Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 27 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020875--00512-3024505- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 496 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 27 Die Znscription der Schüler fand im abgelaufenen Schuljahre vom 28. August bis 4. September statt und wurden an genannten Tagen 109 ordentliche und 2 Pritatschüler ausgenommen. Die Anstalt erfuhr im verfiofsenen Schuljahre einen Zuwachs von 23 Schülern. Die öffentlichen Jahresprüfungen aus Religion fanden am 21., jene aus Lehrgegenständen der Handels- und Bürgerschule am 23. und 24. Juni l. I. in Anwesenheit des löbl. Schulinspectorats, Ihrer Wohlgeboren der Directrice und des Direktors der hiesigen höheren Staats-Töchterschule, - der Vorstands-, Repräsentanten- und Schulcommissions-Mitglieder der orth. israel. Cultusgemeinde und anderer werthen Gäste und Schulfreunde statt, die über die wahrgenommenen Lehrresultate dem Lehrkörper ihre vollste Zufriedenheit und Anerkennung aussprachen. Das Schuljahr 1891/92 beginnt am 1. September 1891. Die Aufnahme der Schüler erfolgt vom 30. August an (täglich vormittags von 9-12 und nachmittags von 2-4 Uhr) in der Directionskanzlei der Anstalt — Klarissergafse Nr. 16, l. Stock. Aufnahms-, Wiederholungs-, Nachtrags- und Privatprüfungen werden am 4. September, nachmittags von 2—4 Uhr, vorgenommen. Schüler aus der Provinz können gegen mäßiges Honorar eine zweckentsprechende vollständige Unterkunft in solchen achtbaren Häusern erhalten, wo deren sittlich-religiösen Erziehung eine besondere Sorgfalt zugewendet wird. Diesbezüglich dient mit näherer Auskunft bereitwilligst der Director der Anstalt. Adreste: Direktion der israel. Bürger- und Handelsschule, Preßburg. ßzernowitz. (Wenn jemand eine Reise thut, so hat er was zu erzählen.) Zn dieser glücklichen oder unglücklichen Lage — es hängt dies lediglich von der Auffassung ab — befindet sich seit einigen Tagen der hierortige Getreidehändler Abraham L ö w e n s ch u ß, wenngleich seine Reise nach Mamornitza just nicht der Sucht nach Abenteuern entsprang. Löwenschuß' Reisezweck war ein ganz prosaischer. Dein in Bottuschany seßhafter Bruder hatte ihm angezeigt, daß er nach Mamornitza komme und da Löwen schuß ihn geraume Zeit nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte und auch gerne mancherlei mit ihm besprechen wollte, was sich in Briefen nicht gut sagen läßt, so gab er dem Drange seines Herzens nach und reiste nach Oesterreichisch-Mamornitza. Da aber dort seines Wartens Mühe umsonst war, so folgte er dem Rathe eines Bekannten und begab sich jenseits der schwarz-gelben Grenzpfähle nach dem rumänischen Theile von Mamornitza. Allerdings hatte L ö w e n s ch u ß nur einen für Deutschland giltigen Reisepaß, allein der wachehabende Grenzsoldat hatte ein Einsehen mit L ö w e n s ch u ß und legte seiner Durchfahrt keinerlei Schwierigkeiten in den Weg. Nicht so glücklich ging aber seine Rückfahrt von statten. Als er nämlich am darausiolgenden Morgen an der rumänischen Grenze Durchlaß nach Oesterreich heischte, hielt ihn der königlich rumänische Zolleinnehmer an und verlangte barsch nach dem Reisepässe. L ö w e n s ch u ß zeigte ihm sein, wie bemerkt, nur für Deutschland Geltung habendes Reisedocument und setzte Zweck und Dauer seines Aufenthaltes auf rumänischem Boden hinzu. Der zollgewaltige Herr riß ihn den Paß aus der Hand und unterbrach seine Rede, indem er einem in der Nähe postirten Grenzsoldaten zuwinkte, der ihn auf eine bezeichnende Handbeweguug nach dem Wachzimmer abführte. Hier fand sich auch bald der Zolleinnehmer ein, der, nachdem der Soldat sich entfernt hatte, dem armen Manne zwei schallende Ohrfeigen applicirte. Nicht genug an dem, rief er einen Grenzsoldaten herbei und herrschte ihm zu, den Juden zu mißhandeln. Während er — doch lassen wir Löwenschuß selber das Wort: „Während ich den mit Berserkerwuth auf mich stürzenden Soldaten abzuwehren suchte, kam der Zollchef mit einem israelitischen