Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 28 (17.7.1891)
- Date
- 1891-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 28 Hesterreichische Wochenschrift Seite 505 Die Iudrnsrage in den deutschen Turnvereinen. Ein Antrag auf Ausschluß der Juden aus der Berliner Turnerschaft kam in einer außerordentlichen Hauptversammlung dieser größten turnerischen Vereinigung Berlins unlängst zur Verhandlung. Ueber die Entstehung des Antrages theilte der Vorsitzende der Berliner Turnerschaft, Hoppe mit: Dem Ausschüsse, dem der Antrag vorgelegt worden ist, sei er sehr überraschend gekommen, man habe die Antragsteller zunächst zu einer Ausschußsitzung eingeladen, habe sie aber nicht zum Zurückziehen ihrer Forderung bewegen können. > An der Spitze der Unterschriften steht die von Ernst Froelich, von j den anderen 15 Unterschriften seien 12 zurückgezogen. Der Antrag! lautet auf Aenderung der Statuten in dem Sinne, daß nur christliche! Deutsche in den Verein Aufnahme finden. Der Antragsteller E. Froelich führt folgendes aus: Das älteste Mitglied der Turnerschaft, der Maler Engelbach, der noch unter Jahn geturnt habe, gehöre zu den Unterzeichnern des Antrages. Engelbach sei erkrankt und habein einem Briefe Folgendes gesagt: „Die Judensrage wird in unseren Tagen immer brennender. Seit dem Jahre 1848, wo wir im Freiheitstaumel die Gleichberechtigung in der StaatSverfassung ausgesprochen haben, ist die Staatsgefährlichkeit der Juden uns allmälig zum Bewußtsein gekommen. Gerade wir Turner muffen auf die Reinhaltung unseres deutschen Volksthums mit Eifer hallen; wir müssen die Erbschaft Jahn's unbefleckt erhalten. Nach unserem Anträge soll der Christ gewordene Semit ausgenommen werden, er kann allmälig in unser Volk aufgehen: der Jude kann und will das nicht, er hält fest an seinen uns feindlichen Ueberlieferungen. Christenthum und Deutschthum decken sich, das ist auch der Jahn'sche Standpunkt." Der Redner fährt dann fort: „Ich bin mir bewußt, daß ich mit meinem Anträge nicht durchdringe, aber dennoch unterziehe ich mich meiner Aufgabe, weil ich mir der Ge'ahr, welche der Turnsache von den Juden droht, bewußt bin. Unser Verein ist schon mehr oder weniger zersetzt durch Geister, die bei uns nur Gastsreundschaft genießen. (Unruhe.) Politik in den Verein zu tragen liegt mir fern. (Gelächter.) Nicht Haß gegen die Juden hat meinen Antrag dictirt, sondern der Trieb der Selbsterhaltung des deutschen Volkes. Es bedarf nur eines Anstoßes um wieder deutschen Geist (?) in die Turnerschaft zu bringen. Ueber der äußeren Ausbildung haben wir an innerer Kraft eingebüßt. Die Turnerei ist zum Sport geworden. An Assimilation denkt der Jude gar nicht. Arbeiten will er nicht und schon zu Salomon's Zeiten ließ er sich seine Tempel durch Fremde bauen. (Gelächter.) Es hat sich hier ein jüdischer Turnverein gebildet, der nur Juden aufnimmt, sein Turnlocal in der Albrechtstraße hat, nach Aussage des Turndieners seine Zeit jedoch damit zubringt, daß er an den Schwingelpferben herumliegt, Weißbier trinkt und raucht. (Große Unruhe.) Dieser Verein wird nicht ausgeschlossen. Der größte Theil seiner Mitglieder sind Socialdemokraten. Lasten Sie uns gegen solche Turnerei müthig und wacker zusammenstehen zum Segen des Vaterlandes." (Vereinzelter Beifall und große Unruhe.) Herr Goldacker erklärt als städtischer Turnwart, dem die Halle in der Albrechtstraße unterstellt ist, die Beschuldigung gegen den erwähnten Turnverein für eine unverschämte Lüge. Vorsitzender Hoppe: Ich stehe an der Spitze des vom Antragsteller geschilderten Sumpfes, ich halte es, trotzdem so fürchterlich schlechte Elemente vorhanden sein sollen, doch für eine Ehre, an der Spitze dieses Vereins zu stehen. (Beifall.) Unser Verein hat mit Socialdemokraten und Juden und deren Tendenzen nichts zu thun. (Beifall.) Diejenigen, die solche Tendenzen bei uns suchen, mögen uns fern bleiben (Beifall); sie tragen nur Unfrieden und Politik in unsere Bestrebungen. Wir schließen nur bescholtene Leute aus, ist ein Jude unbescholten, so wird er ausgenommen? (Lauter Beifall.) Engelbach ist uns ein lieber Genosse gewesen, aber sein Brief ist wohl nicht ernstlich zu nehmen. Er ist unser Ehrenmitglied, und wenn er diese Ehrenmitgliedschast angenommen hat, so muß er sie auch so aufrecht erhallen, wie er sie bekommen har. Gründe man doch eigene Vereine, das ist achtbarer, wie bei uns Maulwurfsarbeit zu thun. Herr R o d e ck tritt für den Antrag ein und warnt vor der Aufnahme von Socialdemokraten, welche die in der Turnerei gewonnene Ausbildung gegen das Vaterland anwenden würden. — Herr Fuhrmann spricht dein Antisemitismus eine gewisse Berechtigung nicht ab, er dürfe