Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 27 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 27 Hesteneichrsche Wochenschrift Seite 497 Aerkin, 22. Juni. Von dem geschäftsführenden Ausschuß des Deutschen Central - Comite's für die russischen Juden geht uns mit dem Ersuchen um Aufnahme folgende Mittheilung zu: „Nachdem es dem geschäftsführenden Ausschuß des Deutschen Central-Comita's für die russischen Juden gelungen ist, die ihm ressortirendcn Sichtungs-Comitv's an den Grenzstationen zu organisircn, hat das Berlin-Charlottenburger Local-Comite ans Veranlassung des geschäftsführenden Ausschusses des Deutschen Central-Comitv's beschlossen, seine Thätigkeit am Dienstag 23. d. M. Abends einzustellen. Die Grenz - Comite's übernehmen nunmehr die gesammte Weiterbeförderung nach geschehener Prüfung der persönlichen Verhältnisse eines jeden Auswanderers gemäß der mit dem Central Comite gemeinsam festgestellten Normen. Um der einheitlich gewordenen Leitung die Mittel für die bevorstehenden großen Aufgaben zuzuführen, und um jede Zersplitterung zu vermeiden, welche auf das gesammte Hilfswerk nur schädlich wirken könnte, wird höflichst gebeten, alle für diesen wohlthätigen Zweck gütigst bestimmten Spenden ausschließlich an den Schatzmeister Herrn Generalconsul Eugen Landau, Wilhelmstraße 70b zu richten. Aus Südr«ßka«d, 18. Juni. Am 3. d. M. traf Ihre Majestät die Kaiserin in Sebastopol ein, um mit ihrem Sohne dem Großfürsten Georg Alexandröwitsch, welcher Tags vorher aus Algerien zurückkehrte, um sich nach Jalta zu begeben, zusammen zu treffen. Die Ehrenwache war vom5O. Infanterie- Regiment gestellt. Als die erste Kompagnie des genannten Regimentes antrat, um zur Lnndungsstelle zu marschiren, ließ der Kompagnie-Chef sämmtliche Juden aus der Reihe hervortreten und in die Kaserne znrückschicken, „um der Kaiserin die Unannehmlichkeit, Inden ansehen zu müssen, zu ersparen." — In Jalta kam es wegen eines Geldstreites zwischen einem unteren Beamten der kaiserlichen Domäne „Livadia", Herrn R. und den Kaufmann 1. Gilde Herrn Stadtverordneten Marcus Buch stab zu einem Wortwechsel wobei B. seiner Gewohnheit nach laut gesprochen hat. R. fand sich dadurch beleidigt und verklagte Buchstab bei dem Friedensrichter Herrn Choskejesicz. Sämmtliche Zeugen hatten nichts Beleidigendes für R. in den Vorfall gefunden. Trotzdem lautete das Urtheil auf einmonatliche Haft, weil Buchstab, „als einfacher Jude und Händler, einem Beamten Achtung und Respect schuldig ist, was er in seinem Benehmen nicht bekundet hat." — Hdeffa. Unlängst gaben wir hier den Herren Rechtsanwalt M a s e und Ingenieur U s s i s ch k i», Beide hervorragende Gesinnungsgenossen aus Moskau, das Geleite zum Schiffe, auf dem sie die Reise nach Jaffa antraten. In der nächsten Zeit werden noch einige angesehene Männer unserer Stadt, darunter Mitglieder des Comites des „Vereines zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer nnd Handwerker in Syrien und Palästina" nach dem heiligen Lande reisen. Aus anderen Städten Rußlands kommen Nachrichten, daß in nächster Zeit eine größere Anzahl von Personen mit größeren und kleineren Kapitalien hier zu erwarten sind, welche sich nach Palästina einschiffen wollen. Hoffentlich werden die Herren T e m k i n, Obmann des Executivcomitös in Jaffa, sowie M a s e nnd U s s i s ch k i n den beabsichtigten Bodenankauf derselben rationell organisiren. Ich selbst habe es ja mit angesehen, wie da rath- und planlos vorgegangen wird. Die einzelnen Kausiustigen rennen erst umher, sich die Ländereien näher anzusehen, und kommen dann Einer nach dem Anderen zu den dadurch aufmerksam gemachten und in ihrer Geldgier gereizten Arabern, wodurch sie den Preis des Bodens bedeutend vertheuern. Sache des Jaffaer Executivcomites ist es meiner Ansicht nach, den Kauflustigen berathend und organisirend zur Seite zu stehen und bei den Käufen gleich von vornherein die gruppenweise Zusammenfassung dieser zur Bildung von Colonien im Auge zn haben. Wnmschtks. Wie«, 7. Juli. Die „Köln. Ztg." meldet aus Petersburg: Sämmtliche von Odessa nach Petersburg abgehende Dampfer sind mit vertriebenen