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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-17 · 28 (17.7.1891) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
28 (17.7.1891)
Date
1891-07-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28 Hesterreichifche Wochenschrift Seite 507 Zur Colonisationsfrage. ^uäialur st tsrtia xar8. Die aus allen Theilen Rußlands und aus Korfu (das sich in Bezug der Juden als Satrapie erwiesen) fliehenden Juden bilden das Spiegelbild der europäischen Civilisation am Ausgange des 19. Jahrhundertes, und wie sehr die geläufige antisemitische Anschuldigung von der Exploitirung des Volkes durch die Juden auf Wahrheit beruht, lehrt der bloße Anblick der Vertriebenen, die in der Mehrzahl verhungert, bettelarm und selbst von den nothwendigsten Kleidungsstücken entblößt, auf der Bildfläche erscheinen. Noch betrübender ist die Wahrnehmung, daß diese Aermsten der Armen, denen man sogar das Vaterland raubte, nirgends ein Asyl finden, das ihnen sicheren Unterhalt und Ruhe darbieten und am betrübendsten, daß die Angelegenheit hinsichtlich einer Zufluchtsstätte, trotz der überaus humanen Anstrengungen des großen Philantropen Baron Hirsch und trotz Aufbietung seiner grandiosen Mittel, doch noch nicht gelöst und noch immer Gegenstand der Berathung ist. Hinsichtlich der Colonisationsfrage haben sich in der vorletzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" sowohl eine Stimme pro Palästina, als eine solche contra Palästina ausgesprochen. Mit der einfachen Negirnng, ohne einen Ausweg aus dem Dilemma angegeben zu haben, ist in der Sache sehr wenig gedient, daher diese Angelegenheit nach dem Grundsätze : „Besser ein zweifelhaftes Mittel als gar keines" einer nochmaligen Würdigung unterzogen werden soll. Die Einwände, die der Autor des Contrastandpunktes ins Treffen führt, erscheinen bei eingehender Untersuchung denn doch nicht so zweifellos richtig, als daß man berechtigt wäre, hieraus die projectirte Colonisirung nach Palästina als ganz unausführbar und als ganz aussichtslos zu bezeichnen. So erscheint z. B. der Einwand, dass Palästina der Zankapfel unter den christlichen Nationen war und noch ist, eher günstig als ungünstig für die bevorstehende jüdische Colonisation desselben; denn wird in Betracht gezogen, daß die Rivalität unter den europäischen Staaten es nicht zulassen dürfte, daß Palästina in den Alleinbesitz einer einzelnen Macht falle, so resultirt daraus für die neutralen, keiner Schutzmacht angehörenden Juden ein gewisser Schutz. Hiezu kommt noch, daß vielleicht bei den christlichen Nationen die Ueberzeugung zum Durchbruche gelangen wird, daß den Juden, als einer apostolischen Nation, die der Welt die Gottesbekenntniß vermittelt, der Besitz Palästinas in erster Linie gebührt, und daß gerade dieselben das größte Anrecht auf das Land ihrer Väter besitzen, das man ihnen nicht gut vorenthalten kann. Von Seite des türkischen Staates ist vorauszusetzen, daß derselbe der Colonisirung Palästinas keine Schwierigkeiten bereiten und sich durch russische Einflüsse nicht bestimmen lassen wird, ernstlich die Colonisirung zu hindern. Es dürfte der türkischen Regierung bekannt sein, daß es den Juden nur um einen Zufluchtsort für die unschuldig Vertriebenen und nicht um die Errichtung eines jüdischen Staates, der aus Schwäche unhaltbar wäre, zu thun ist und nach der Sachlage würden die einwandernden Juden gewiß treue Anhänger des ottomanischen Staates sein. Durch die stärkere Besiedlung des Landes wird eine erhöhte Production und eine lebhaftere Handelsbewegung eintreten, was wieder eine Zunahme an Steuern und Zöllen zur Folge haben würde, was für die capitalsarme Türkei gewiß nicht zu unterschätzen wäre. Was den weiteren Einwand von der Unsicherheit der politischen Situation in Bezug auf den heutigen Besitzstand der Türkei, anbelangt, geht schon theilweise aus dem Dorgesagten hervor, daß die Rivalität unter den Mächten es nicht leicht zulassen wird, daß Palästina in den russischen Rachen falle, und zweifellos werden die Mächte aus Sorge um die eigene Sicherheit den russischen Expansionsgelüsten ein kategorisches„Halt" zurusen. Dagegen muß zugestanden werden, daß Palästina für eine stärkere Jmigration nicht genug Raum bietet, und daß sich, wie Professor Sepp in München, welcher Palästina wiederholt bereiste, berichtet, viele Mißstände daselbst vorfinden, die zur Colonisirung gerade nicht aufmuntern.*) Nach diesem Gewährsmanne sind es vornehmlich: die Wasserarmut des Landes, häufiges Erdbeben, Fieberklima iu den Niederungen, das Vorkommen zahlreicher Schlangen, sowie die Nachbarschaft der Beduinen und die herschende Rechtsunsicherheit, die sich dem Ankömmlinge feindlich und der beabsichtigten Cultivirung abträglich erweisen, so daß der Obgenannte seinen Bericht mit dem bemerkenswerthen Satze schließt: „Daß Palästina niemals ein Land war, wo Milch und Honig fließt, und daß es als ein solches nur einem hungernden Wüstenbewohner mit knurrendem Magen erscheinen kann." Diese Mißstände, die nicht geleugnet werden können, sind wohl nicht darnach, um den Eifer für die Colonisation zu fördern, aber man darf sich durch dieselben wenigstens von einer beschränkten Colonisirung, nicht abhalten laffen, denn das hieße das Kind mit dem Bade ausschütten und muß dem entgegen gehalten werden, daß es in Palästina, vornehmlich in Galiläa und jenseits des Jordans, noch ansehnliche Landstriche mit productivem Boden gibt, die unbeschadet der Rechte der seßhaften Bevölkerung in Cultur genommen und mit einer stattlichen Anzahl Colonisten besiedelt werden könnten. Und da die Ankömmlinge mit Enthusiasmus ans Werk gehen und sich auch europäische Werkzeuge und Verfahrungsweisen zu Nutze machen möchten, so ist anzunehmen, daß dieselbe mit einiger Nachhilfe für den Anfang, sich gleich den schon bestehenden Colonien als Ackerbauer dort behaupten möchten, womit, wenn nicht Allen, so doch einem Theile der zur Austreibung gebrachten Juden geholfen wäre. Den vorhandenen Mißständen würden dieselben gleich den übrigen Landesbewohnern zu begegnen lernen, so würden sie namentlich gegen die Beduinen sich zu wehren suchen, den Schlangen aus dem Wege gehen und durch geeignete Beschuhung vor denselben sich schützen. Was schließlich die Rechtsunsicherheit betrifft, so sind die russischen Juden in diesem Punkte nicht zu sehr verwöhnt; es müßte nur an Stelle des „Rubel" das „Bakschisch" treten; sonst wäre hierin wohl kein wesentlicher Unterschied. Für die Uebrigen, die in Palästina nicht Platz fänden, wäre anzurathen, auf die in der vorletzten Nummer dieser Wochenschrift von einem Kenner des Orients proponirte *) Professor Sepp ist ein wenig elastischer Gewährsmann;: derselbe hat sich auch anderweitig als ungründlich und oberflächlich erwiesen. D. Red.

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