aber, nicht gegen Juden angewendet werden, die den besten Willen zeigen, in unserem Volke aufzugehen, wie es die Mitglieder der Turnerschast thun. Auch der stellvertretende Vorsitzende Atzrott tritt gegen den Antrag ein, der schließlich unter stürmischem Beifall mit 342 gegen 30 Stimmen abgelehnt wird. Die Berliner Turnerschaft wird also wohl noch lange nicht Mitglied des antisemitischen „Turnerbündels" werden. Die Leiden und Sedrnckungen der russischen Luden. Eine Predigt, gehalten in der Berekeley Street Synagoge am 7. Tage, Passah, 29. April, 5651-1891 von Rev. A. Lowy. „Der Feind sprach, ich will verfolgen, ich will einholen, ich will die Beute theilen, meine Seele soll mit ihnen gesättigt werden, ich will mein Schwert zücken, meine Hand soll sie vernichten." Exodus XV. 9. Nicht umsonst haben die Verfasser der verschiedenen jüdischen Liturgien diesem Gesänge Mosis einen Platz in dem Rituell gegeben, nicht umsonst feiern wir das Passahs fest Jahr aus Jahr, um jeder Generation die Heiligkeit der menschlichen Freiheit und die Ueberzeugung einzuprägen, daß unsere Befreiung von der Knechtschaft immer durch jene göttliche Gerechtigkeit und Gnade beschützt wurde, welche sich aus uns alle in gleichem Maße erstreckt. Durch unsere Gesetze und durch unser ganzes religiöses System sind wir belehrt, nns hilfreich an die Spitze zu stellen, wenn es gilt, Werke der Gerechtigkeit zu vollsühren, und daß die Ausübung unseres thätigen Wohlwollens gegen alle jene, welche innerhalb des Bereiches unserer Macht und unseres Handelns liegen, Pflicht ist. Barmherzigkeit war immer eingeschrieben in dem Wappenschilde von Israels altem Stammbaum. Seit unserer Befreiung von der egyptischen Knechtschaft ist Barmherzigkeit unser Losungswort gewesen in dem Kriege mit dem Feinde, dessen Wuth so machtvoll in unserem Texte wiedergegeben ist. Die Flamme seines Hasses ist angefacht worden durch den Hauch des Heidenthums, er ist genährt worden durch gesellschaftliches Borurtheil, durch eingewurzelten Aberglauben, durch fühlbne Falschheit und durch vorsätzliche Uebertreibung. Während des langen Laufes der Geschichte hatten wir oft das Ueberhanduehmen von grundlosem, tiefwurzelndem Hasse gegen unsere Religion und ihre Anhänger zu beklagen. In keinem Zeitpunkte aber boten die Gefahren einer despotischen Behandlung einen weiteren und niederschlagenderen Ausblick, als gegenwärtig, wo beiweitem der größere Theil unserer Glaubensbrüder unter den fürchterlichen Gesetzen der russischen Regierung schmachtet, deren Rathgeber der Herabwürdigung, Vertreibung, ja gänzlichen Aufreibung der jüdischen Bevölkerung geneigt sind. Es kann nicht oft genug zur Kenntniß gebracht werden, daß viele Verordnungen von Verfolgungen, die seit Langem als veraltet beurtheilt wurden, nun erneuert und vermehrt werden. Sie werden verstärkt mit all der Strenge und Wildheit, welche nur von der gänzlichen Mißachtung der Menschenrechte, von der Eifersucht, von der Habsucht, von der falschen Auslegung religiöser Vorschriften und von der sinnlosen Anstrengung in Vorschlag gebracht werden kann, verschiedene Glaubensbekenntnisse und verschiedene nationale Be schasfenheiten in eine gleichartige Methode des Denkens und Handelns zu verschmelzen. In Rußland verschwören sich unwissende und parteiische Miethlinge untereinander gegen die Gesetze der Natur und der Humanität. Zn diesem Lande werden die Juden eines Hilfsmittels nach dem andern berankt, durch welches sie einen ehrlichen Lebensunterhalt gewinnen könnten. Tagtäglich bringt die Presse neue Einzelheiten von der harten und rücksichtslosen Behandlung, welcher die Bekenner des Judenthums, als die verleugneten und verstoßenen Kinder ihres Geburtslandes unterworfen sind, und viele Beamte sehen es j blos als ihren eigentlichen Beruf an, die Juden unter ihrer Aufsicht zu verstoßen und zu verjagen. Zn Orten, wo die überwiegend jüdische Bevölkerung bis jetzt nur unter den größten Schwierigkeiten ihr bescheidenstes Auskommen fiiibeu konnte, drängt sich nun eine immer wachsende Menge von verbannten Neuankommendeu. Männer, die in achtungsvollen Stellungen waren, und geschickte Handwerker sind mit ihren Familien von ihren Heimstätten vertrieben und verfallen aus der Selbstständigkeit in »»gemilderte Armut, i Die Gesundheitsverhältnisse der Juden, welche bis jetzt, wie vorausgesetzt werden kann, durch ererbte Enthaltsamkeit und Nüchternheit gesichert waren,. weichen jetzt der Körperfchwäche durch unzulängliche Nahrung und Wohnplätze und durch die Unmöglichkeit, trotz Arbeitsamkeit und Fleiß ben täglichen Lebensbedarf zu erlangen. Die physische Stärke bricht oft, bevor jüdische Kinder in das reifere Alter eintreten; und