Knaben, den er ebenfalls zu geißeln befahl. Da aber ein Soldat hiezu nicht ausreichte, so verfügte sich der Zollchef ins anstoßende Zimmer und hetzte noch weiter zwei Soldaten auf uns. Glücklicherweise kehrte der Einnehmer aber nicht mehr auf die Wachstube zurück; so war es mir ein Leichtes, den Unmuth der beiden Marsjünger zu beschwichtigen. Dem einen schenkte ich zwei, dem anderen, der im Range höher stand, vier Francs und so ließen sie mich laufen. Dies ist aber nicht wörtlich zu nehmen, denn erst, nachdem ich gehörig ausgehungert war, — es mochte bereits 1 Uhr nachmittags gewesen sein, — wurde ich von einer Escorte über die Grenze geschafft. Der Zollchef, der bei meinem Hinaustreten aus der Wachstube draußen stand, rief mir nach: Geh' zum Teufel!" — Die Landesregierung hat die Aussagen des L ö w e n s ch u ß durch den k. k. Polizeicomissär Laß zu Protocoll nehmen lassen und wird auch zweifelsohne im geeigneten Wege dafür sorgen, daß mit österreichischen Unterthanen nicht in der geschilderten Weise umgesprungen werde. Inowrazkaw. 24. Juni. Wie leicht schwere Anschuldigungen in Rußland gegen Israeliten vorgebracht werden und diese gefährden, daß beweist folgender Vorgang: Vor einem Jahre verheiratete sich eine jüdische Dame D. von hier nach Wloclawek in Rußland mit einem Herrn R. Am ersten jüdischen Pfingsttage bediente sich die Ehefrau eines christlichen Knaben zum Feuermachen. Der Knabe erhielt, wie die Pos. Z. mitheilt, von der Frau Kaffee und Kuchen. Zu Hause angelangt, erzählte er noch den Seinen, wie gut er von der Familie bewirthet worden sei, erkrankte aber bald darauf und starb unter gräßlichen Schmerzen. §)a die Krankheitserscheinungen Vergiftung vermuthen ließen, wurde die Sache der Polizei angezeigt und beide Eheleute wurden in Haft genommen. Bei der gerichtlichen Vernehmung bestanden sie jedoch, indem sie ihre Unschuld betheuerten, darauf, das der Knabe sezirt werden sollte. Dies geschah, und es stellte sich heraus, das der Mageu des verstorbenen Knaben mit unreifen Stachelbeeren überladen war, und die Aerzte stellten fest, das der Tod nur durch den Genuß der unreifen Früchte herbeigesührt sei. Natürlich wurden beide Eheleute sofort in Freiheit gesetzt. Die Sache hätte jedoch leicht einen tragischen Ausgang nehmen können, da sich schon das Gerücht verbreitete: „Die Juden haben einen Christenknaben vergiftet!" Die so rasch erwiesene Unschuld des Ehepaares beschwichtigte jedoch bald wieder die erhitzten Gemüther der Gemeinde. Aertin, 22. Juni. Die Frage der Colonisation der russischen Juden nimmt augenblicklich das Interesse weiter Kreise in Anspruch, und zwar nicht nur innerhalb der Judenheil. So meldet die Münchner „Allgemeine Zeitung" : „Neben Baron H i r s ch, der bekanntlich Argentinien in's Ange gefaßt hat, ist heute in St. Petersburg ein anderer Unternehmer thätig, der im Gegensatz zu dem Gedanken, die russischen Juden nach Palästina zu verpflanzen, Arabien, und zwar das ehemalige Gebiet der Midianiter, in Angriff genommen und dort auch beträchtliche Ländereien erworben hat. Man kann nur wünschen, daß diese Gedanken zur Ausführung kommen, denn das Elend der von Haus und Herd verstoßenen Leute ist allerdings sehr groß." Inzwischen gewinnt auch die palästinensische Colonisation immer mehr an Umfang. Es wird berichtet, daß Herr Elias Scheid vom Baron Rothschild in Paris den Auftrag erhalten hat, sich in das Gebiet am östlichen Jordanufer zu begeben und 300.000 Dunam (ca. 5*^ Millionen s^Met.) an Boden zu erwerben. In Odessa ist in diesen Tagen, auf der Rückreise von Palästina, ein gewisser Herr M a s e, der Bevollmächtige der Moskauer jüdischen Gemeinde, eingetroffen, welcher für die russischen jüdischen Emigranten am rechten Ufer des Jordan Land angekauft hat. Auf einem österreichischen Dampfer sind auch kürzlich zwei Bevollmächtigte der jüdischen Gemeinde der Stadt Poltawa nach Jaffa gereist, um daselst Land für die russischen Juden anzukaufen. Dieselben haben hierzu von 72 Familien die Vollmacht erhalten.