornnleuchtete und der sein ganzes Leben hindurch in den ersten Reihen der Bekämpfer der religiösen Unduldsamkeit stand, der eben deshalb, weil er religiös war, auch die von der seinigen abweichende religiöse Ueberzeugung Anderer achtete und mich schon in meiner Kindheit lehrte, daß Derjenige nicht religiös sein könne, der die religiöse Ueberzeugung Anderer nicht achte und der aus welchem Grunde immer das große Gesetz der Nächstenliebe mit Füßen trete. Und diese maßgebende väterliche Lehre wurde auch durch unser heiliges Buch bekräftigt, denn es steht geschrieben: „Wenn da Jemand sagen wird: ich liebe Eott" und wenn er hiebei seinen Nächsten haßt, so ist er ein Lügner; denn wenn er seinen Nächsten nicht liebt, den er steht, wie sollte er Gott lieben, den er nie gesehen?" Mein Aufruf verdient keine Anerkennung; zur Veröffentlichung desselben war ich durch mein theiinehmendes, für meine Mitmenschen fühlendes Herz und durch meine das Elend der ungerecht Verfolgten betrauernde Seele moralisch verpflichtet. Es ist für edeldenkende, für die Freiheit glühende Menschen wahrhaftig betrübend, daß selbst in unserer Zeit die finsteren Gräuel des Mittelalters sich erneuern können und daß die Menschheit statt vorwärts zu schreiten, eine retograde Richtung befolgt, daß das heilige Banner der Freiheit in Folge der reaktionären Strömung in den Staub zu sinken droht. Ich werde jedoch durch diesen traurigen Anblick nicht niedergedrückt, denn mein Glaube an die schönere Zukunft der Menschheit, an den Triumph des freien Gedankens ist ein fester und der Gott der Gerechtigkeit kann es nicht gestatten, daß die dunklen Kämpfer der Reaktion die Menschheit an der Erreichung der großen Zwecke ihrer Bestimmung verhindern. — Balaton Füred, 3. Juli 1891. Mit ausgezeichneter Hochachtung rc. Gabriel Pap, transdanubischer ev. res. Bischof." Leipzig. Die Leipziger Antisemiten betragen sich derart, daß sogar die amtliche „Leipziger Zeitung" sich veranlaßt sieht, ihnen Vorhaltungen zu machen; sie schreibt über eine Versammlung jener Leute: „Zu unserem Bedauern sind wir genöthigt, noch Folgendes zu bemerken: Am Saaleingange wurde ein Eintrittsgeld erhoben, das auf den angehesteten Plakaten ausdrücklich als ein freiwilliges bezeichnet wurde. Gegen Diejenigen aber, die den Eintrittszoll nicht entrichteten, wurde ein Verfahren beobachtet, das nicht blos den e i n f a ch st e n Geboten des Anstandes widersprach, sondern roh genannt werden muß; sie wurden sofort von einer überlegenen Rotte gepackt und wieder hinausgeworfen. Die Führer der Antisemiten würden gut thun, wenn sie die von ihnen gedungenen Hausknechte bester beaufsichtigen." Die „Leipz. Ztg." hat doch noch eine zu gute Meinung von den Herren. Dieselben betreiben überall diese Hausknechtarbeit mit großer Vorliebe eigenhändig. Sollte das Blatt aber dies in den obigen Worten haben andeuten wollen, so hat es übersehen, daß diese Hausknechtsantisemiten so sein ironische Wendungen nicht verstehen. Aus Hberschkefierr, 6. Juli. Gestern fand in der Grenzstation Myslowitz eine telegraphisch einberufene Sitzung des „oberschlesischen Hilfs-Comitos" statt, über welche der „Jüd. Presse" in Berlin berichtet wird. Cs nahmen als stimmberechtigte Mitglieder an derselben theil die Herren': Amtsgerichtsrath L e w y, Dr. Kopfstein, Rechtsanwalt Kaiser (Beuthen), Dr. Cohn, Kaufmann N o t h m a n n, Kaufmann Wiener (Kattowitz). Dr. B l u m e n t h a l, Fabrikbesitzer S ch ü ck (Ratibor), Kaufmann Staub (Gleiwitz), Kaufmann Proskauer (Oppeln), Rechtsanwalt Berger (Königshütte), Kaufmann Nothma n n, Kaufmann Plonsker (Myslowitz); alsDelegirter des deutschen Centralcomites war Herr Sigismund Simmel aus Berlin erschienen. Nachdem der Vorsitzende die eingegangenen Schriftstücke verlesen, erstattete Herr Simmel Namens des Central- Comites einen längeren histonschen Bericht über die ganze Bewegung, über die Absichten und Ziele des Central- Comites, über das Project des Baron v. Hirsch