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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-17 · 28 (17.7.1891) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
28 (17.7.1891)
Date
1891-07-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 28 Seite 509 die durch die Brust unseres verewigten Chief Rabbi gezogen sind. Und Sie Alle können dies würdigen, wie ich hoffe, daß Sie Alle mit den Motiven und Ursachen übereinstimmen werden, welche diese Bangigkeit eingeben und diese Zweifel Hervorrufen. Wie sollte ich nicht angesichts der Verantwortlichkeit erbleichen, die mir zufällig, da ich die religiöse Führung der vielen englischen, über jeden Theil der Erde zerstreuten Gemeinden, die über das britische Reich und darüber sich ausdehnen, übernehmen soll? Wie mächtig hat die jüdische Bevölkerung des vereinigten Königsreichs innerhalb des letzten halben Jahrhunderts sich ausgebreitet! Sie hat sich verdreifacht. wenn nicht vervierfacht. Betrachten wir nur die Hauptstadt. Das ist keine Stadt mehr, sondern ein Land, mit ihren Synagogen von Hampstead im Norden bis Lewisham im Süden, von Hammersmith im Westen bis Stepney und bald wie ich hoffe, bis Poplar im Osten. Und welch eine mächtige Zunahme in der Zahl unserer erziehlichen und wohlthätigen Einrichtungen und Institutionen, deren jede der Aufsicht bedarf, einen rechtmäßigen Anspruch erhebt auf des Chief Rabbi Zeit und Sorgfalt! Und wie verschiedenartig sind die Elemente dieser Bevölkerung, weit in der Bildung auseinandergehend, zwischen den beiden Endpuncten des religiösen Wärmemessers sich bewegend, zwischen seinem Siede- und Gefrierpunct, in den verschiedenen Theilen einer verschiedenen Behandlung bedürftig! Wahrlich, wenn ich an die vielen Pflichten und Verantwortlichkeiten denke, die meiner warten, wenn ich die schweren Aufgaben betrachte, denen ich gegenüber gestellt werde, wenn ich von all dem höre, was ich, wie man erwartet, vollführcn soll, dann frage ich mit Hiob: „Ist denn meine Kraft der Steine Kraft und ist mein Fleisch aus Erz? Theuere Gemeindemitglieder! Wenn ich ohne Unterstützung von meiner eigenen Kraft abhängen sollte, ich müßte in der Thal zur Verzweiflung mich versucht fühlen. Aber mit starkem Vertrauen stütze ich mich auf die Hilfe meines Gottes und des Gottes meines Vaters, Gottes, meiner höchsten Lust, der mich so weit gebracht und dessen Segen Ihr heute auf mich herabgefleht habet, und meine Seele ist nicht länger in mir niedergeschlagen, noch beunruhigt. Und ich rufe die liebevolle Vergebung der Mitglieder meiner Heerde an, daß sie nicht mehr von mir erwarten mögen als von einem armen menschlichen Gehirn ausgesonnen werden kann, nicht mehr von mir verlangen mögen, als von zwei schwachen menschlichen Händen geleistet werden mag. Aber ich fühle mich auch aufrecht erhalten, ich sage es mit tiefer Demuth, durch das mich ganz erfüllende Verlangen, welches Gott seit meinen frühesten Jahren-in mich gepflanzt hat und das von meinen Eltern in mir großgezogen wurde, seit ich mit Bewußtsein athmen konnte, das Bestreben ein würdiger Lehrer in Israel zu werden, die Sehnsucht selber für den Ruhm des Judenthums, für die Wohlfahrt seiner Bekenner und das Glück meiner Mitmenschen zu opfern. Man hat mit Recht gesagt, daß der Werth eines Mannes im Verhältniß zu seinen Nebenmenschen von den Idealen abhängt, die ihm theuer sind. So lassen Sie mich denn darauf Hinweisen, wie ich das Ideal eines jüdischen Seelenhirten auffasse, welchem ich zu folgen mich bestreben werde, wiewohl ich nimmer es zu erreichen hoffen darf. Dieses Ideal, so scheint es mir, ist in wenigen Worten niedergelegt, im zweiten Buche Moses, im 28. Capitel, im 30. Verse: „Und Aaron soll die Sache der Kinder Israels in seinem Herzen tragen vor dem Ewigen beständig" (Ex. 20, 30). Ihrem buchstäblichen Sinne nach beziehen sich diese Worte auf die Urim und Thummim, welche der Hohepriester auf seiner Brust tragen sollte und welche nach der Auslegung