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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-17 · 28 (17.7.1891) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
28 (17.7.1891)
Date
1891-07-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 504 Hesierreichische Wochenschrift Nr. 28 „Feindschaft, Verfolgung, Betrübniß und Pein Soll unserer Liede Berknotigung sein" ' kennzeichnet auch baß Schicksal der Juden bis in die Mitte unseres Jahrhunderts. Tausende und Abertausende waren dahin gesunken unter hex mähenden Sichel des religiösen Fanatismus, unter der Sense finsteren Aberglaubens. Und was der Irrwahn der Völker nicht mordete, bas erdrückte die Selbstsucht und ber Eigennutz der Fürsten. Mit Recht bezeichnet ein Chronist jener grausamen Jahrhunderte die Judenschaft als einen großen Schwamm, den man voll saugen ließ, um ihn dann erbarmungslos auszupressen. In den Leiden und Verfolgungen des Mittelalters aber wurde das Gold des jüdischen Glaubens gehärtet und das Gefühl der Gemeinsamkeit gefestigt.. Vaterlandslos, gehetzt, geächtet und in alle Theile der bewohnten Erde zersprengt, bot das jüdische Volk doch ein Schauspiel der Selbsterhebung und der unwandelbaren Treue zu sich selbst, wie es in der Geschichte geradezu einzig dasteht. Von den sagenumwobenen Anfängen seines Daseins, vom grauesten Alterthum bis auf den heutigen Tag ist es immer die gleiche Kette von Ursache und Wirkung, die sich uns darbietet: Abschließung als Folge der allseitigen Anfeindung und dann wieder Verfolgung aus Anlaß der Abschließung. Und so innig war der Zusammenhang der getrennten Theile, daß jeder Schlag, der in entlegenster Ferne gegen einzelne Volksgenossen geführt wurde, wie eur elektrischer Strom sich fortpfianzte und den ganzen Volkskörper erschüttern machte. Mit dem Jahre 1848 ergießt sich ein Strom neuer, jugendfrischer Ideen über das alternde Europa. In den Eulturstaaten des Westens wurde die Judenfrage mit Einem Schlage gelöst — gelöst auf dem Papiere. Das Prineip der Gleichberechtigung fand seine Ausdehnung auch auf die Juden, ihre Rechte wurden verfassungsmäßig verbrieft und die Constitutionen aller Länder riefen sie zum Mitbewerb an allen ideellen und materiellen Gütern des Lebens auf. Mit jener Energie, mit jener bewunderungswürdigen Intelligenz, welche in dem tausendjährigen Kampfe um's Dasein geschärft worden war, nahmen die Juden diesen Wettbewerb auf. Je langer ihre geistigen und physischen Kräfte in gezwungener Unthätigkeit brach gelegen, umso fruchtbarer und intensiver entfalteten sie sich nunmehr. Aber zu den Vortheilen dieser plötzlichen Regsamkeit gesellten sich auch zahlreiche Nachtheile, und vor Allem einer, der sich zu einer drohenden Gefahr für das Judenthum in seiner Gesammtheit gestaltet. Die Juden dünkten sich in Wahrheit frei, frei auf allen Gebieten, frei auch von allen Vorurtheilen der Gesellschaft, frei sogar von den strengen Pflichten der Treue gegen sich selbst. Wenn das jüdische Volk zum Schutze gegen die harten Verfolgungen des Mittelalters das Palladium seines Glaubens, den kostbaren Schatz seines Schriftthums mit Zäunen und Mauern umgeben, wenn es sich scheu in sich selbst zurückgezogen und in seinen geheiligten Ueberlieferungen Trost und Stärkung gesucht hatte, so glaubte man jetzt mit derselben Energie, mit der gleichen Verstandeskraft, welche die plötzliche Emancipation zu eifriger Bethätigung geweckt