Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 27 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020875--00516-3024509- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 500 Oesterreich ifche Mochmschrist Nr. 27 Ltrueusee Md der Kabbalist. (Eine historische Skizze.) Unter der Colonie der Spaniolen in Altona ragte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Joseph Avero hervor. Er galt nicht nur als einer der Reichsten, sondern auch als der größte — Kabbalist in der Gemeinde. Die Kabbala war ein Lieblingsstudium der Spaniolen. Josef Avero verband in seiner äußeren Erscheinung spanische Grandezza mit einem, heilige Scheu erweckenden würdevollen Ausdruck eines Propheten, wofür er allgemein gehalten wurde. Er stand in hohem Ansehen selbst beim dänischen Hofe, der den Juden freundlich gesinnt war, wie Dänemark überhaupt nach Holland das erste Land in Europa war, wo sie schon zu Anfänge des achtzehnten Jahrhunderts bedeutende Freiheiten genossen. Nicht nur von Altona selbst, sondern auch aus der Hauptstadt kamen Große dahin, um sich von Avero im Buche der Zukunft ihr Schicksal lesen zu lassen. Auch den Stadtphysikus von Altona, Johann Friedrich Struensee, trieb es, in einer finsteren Nacht den Weg zu diesem geheimnißvollen Juden zu machen. Er beredete sich, daß nur Neugierde ihn dazu bewege; allein weshalb befiel ihn eine solche Bangigkeit, als er, bis zur Unkenntlichkett vermummt, der Wohnung des Juden sich näherte? Joses Avero bewohnte ein großes düsteres Haus in einem schmalen Seitengäßchen des Ghetto. Durch eine niedrige Hausthür gelangte Struensee in den dunklen Flur und fand hier endlich mit großer Mühe eine steile Treppe, auf welcher er nach oben stieg. Oben hemmte plötzlich eine Wand seine Schritte. Zitternd vor Aufregung blieb der Stadtphysikus einige Augenblicke stehen. Er war fast ohne Athem. Sein Herz pochte so laut, daß er die Schläge desselben hören konnte. Lange und gespannt lauschte er, ob er nicht einen Laut hinter der Mauer zu vernehmen im Stande sei, doch Alles blieb still, schauerlich still, wie im Grabe. Struensee tastete jetzt vorsichtig umher, um eine Thür oder eine andere Treppe zu finden. Endlich klopfte er vor Angst an die Wand. Da öffnete sich eine Thür, ein Lichtstrahl drang aus derselben und eine ruhige, tiefe Stimme ersuchte ihn höflichst, er möge eintteten. Struensee befand sich alsbald in einem großen, schönen Zimmer, welches aus das feinste und kostbarste eingerichtet und von einem klaren milden Licht, das eine weiße Lampe ausstrahlte, freundlich erhellt war. Am Tische mitten im Zimmer saß Josef Avero über Folianten. Er erhob sich und ersuchte den Gast, auf einem der Sessel Platz zu nehmen. Sttuensce theilte ihm in aller Kürze mit, weshalb er ihn ausgesucht habe. Vergebens mahnte ihn Avero, von seinem Vorhaben abzulaffen. Da nahm er ihn denn bei der Hand, öffnete eine Tapetenthür und führte ihn durch einen langen Raum. Hier ließ er plötzlich die Hand Struensee's los, und dieser war allein. Tiefe Stille herrschte hier. Mit ausgestreckten Händen tastete Struensee ängstlich umher, allein er stieß weder auf eine Thür, noch auf eine Mauer. Er zog seinen Degen und hieb um sich, er traf jedoch nur die leere Luft. Auf einmal vernahm er, wie aus weiter Ferne, eine klare, deutliche Stimme: „Was wünscht Johann Friedrich Struensee?" Struensee zitterte am ganzen Leibe, doch er faßte sich schnell und ries: „Wer immer Du auch bist, sage mir, was Du von meinem Leben und meinem Tode weißt!" Wiederum trat eine tiefe, geheimnißvolle Stille ein. Nach wenigen Minuten ließ sich jene zauberhafte Stimme von Neuem hören: „Johann Friedrich Struensee! Du bist Arzt, rettest Andere vom Tode, und Dir selbst kannst Du nicht helfen. Der König von Dänemark regiert das Land, aber Du wirst den Dänenkönig beherrschen. Hebe ja Dein Haupt nicht zu hoch, damit nicht Deine Grafenkrone die Königskrone verdunkle-? Denn sonst fällt die Krone zur Erde und reißt im Falle Deinen Kopf mit sich. Jawohl, ich