unserer Ueberlieferung nichts Anderes als die kostbaren Edelsteine waren, auf die die Namen der zwölf Stämme Israels eingegraben gewesen. Diese sollte er auf seinem Herzen tragen, das in der Sprache der heiligen Schrift den Mittelpunkt und die Quelle alles Geistes- und Empfindungslebens bezeichnet. „Er soll die Namen der Kinder Israels auf seinem Herzen tragen als Andenken vor Gott beständig," ewig eingedenk, daß nicht die Interessen eines machtvollen und einflußreichen Theils, sondern des ganzen Hauses Israels seiner Führung anvertraut wurden. Und wenn so Hirn und Herz ganz ihm geschwellt von Sorge für die Wohlfahrt seines Volkes, wenn alle störende Elemente, wenn Selbstsucht, Vorurtheil und die Furcht vor Menschen aus seiner Seele gebannt sein würden, dann werde Gott ihm die klare und vollkommene Leitung gewähren, dann werde er werth sein, Israel in jeder Zeit der Schwierigkeit und Wirrnisse zu führen und zu berathen. Theuere Mitbrüder! Es gibt gar viele wesentliche Unterschiede zwischen den Obliegenheiten des Hohepriesters von ehemals und den Pflichten des jüdischen Seelenhirten in unserer Zeit. Doch scheint es mir, daß die Verpflichtung des religiösen Leiters von heute so gebieterisch ist, als jemals die des Hohepriesters gewesen: „Er soll die Sache der Kinder Israels "auf seinem Herzen tragen vor Gott beständig." Er muß immer über die Bedürfnisse seiner Gemeinde Nachdenken, für Alles eine Empfindung haben, was zu Israels Beschämung oder Israels Ruhm beiträgt; aber er darf die Ereignisse nicht beurtheilen, seine Handlungsweise nicht entscheiden mit dem Ansprüche priesterlicher Unfehlbarkeit, er muß die Sache in Demuth vor Gott bringen, vor denjenigen, der die Quelle der Weisheit ist, so daß er in dem Bestreben nach dem göttlichen Lichte nicht weise in seinen Augen sein werde; vor den, der die Sonne der Gerechtigkeit, so daß er voll Verachtung für die süßen Schmeicheleien einer leicht zu erhaschenden Volksthümlichkeit nicht Dasjenige in's Auge fassen werde, was die leichteste und bequemste Klugheit bedeutet, sondern welche Handlungsweise die Prüfung des Himmels bestehen wird; vor den, der der Gott der Gnade und der Liebe ist, so daß der Arme und der Bedrückte voll Vertrauen ans Hilfe und Schutz zu ihm emporblicken werde; vor den, der große Dinge wirkt, so daß er nicht seine Hände in Trägheit zusammenlegt, sondern immer streben und sich bemühen wird, keinen Herrn über sich anerkennend, den Herrn, seinen Gott ausgenommen — „vor Ihm beständig bereit", seine Bequemlichkeit ohne Murren zu opfern und seine Muße ohne Zögern, ganz unter dem Eindrücke der Kraft jener Worte unserer alten Weisen: „Wenn ein Mann an die Spitze eines Amtes gestellt und mit dem Amtsgewande bekleidet wird, dann darf er nicht sagen, jetzt will ich für meine eigene Wohlfahrt sorgen, was geht mich die Sache der Anderen an, vielmehr ruhen jetzt alle Bedürfnisse der Gemeinde auf ihm". _ (Schluß folgt.) Stampigliu«. Der Herr Abgeordnete Stampiglius hat noch vor Schluß des Abgeordnetenhauses einen Exceß gegen jüdische Richter verübt und wurde ihm die gebührende Antwort durch die Abgeordneten Dr. Emil Byk und Dr. Jacques im ausgiebigen Maße zutheil. Seine eigenen Angelegenheiten aber zu ordnen macht dieser Biedermann noch immer keinen Versuch, wiewohl ihm dazu eine Mahnung von einem seiner eigenen Parteigenoffen in unzweideutiger Form neuerlich zugekommen ist. In dem Abgeordnetenhaus erzählte bekanntlich dieser Biedermann, daß nicht er es war, welcher in der antisemitischen Ausschußsitzung die Anfertigung einer fremden Stampiglie in Antrag gestellt. Dieser Antrag kam vom Herrn L. Hollomay und er habe dem opponirt, weil er mit solch verwerflichen Mitteln zu agitiren verabscheue. Später habe aber gerade Herr Hollomay gegen ihn eine Brochüre publicirt und ihn der versuchten Stampiglienfälschung angeklagt. Herr Schneider fügte hinzu, daß L. Hollomay diese Publi-

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