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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-17 · 28 (17.7.1891) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
28 (17.7.1891)
Date
1891-07-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 506 Heslerretchrfche Wochmfchrist Nr. 28 die Sterblichkeit unter den Juden, früher viel geringer als das Todesverhältniß der Nichtjuden, ist jetzt eine enorm hohe. Junge Männer, welche in ansehnlich größerem Verhältnisse als ihre christlichen Mitbürger zum Militärdienste gezwungen werden, sind jedoch zu oft durch Mangel an Kraft ungeeignet, ihre militärischen Pflichten zu erfüllen, und werden, von ihren Vorgesetzten des Ungehorsams und der Verstellung angeklagt, den strengsten Strafen unterworfen. Ein christlicher Schriftsteller*), der eine Zeit lang in Rußland lebte, sagt: „Unter all den Völkern des weiten Rußland war ich nie mit Personen in Verbindung, die unglücklicher waren, als die abgemagerten Juden. Sie schleichen nur noch dahin, um einen kleineil Erwerb zu suchen. Und nachdem in unseren Tagen so viel von dem Erheben der Armen und von der Erzielung einer socialen Erlösung gesprochen wird, kann ich versichern, daß in ganz Europa keine Claffe so bedrückt ist, und daß es keine Menschenclasse härter findet, eine Brodrinde zu erwerben, als dies bei nenn Zehnteln der russischen Juden der Fall ist." Dieser kurze Abriß offenbart eine Geschichte des Elends vollständiger als dies in einer Anzahl sensationeller Bände erzählt werden kann. Wenn sich einmal Nahrungssorgen einftellen, dann weichen alle anderen Sorgen des Lebens mit überwältigender Macht zurück und treiben das sorgenbeladene Geschöpf in den Abgrund der Verzweistung. O meine Brüder! Im Namen alles dessen, was Euch heilig ist, beschwöre ich Euch, lasset dies Bild der Verfolgung nicht unbeachtet an Euch vorübergehen; die russischen Juden sind nahe daran Hungers zu sterben! Durch verstärktes tägliches Fasten sind Eltern und Kinder frühzeitig mit der Hilflosigkeit und dem Verfalle des hohen Altes behaftet. Die Generation, welche jetzt an unserem Auge vorübergeht, ist verdammt mit allen Krankheiten einer verletzten Körperbeschaffenheit zu kämpfen. Was wird das Los der künftigen Generation sein? Die Miffethaten barbarischer Antisemiten fallen mit erdrückender Wucht auf Millionen von unbedauerten, hilfflosen, verlassenen Kindern unserer Rasse, deren Jammer zum Himmel schreit. Bald kann dieser Jammer nur noch von ihren Grabhügeln aufschreien! Lasset uns nicht die Thatsache aus dem Gesichte verlieren, daß die fortgesetzten Verfolgungen mit all den Leiden und Versuchungen gekennzeichnet durch Entbehrungen aus den moralischen Character der Opfer unglücklich einwirken müssen. Jüdische Eltern bedenket dies! Denket an das unsägliche Unrecht, welchem unter solchen Bedrückungen die Jungen und Alten unter solchen hoffnungslosen Umständen ausgesetzt sind. Suchet Euch die Angst der vorübeziehenden Stunde zu vergegenwärtigen und die schreckliche Seuche der Jmmoralität welche zu folgen droht. O Freunde der Humanität, kommet bereitwillig und ermahnet die Verfolger, daß sie sich im offenen Aufruhr gegen die einfachsten Principien der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zeigen, während jeder Leidenede brütend über dem Gram, der seine Gemeinschaft betroffen hak, in seinem Herzen dem Psalmisten gleich beten muß: „O Herr, wie sind angewachsen meine Feinde! Viele sind ihrer, die aufftehen gegen mich, Viele, die zu meiner Seele sagen, es gibt keine Hilfe für ihn in Gott." Unter den russischen Machthabern sind viele, die Grausamkeiten verüben, welche sie kaltblütigen Mördern gleichftellen. Können wir, die wir Nachrichten auf Nachrichten von erneuten Grausamkeiten erhalten, unempfindlich bleiben? Sind wir nicht inmitten der Segnungen der Freiheit berufen, unsere ernsteste Aufmerksamkeit der Frage zu widmen, daß solche Maßregeln ersonnen werden, um die Katastrophe bevorstehender Schrecknisse abzuwenden? *) Siehe den Artikel: „Les Nouvelles lois contre les Juifs“ von