sehe deutlich einen blutigen Streifen um Deinen Hals — Johann Friedrich Struensee, das Blutgerüst erwartet Dich!" Dann war es wieder still, und es schien Struensee, als ob der Boden tiefer mit ihm sänke, als er plötzlich die Sterne über sich funkeln sah und die kühle Abendluft ihn umfächelte. Verwirrt schaute er uni sich und erstaunte, als er erkannte, daß er in einem Gäßchen des Ghetto sich befand, welches hinter Avero's Wohnung hinlief. Auf's Tiefste ergriffen von allem dem, was er soeben gesehen und gehört hatte, trat der Stadtphysikus den Heimweg an. Er gab sich die größte Mühe, alles Erlebte für Lug und Trug und den Juden selbst für einen Betrüger zu halten. Wie sollte auch er, der namenlose Arzt, jemals in die Lage kommen, über Dänemark's König zu herrschen? Zu Hause angekommen, fand er auf seinem Schreibtische ein dickes Briefpacket mit großen Amtssiegeln liegen — es war seine Ernennung zum Leibarzte des Königs. Seine Gönnerin, die verwitwete Generalin Berkeuthin, hatte ihm diese ehrenvolle und einflußreiche Stellung verschafft. Struensee erbleichte, denn was ihm der Kabbalist prophezeite, dünkte ihm jetzt nicht mehr zur absoluten Unmöglichkeit zu gehören. * * Seit jenem denkwürdigen Abend, da der Altonaer Stadtphysikus den spanischen Juden Josef Avero aufgesucht hatte, um von diesem sein Schicksal zu erfragen, waren vier Jahre verflossen. Auf der Christiansborg in Kopenhagen fand am 16. Januar 1772 ein glänzender Maskenball statt. Unzählige Menschen wogten in prächtigen, phantastischen Trachten in den weiten Hallen des nordischen Königsschloffes auf und nieder; entzückende Musik rauschte durch die taghell erleuchteten Räume. Unter der geschmückten Menge fiel eine Dame in reicher phantastischer Kleidung auf. Sie trat auf eine hohe, ehrwürdige Gestalt in orientalischer Tracht zu und fragte lächelnd: „Weiser des Morgenlandes, kannst Du den Schleier der Zukunft lüften?" „Wenn mich meine heilige Wissenschaft vor Bewunderung Deiner irdischen Schönheit nicht verläßt." Er schloß die Augen und stand wie weltentrückt vor der Fragenden, dann sprach eine hohle Grabesstimme aus ihm: „Du hältst treu zu demjenigen, welcher Dänemark regiert, allein, der Dänemark beherrscht, ist nicht der Dänenkönig." Ein heftiges Zittern erschütterte die schöne Maske. „Hüte Dich vor der Zukunft", fuhr der Weise aus dem Morgenlande fort, „sie wird Dir viele Thränen und großes Herzeleid bringen!" Die Dame war sehr aufgeregt und bebte an allen Gliedern; aber sie zwang sich mit aller Anstrengung zur Heiterkeit und antwortete lächelnd: „So komm denn am dunkelsten und schwersten Tage meines Lebens zu mir. Ich erwarte Dich." „Ich werde kommen! Gott sei mit Dir, Königin Karoline Mathilde!" Noch spät in der Nacht stand der Staatsminister Graf Struensee in ehrerbietiger Haltung neben der Königin in einer Fensternische der Königsburg. Sie sprachen eifrig miteinander, doch plötzlich stockte ihr Gespräch und aus ihren Mienen sprachen Angst und Bestürzung. Die hohe in orientalische Kleidung gehüllte Gestalt ging vor ihnen vorüber und sagte in einem wehmüthig feierlichen Tone leise zu dem Minister: „Graf Struensee, heute erlischt der Glanz Deiner Grafenkrone!" Struensee erblaßte; er erkannte die Stimme des Juden Avero wieder, den er im Taumel des Glücks vergessen hatte. Er fuhr mit der Hand über die Stirne und lehnte sich halb ohnmächtig an das Fenstergesims. Erst nach Minuten erlangte er seine Fassung wieder Gedankenschwer schauete er hinab auf die mondhellen, schneebedeckten Straßen der dänischen Hauptstadt. Wie lange schon hatte er geahnt, daß er auf der schwindelnden Höhe sich nicht halten könne. Wie oft schon wollte er den Hof und Dänemark verlassen! Aber die Königin, welche den energischen und klugen Mann dein Vaterlande erhalten wollte, hielt ihn stets zurück. Als Leibarzt des Königs hatte sich Struensee das Vertrauen Christians VII. erworben, wurde zum Erzieher des Kronprinzen, zum Hofrath und endlich nach seiner Erhebung in den