Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 28 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 508 Heßerreichische Wochmfchrift Nr. 28 Colonienbildung in Kleinasien einzugehen, da solche praktikabler und leichter durchführbar erscheint, als die Verpflanzung der russischen Juden nach dem amerikanischen Conlinent, wo sich dieselben viel schwerer acclimatisiren und in die VerhLlrnisie hineinfinden, als in dem ihnen sympathischen Orient, wo dieselben viel freudiger das größere Ungemach, als in Amerika das kleinere ertragen werden. Allerdings müßte vorerst ein Versuch in Kleinasien gemacht und erst nach Maßgabe eines befriedigenden Erfolges die weitere Colonienbildung fortgesetzt werden. Da es aber gilt, schon jetzt Tausenden von Vertriebenen eine Zuflucht zu schaffen, kann vorderhand von der Verschickung nach Amerika, das noch aufnahmsfähig ist, nicht abgesehen werden; nur sollte der kleinere Theil, der sich nach Palästina wendet, primo loco von den europäischen Brüdern gefördert werden, da dieser sich ungleich größeren Beschwerden aussetzt, als der nach Amerika geleitete Theil, und von welchen anzunehmen ist, daß derselbe nach einmal erfolgter Seßha'tmachung, die auswärtige Hilfe damit vergelten wird, daß weitere Nachzüge im heiligen Lande selbst, die größtmöglichste Unterstützung finden möchten. Die jüdische Emigration aus Rußland sei momentan zum größeren Theile nach Amerika, zum kleineren Theile nach Palästina zu leiten und gleichzeitig seien auch Versuche hinsichtlich der Etablirung von Colonien in Kleinasien zu machen, um, wenn sich letztere erfolgreich erweisen, die jüdische Auswanderung in der Zukunft nach dort zu leiten. 8. W. * * * Wir erhalten in der gleichen Angelegenheit nachstehende Zuschrift: Geehrter Herr Redakteur! In der Nummer 26 findet fich ein Angriff auf die Colonisation Palästina's durch Juden, die von großer Unkenntniß zeugt und den ich deshalb Schritt für Schritt widerlegen will, damit er nicht Unheil bei denen anrichte, denen Palästina's Verhältniffe unbekannt find. Die Colonisation Palästina's wird nicht blos von „orthodoxen Rabbinern", wie der Angreifer bemerkt, gefördert, sondern in den Vorständen der für diesen Zweck gegründeten Vereine sitzen freundschaftlich liberale und orthodoxe Männer zusammen, so in Rußland Dr. Pinsker, der liberale Arzt und Rabbiner Mo hi lew er, so im „Esra" in Berlin, so in London bei der „Chewawe Zion" und überall. Palästina ist zwar allen Nationen das heilige Land, allein in der heutigen Politik werden keine Kreuzzüge gemacht, in heutiger Zeit entscheiden reale Fragen, und wer wird da glauben, daß Rußland, wie der Anonymus behauptet, sich Palästinas bemächtigen könnte ohne einen Weltkrieg, ohne völlige Niederwerfung Englands. Aegypten und der Suezkanal sind in der Luftlinie nur 20 Meilen von Jerusalem entfernt; eine feindliche Macht in Jerusalem würde jederzeit den Suezkanal und damit den Weg nach Indien abschneiden können. Gewiß würde England und ebenso Italien dies nicht zulassen ohne einen Weltkrieg, aber auch die anderen europäischen Mächte nicht, denn der Besitz der Türkei würde Rußland weltbeherrschend machen. Sollte aber Palästina aus der türkischen Herrschaft jemals in die einer europäischen Macht kommen, so hätten die Juden, wenn es nicht Rußland wäre, auch nichts zu befürchten, ja selbst von Rußland dürfen wir hoffen, daß es nicht ewig so unaufgeklärt bleiben wird. Der Anonymus behauptet Olti und Kars, die äußersten Militärposten seien nicht weiter von Jerusalem in der Luftlinie als Berlin von Riga, aber seine geographischen Kenntniffe sind schwach, Jerusalem ist von Olti und Kars 1260 Kilometer, Berlin von Riga nur 750 Kilometer, das heißt, Jerusalem ist von den Militärposten so entfernt, wie Petersburg von Wien, vom Suezkanal dagegen