M. A. Leroy-'Beaulieu in M. Isidore Loeb's „Les Juifs de Eussie, leur Situation legale, sociale ct economique“ p. 126. Paris 1891. Es obliegt uns als erste Pflicht, eine genaue Kenntniß der Lage zu gewinnen nnd zu verbreiten, in welcher sich unsere unglücklichen Glaubensgenossen befinden. Eine solche Kenntniß können wir aus den Veröffentlichungen des russischjüdischen Comitos in London und aus ähnlichen vertrauenswürdigen Mittheilungen sammeln, welche von Zeit zu Zeit erscheinen und welche beide hier und im Auslande eine Grundlage für die verschiedenen Vorschläge bilden sollen. Obgleich es noch verfrüht sein dürfte, Vorschläge zu machen, und ungenügend erprobte Hilfsmittel in Uebereinstimmung zu bringen, um das Unglück unserer bedrückten Glaubensbrüder zu lindern, müssen wir doch immer die verlorenen Lebensbedingungen, dieser Kinder des Elends im Auge behalten. Treu und theilnahmsvoll müssen wir auf jede Phase ihres widrigen Geschickes achten, so daß wir zur rechten Zeit, auf jeden vernünftigen Plan unser Augenmerk richten, um die drückenden Lasten zu erleichtern. Die beste Gelegenheit, um die Leiden unserer Brüder zu betrachten, haben wir in den Gotteshäusern. Hier mischen sich die schmerzlichen Gedanken an die Beschränkungen, welche das Leben von Millionen Juden untergraben, mit dem nie zu stillenden und nie zu erstickenden Appelle an unsere heilige Religion. In den Tagen der Verfolgungen rufen diese feierlichen Gedanken mit göttlicher Macht das Andenken der Märtyrer der Religion in Erinnerung, welchen der Glaube und die höheren Hoffnungen mit dem Untergänge ihrer weltlichen Existenz nicht zerstört wurden. Nicht hier in der Synagoge ist der Platz, wo wir Vorschläge für vereintes Vorgehen formuliren können. Dies kann vielmehr nur das Resultat wohlerwogener Meinungen und ruhiger Bestrebungen sein. Hier streben wie nur darnach, diese frommen Gefühle und standhaften Vorsätze, welche uns inmitten eines geschäftigen und thätigen Lebens zu guten und gerechten Handlungen anleiten sollen, zu pflegen und zu heiligen. Unsere Liebe zur Wahrheit und Gleichheit, vereint mit der Liebe zu dem menschlichen Bruder, wird uns daran erinnern, die Hilfe der öffentlichen Meinung anzurufen und zu pflegen; welche als ein Gebot der Gerechtigkeit zur geeigneten Zeit die Herzen der civilisirten Nationen rühren und bewegen soll. Die Presse mit ihren beschwingten Worten wird ihre Macht leihen zur Vertheidigung dieser armen Juden, welche von Ort zu Ort gehetzt werden, so daß sie wieder in ruhigen und friedlichen Heimstätten wohnen werden. Schon hören wir, daß Ansuchen aus entlegenen Gegenden im Umlaufe sind, um die bedrückten Vertriebenen zu befreien. Solche Schritte dienen als Beweis dafür, daß der Geist der brüderlichen Liebe von der Sphäre unserer Gemeinschaft nicht geflohen ist. Männer, erfüllt von Mitleid, und von mächtigem Einflüsse, wenn sie miteinander Hand in Hand gehen, werden nicht unschlüssig sein, ihre guten Absichten zu verwirklichen; und auf ihren Schritten lächelt der Segen einer helleren Zukunft. Der Ruf zur Mitarbeit an dem Ausrichten der gefallenen und niedergetretenen Dulder wird sich von Gemeinde zu Gemeinde ausbreiten, und wird alle gutherzigen und gutgesinnten Personen zu einem Bunde barmherziger Brüderlichkeit einigen, um das bittere Leben so Vieler zu versüßen, welche es nicht gewagt haben, gegen die vielen verschworenen Unterdrücker Klage zu erheben. Aber inmitten der vermehrten Stille wird der Feind sein eigener Ankläger. Der Feind, der großsprecherisch ausruft: „Ich will verfolgen .... meine Hand soll sie vernichten", wird niedergedrückt werden durch den Hauch Gottes; unser Gott wird jene nicht preisgeben, welche mit Kummer geschlagen. „Jene, die in der Wildniß wandeln auf verlassenen Wegen, jene, die keine Stadt mit Bewohnern bilden, Jene deren Seelen ermatten; Jene, die in Finsterniß wandeln und in den Schatten des Todes, werden errettet werden aus ihren Nöthen und Kümmernissen. Die eisernen Bande werden zerbrochen werden."

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