hatte, jene Mauern und Zäune einreißen, jene Ueberlieferungen verleugnen zu können. Der Glanz des jüdischen Glaubens begann zu erblassen, das Gefühl der Zusammengehörigkeit sich zu verflüchtigen. Das Schlagwort von der Assimilation der Juden bedeutete nichts Anderes als die Entjudung, die Preisgabe alles dessen, was durch Jahrtausende die Kraft und Stärke des jüdischen Volkes begründet hatte. Die Emancipation der Juden im Jahre 1848 aber war eine Lüge, ebenso wie das Wort Schiller's vor hundert Jahren: „Wir haben Menschenfreiheit!". Mit furchtbarer Deutlichkeit beweist uns die Geschichte, daß der Leidensgang des jüdischen Volkes noch nicht abgeschlossen ist, und daß die Verleugnung der jüdischen Tradition und des jüdischen Glaubens der Selbstvernichtung gleich käme. Die Judenverfolgungen in Rußland führen eine eherne Sprache. Der Geist Moab's und Amalek's ist noch immer lebendig, und wehe uns, wenn wir demselben nicht mehr den alten jüdischen Geist entgegenzusetzen hätten. Wenn in alter Zeit das jüdische Volk von dem wahren Glauben abfallen, wenn es die Grundlagen seiner physischen und moralischen Existenz verleugnen wollte, dann erklang das mahnende Wort des Propheten, welches die Zweifler und Leugner zurückführte zur einzigen Gotteslehre. Die Stimme der Propheten ist längst verklungen, aber die Ausgabe, die einst jene glaubens- und geistesstarken Männer erfüllte, hat nunmehr die Geschichte selbst übernommen. Wie unmittelbar nach dem Freiheitstaumel von 1848 die Judenverfolgungen von Beirut eine Mahnung an die europäischen Juden waren, dem plötzlichen Humanitätsdusel der arischen Völker nicht zu sehr trauen, so sind die gegenwärtigen Judenverfolgungen in Rußland und die Ausschweifungen des Antisemitismus eine schreckliche Warnung, jene Mauern und Dämme nicht niederzureißen, die durch Tausende von Jahren das Judenthum schützen. Seit jeher ging durch das Judenthum ein kosmopolitischer Zug und die Geschichte unseres Volkes verzeichnet zahlreiche Beispiele schwächlicher Demuth gegenüber den judenfeindlichen Völkern. Aber ebenso geht durch unsere ganze Geschichte jener echt nationale Geist des Prophetenthums, der in Flammenworte» vor jeglicher Selbstentäußerung warnt, und noch heute haben gegenüber dem arischen Europa die Worte des Hohenliedes Geltung: „Ich beschwöre Euch, Töchter Jerusalems, daß ihr die Liebe nicht erweckt und nicht an regt, bis sie selber d a r n a ch v e r l a n g t!" Das alte Vorurtheil, der alte Haß, sie sind noch immer lebendig, trotz der papierenen Freiheit von 1848, und nur zu sehr zeigt es sich, daß die Greuel, welche gegenwärtig gegen unsere Glaubensgenossen in Rußland verübt werden, eine contagiöse Kraft besitzen, daß sie selbst in den Culturstaaten West- und Mitteleuropas zur Nachahmung reizen. Noch ist das Gefühl der Gemeinsamkeit aller Juden so mächtig, daß jede Schilderung des Elends unserer russischen Brüder auch unsere Nerven in herbem Weh zusammenzucken läßt. Dieses Gefühl zu bewahren, festzuhalten an dem Glauben unserer Väter, an unserem Schriftthum und an unserer eigenen Würde, ist unsere dringendste Pflicht. Das Schicksal selbst hat die Rolle der alten Propheten übernommen, die Leugner und Zweifler zurückzuführen zu den Quellen unserer Kraft, und dieses Schicksal mahnt uns, den eigenen Weinberg zu hüten, ehe wir uns zu Hütern des Weinbergs der Menschheit machen.

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