und über seine eigene Thätigkeit. Der Raum und Gründe der Opportunität lassen es nicht rathsam erscheinen, ausführlich über die theilweise vertraulichen Miltheilungen zu berichten. Der Dclegirte beantwortete sodann eine Reihe von Fragen, die sich auf die Organisation des Hilfswerkes, auf die Sichtung der Auswanderer und aus die seitens des Ceutral-Comitäs zu leistende Hilfe bezogen. Gleichzeitig konnte auch von dem günstigen Resultate berichtet werden, den ein Beschluß der letzten Kattowitzer Delegirtenversammlung des „oberschlesischen Hilss-Comites" gefördert hatte. Dort berichtete der Vertreter von Oppeln, wie die schon einmal polizeilich untersuchten Auswanderer in Oppeln und an anderen Stationen nochmals strengstens untersucht und längere Zeit in polizeilichem Gewahrsam gehalten wurden; schwer empfunden wurde auch eine Verfügung des Oppelner Regierungspräsidenten, welche ungleich bedeutendere Baarsummen von den Auswanderern verlangte, als die durch Ostpreußen kommenden Flüchtinge außer der Schiffskarte zu besitzen brauchten. Rabbiner Dr. Blumenthal beantragte, die Aufhebung deiwiederholten Revisionen vom schlesischen Oberpräsidenten zu erbitten, Dr. Kopfstein erweiterte den Antrag dahin, daß man sich sogleich an den Minister wenden möge. Am nächsten Tage bereits hatte ein Vertreter des Central-Comit es eine Audienz beim. Herrn Minister des Innern v. Herrfurth, tags darauf empfahlen die Minister des Innern v. Herrfnrth und des Handels v. Berlepsch in einer Verfügung an den schlesischen Operpräsidenten die Wünsche des oberschlesischeu Hilfs-Comitos „zur thunlichsten Berücksichtigung", tags darauf erließ der Herr Oberpräsident für die Provinz Schlesien v. Seydewitz eine Verfügung an den Herrn Regierungspräsidenten v. Bitter in Oppeln, das „oberschlesische Hilfscomite" in seinen dem Minister vorgetragenen Wünschen zu unterstützen, und während der Versammlung in Myslowitz meldete ein Telegramm des Oppelner Localcomites, daß die Bahn Oppeln frei sei und die Negierung sofort an die Polizeiorgane der anderen Städte die nöthigen Anweisungen verfügen werde. Da die meisten Herren des „oberschlesischen Hilfs-Comites" in die Ferien gehen, wurden Vertreter ernannt; stellvertretender Vorsitzender während der Gerichtsferien ist Rechtsanwalt Berger. Ein Telegramm des Eentral-Comitss bat die Versammlung dringend um strengste Controle der Auswanderer, damit nicht Unbefugte unterstützt werden. Mit dem Dankesausdruck an Herrn Simmel schloß die Versammlung. Als die Herren zum Bahnhof gingen, kam gerade ein größerer Trupp von Flüchtlingen, die nicht genügende Mittel besaßen und acht Stunden lang im Myslowitzer Polizeigewahrsam, zwei! engen, dumpfen Kellerräumcn mit je einem kleinen Fenster j geschmachtet hatten, um an die Grenze zurücktransportirt zu i werden. Trinkwasser hatte man ihnen verweigert, wohl aber! hatte der Polizeikastellan Schneider unter rohen Schimpfj Worten und Drohungen von Thätlichkeiten von jedem 10 j Pfennig resp. 20 Kreuzer erpreßt. Der Berliner Delegirte! erstattete auf dem Bahnhof Myslowitz von diesen empörenden j Verhältnissen sofort telegraphische Mittheilung nach Berlin,! sowie daß die schlesischen Auswanderer größere Mittel be- T sitzen müssen, als sie in Eydtkuhnen gefordert würden'; in-! zwischen dürfte in Myslowitz wohl nach verschiedenen Rich- I tungen hin Wandel geschaffen sein. Herr Simmel fuhr nach j Krakau, während einige Delegirte sich nach Oswiecim, der! galizischen Grenzstation, begaben, wohin auch die Zurückgewiesenen transportirt worden waren. In Oswiecim herrscht trauriges Elend. Hunderte Auswanderer ohne genügende Mittel lagen in Pferdeställen auf nassem Stroh, kranke Frauen, Greise, Säuglinge, Erwachsene in wirrem Durcheinander. Die Gemeinde in Oswiecim ist groß, aber arm, und die Unglücklichen, die hier tagelang harrten, nährten sich von Thee und Brot. Die Delegirten verfügten sofort eine bessere Verpflegung; Tags darauf wurden hie wirklich Aus-