russischen Juden überfüllt. Bei ihrem Eintreffen in Jaffa erhalten die Ansgewiesenen vom ständigen Ausschuß alle möglichen Fingerzeige. Den Kaufpreis für das zugewiesene Land können die Juden in zehnjährigen Raten tilgen. Als Leiter des ganzen Palästinaunternehmens werden neben Rothschild, Bleichröder, und Baron Hirsch noch fünf andere jüdische Finanzkräfte genannt. Von Palästina sind bisher nur zwei ausgewiesene Familien zurückgekehrt. Der Pariser Rothschild beabsichtigt weiters, 5/\ Millionen Quadratmeter fruchtbaren Landes am östlichen Jordan anzukaufen. Nach Meldung polnischer Blätter sind in der verflossenen Woche mehr als neunhundert Juden aus Littauen ausgewandert. In Smolensk wurden die jüdischen Einwohner vom Polizeimeister verständigt, daß sie in Folge höheren Auftrages entweder die Stadt verlassen oder sich zum russischorthodoxen Glauben bekehren müssen. Aus diese Nachricht hin versammelten sich die Juden in der Synagoge, wo ein Trauergottesdienst abgehalten wurde. Der Rabbiner hielt eine Ansprache an seine Glaubensgenossen, in der er dieselben beschwor, dem Glauben ihrer Väter treu zu bleiben und nicht um materieller Portheile willen das Religions-Bekenntniß zu wechseln. Die Anwesenden gelobten ausnahmslos, im jüdischen Glauben zu verharren. Binnen zwei Tagen veräußerten sie ihre Immobilien und verließen ihre Geburtsstadt. Kein einziger Jude ist zur russischen Kirche übergetreten. Wie polnischen Blättern aus Kiew berichtet wird, hat jetzt der Gouverneur von Zytomir, General Jankowskij, beim Antrilte seines mehrwöchentlichen Urlaubes den Chefs der Bezirksbehörden mittelst Rundschreibens eingeschärft, der Judenschaft gegenüber mit aller Strenge vorzugehen, weil sie sich sonst dem Verdachte der Bestechlichkeit aussetzen würden, was natürlich sofort die Einleitung einer Disciplinar- Untersuchung zur Folge haben müßte. Laut Konstantinopeler Meldungen sind in der Stadt Aleppo selbst, der Hauptstadt des gleichnamigen Vilajets, drei Cholerafälle bei der jüdischen Bevölkerung vorgekommen. Der Sultan gestattete die Ansiedlung flüchtiger Judenfamilien aus Corfu im ottomanischen Reiche. Eine Deputation unter Führung des Kaimakams und des Großrabbiners Levy Efendi erschienen im Palais des Sultans, um dafür den Dank auszudrücken. Mie«. Es verdient verzeichnet zu werden, daß ein christlicher Bäckermeister Herr und Frau Karl Peitl, Wien, II., Ferdinandsstraße 22, die jüdischen Flüchtlinge aus Rußland, welche Wien paffsten auf das Grrßherzigste unterstützt und volle Körbe von Bäckereien unter denselben vertheilen läßt. Solche Christen gereichen der Kirche zur Ehre. Wien. (Die Freilandbewegung.) Die Zahl der zu praktischer Durchführung des in Hertzka's Buche „Freiland" vorgezeichneten Gemeinwesens vollkommener wirthschaftlicher Gerechtigkeit vereinigten Gesinnungsgenoffen hat tausend überschritten. Dieselben — vorerst in 24 Ortsgruppen über alle Theile der civilifierten Welt zerstreut — beabsichtigen sich noch im Laufe dieses Jahres eine einheitliche internationale Organisation zu geben und dann unverweilt die geplante Expedition nach den Hochlanden des centralen Afrika zu entsenden. Einstweilen hat sich aus der Reihe der bemittelten Genoffen ein Actionscomit«, welches eine größere Geldsumme im eigenen Schoße bereits aufgebracht hat und ferner aufzubringen entschlossen ist, zu dem Zwecke um die bis zur Constituirung der internationalen Freiland- Gesellschaft noch verstreichende Zeit zu freiländische Agitation und Action größeren Stils zu benützen. Zunächst erscheint aus den Mitteln dieses Comitv's vom 1. Juli ab in Wien (Langegaste 53) eine Halbmonatschrist unter dem Titel „Freiland" als Organ der Freiland- Vereine und ebenso eine Agitationsbrochure „Freiland und die Freilandbewegung", die auch in alle europäischen Sprachen übersetzt werden wird und für 10 Pfennige im Buchhandel zu haben ist. Da die Freiländer bereits im Besitze einer Landschenkung an der ostafrikanischen Küste sind, soll dahin noch im Laufe dieses Sommers ein mit entsprechenden Mitteln ausgerüsteter bevollmächtigter Commiffär entsendet werden, um in geeigneten Punkten Baraken, Lager-