ist Jerusalem nur 150 Kilometer entfernt. Palästina soll für den Ackerbau nicht günstig sein, sonst hätten die hunderttausende Kreuzfahrer deutlichere Spuren hinterlaffen. Wieder falsch, denn die Hunderttausende kamen auf dem Wege um, und nach Jerusalem kamen immer nur Tausende. Von 500.000 Kreuzfahrern, die mit Gottfried von Boullion auszogen, erreichten nur 200.000 nach Michaud Jerusalem hohe Herren, dir von den Waffen lebten und den Ackerbau von ihren ^Sklaven betreiben ließen. Da ist es begreiflich, daß sie nur verhältnißmäßig geringe Erfolge^hatten. Auch dauerte ihre Herrschaft nur knapp 100 Jahre. Palästina ist heute noch so fruchtbar, wie einst, geeignet Millionen durch Ackerbau zu ernähren, das beweisen die Zeugniffe aller Reisenden, die das Land besuchten, ich verweise auf Robinson, Lycch Ritter, Raumer, Rosegger, Schubert, Frankl und könnte noch eine stattliche Reihe Autoritäten nennen. Schließlich erklärt Anonymus, eine Recolonisation Palästinas würde von noch geringerer Dauer sein, als die Esras und Nehemias. Diese haben aber gar keine Recolonisation in's Werk gesetzt, sondern Serubabel und Josua waren die Führer der aus dem babylonischen Exil zurückkehrenden Juden, welche nach dieser zweiten Besiedelung von 537 v. Chr. bis 70 n. Chr. also ca. 600 Jahre ansässig waren, und jeder vernünftige Leser wird mir Recht geben, daß diese Zeit lang genug ist um zu sagen, daß die Recolonisation Palästinas durch Serubabel und Josua glänzenden Erfolg hatte, wie wir ihn einer heutigen Colonisation nur wünschen können. W. Bambus. Installationsrebe Dr. Hermann Ädlers bei seiner Amtseinführung als Chief Rabbi der vereinigten jüdischen Gemeinden des britischen Reiches gehalten in der großen Synagoge am 23. Juni 5651 (1891) nach dem Jewifh Chronicle vom 26. Juni 1891 - übersetzt von Ignatz Kaufmann (Kojetein). Meine theueren Brüder! Genau sechs und vierzig Jahre sind es, seit ich in jener Gallerie gesessen, eng an meine theuere Mutter geschmiegt mit kindlicher Verwunderung den auffälligen Vorgang anstarrend, der eben dort unten sich vollzog, die Amtseinführung eines neuen Chief Rabbi. Ich verstand damals nur wenig von der Rede, die bei jener Gelegenheit gehalten wurde, aber seit jener Zeit habe ich oft die Worte. gelesen und überlesen, die von meinem geliebten Vater und verehrten Vorgänger gesprochen wurden. Er verweilte bei den Gefühlen der Mutlosigkeit und Augst, mit der er sein neues Amt betrat, ein Fremder in fremdem Lande, dessen Sprache er damals noch unvollkommen verstand, hineingestellt in eine Umgebung, die allzumal ihm neu war. Noch sind, so glaube ich, heute Mehrere hier, welche der Glut sich erinnern, mit der er Gottes Hilfe und Segen anrief, eine Hilfe und ein Segen, welche in der That so sichtbarlich von dem Augenblicke an sich an ihm äußerten, da er den Fuß auf diese Küste setzte bis zu der Zeit, da seine Seele in ihre himmlische Heimat in Heiligkeit und Reinheit wiederkehrte. Meine Stellung ist von wesentlich verschiedenem Character. Ich bin in Ihrer Mitte ausgewachsen. Ich habe es versucht meine geistige Nahrung aus den reichen Vorrathshäusern des Denkens und der Gelehrsamkeit unseres theueren England zu schöpfen. In meinem Vaterhaufe ist mir als Schüler und Student und nachher durch ein Jahrzehnt stufen - mäßig zunehmender Verantwortlichkeit jede Einzelheit des erhabenen Amtes, zu dem durch die Vorsehung Gottes und die Stimme der Gemeinde ich berufen wurde, mir vertraut geworden. Ich stehe hier vor Freunden. Viele von Ihnen sind meiner Seele verknüpft. Wir haben süßen Rath mit einander gepflogen, Ihre treue Freundschaft hat sich mir als Halt, als Trost, als Entzücken erwiesen. Und doch muß ich bekennen, daß mich Gefühle von Bangen und Besorgnissen beschleichen, nicht minder scharf und stechend als jene waren