Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-07-10 · 27 (10.7.1891) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
27 (10.7.1891)
Date
1891-07-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020875--00511-3024504
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 27 Helterreichische MochenschrifL Seite 495 rung werden, um die Auswanderung möglichst zu beschleunigen, in allen größeren Städten Auswanderungsbmeanr eingerichtet Die einzige Schwierigkeit, die sich dem Unternehmen noch entgegenstellt, ist das augenblicklich noch bestehende Verbot der Auswanderung für militärpflichtige oder noch im Heere dienende Juden. Diese jungen Leute sind aber gerade für das Gedeihen der argentinischen Kolonieen von besonderer Bedeutung, und sind daher schon Schritte gethan, um die Aufhebung jenes Verbots zu erlangen. Mit der Auswanderung macht augenblicklich die russische Regierung gar kein übles Geschäft, jeder Paß kostet zehn Rubel, später wird aber der Steueransfall ein um io größerer sein. Herr Whigt wurde übrigens von den hiesigen Behörden äußerst zuvorkommend ausgenommen, so daß ihm das Schicksal der Judenschaft ganz erträglich erschien. Dies glaubt allerdings Jeder, der die hiesigen Verhältnisse noch nicht gründlich kennen gelernt hat. Bald wird man aber eines Anderen belehrt, da hier beinahe täglich Fälle Vorkommen, durch welche der Haß und die Verachtung der Russen gegen die Inden gekennzeichnet wird. So waren;. B. neulich die Kinder eines annen Juden von dem Hunde einer reichen russischen Witwe gebissen worden. Ans eine Beschwerde des Vaters der Kinder wurde ihm bedeutet, daß er als Jude den Mund zu halten habe. Ein paar Tage daraus wurde sein jüngstes Kind von demselben Hunde gebissen und so schwer verletzt, daß es erkrankte. Ans dem Wege zum Arzt traf der Jude den bissigen Hund und tödtete ihn in seinem I . ~ ' Zorn durch einen Steiiiwnrs. Die Folge davon war, daß der Stadthruptmann, bei dem sich die Hnndebcsitzerin beschwerte, lakonisch dekretirte, „der Jude hat in 24 Stunden die Start zu verlassen." Zum Glück fand der arme Mensch Fürsprecher und die Frist wurde um vier Tage verlängert. Er hätte nun die Stadt verlassen müssen, wenn nicht Jemand dem Stadthanptmann gegenüber geäußert hätte: „Einen Thierschutzverein besitzen wir, Excellenz, aber keinen Kinderschntzvcrcin!" Schließlich mußte der Jude, um in der Stadt bleiben zu dürfen, bei der Witwe für den Tod des Hundes, der seine Kinder schwer verletzt hatte, um Verzeihung bitten! — Zwei andere in jüngster Zeit passirte Fälle entbehren nicht einer gewissen Komik. Ein alter Jude, welcher ans einer kleinen Stadt in Geschäften hieher gekommen war, begegnete im Schmucke seines Kaftans, Sammtkappe und Stirnlocken auf dem Boulevard dem Stadthauptmann Kontreadmiral Seljonoi. Se. Excellen; liebt es nicht, wenn Juden ans dem Boulevard im Kaftan herumspazieren. Als nun der Hebräer, der ihn nicht kannte, ohne zu grüßen vorüberging, ries er: „Halt, Jude! Wachmann, verhafte den Juden und schneide ihm die Locken ab! Und so geschah's. Der andere Fall ereignete sich aus der Pferdebahn. Ans einen völlig besetzten Wagen sprang ein Russe; bei dem Suchen nach einem Sitzplatz kam ihm einer der Fahrgäste sehr jüdisch aussehend vor. Er fuhr ihn daher sofort mit einem „Steh' ans, Jude" an, bekam aber als Antwort eine schallende Ohrfeige. Es entspann sich eine Prügelei, die mit Abführung der streitenden Parteien aus die Polizeiwache endigte; dort entpuppte sich dann der vermeintliche Jude als echter, rechtgläubiger Vollblutrnsse. Wodenöach aß. (Russ ische Flüchtlinge in Bodenbach. Aus Bodenbach telegraphirt man: Gestern Mittags langten hier ans der Durchreise über Hamburg nach Argentinien 177 russische Juden an und wurden vom sächsischen Grenzcommissariate nicht über die Grenze gelassen wegen Mangels an Schissskarten oder Ausweises genügender Subsistenzmittel. Die ganze Bevölkerung ohne Unterschied der Eonfession wetteiferte in hochherziger Theilnahme für die Unglücklichen. Die Brauereiverwaltung des Statthalters Grasen T h u n lieferte Stroh zur Errichtung von Nachtlagern, Christen und Juden brachten Kleidungsstücke, Wäsche, Victualien und Geld. Der Bürgermeister Perlick vermittelte beim Turnverein die Ueberlassung der geräumigen Turnhalle zum Uebernachten, ebenso zuvorkommend waren auch der I Bezirkscommissär Dr. G e i t l e r v. Armingen und die Grenz-! commissäre Z i d l i c k y und H e ß l e r. Die Herren Dr. B e nj bi eitei* aus Prag und Adolf Pächter depeschirten an die i deutsche Botschaft in Wien und an das Eentral-Hiliscomite! in Berlin. Abends langte ein Telegramm des sächsischen I Ministeriums des Innern an, daß die Weiterreise erfolgen i könne. Die Abreise erfolgte heute Früh, die Ausgewiesenen | wurden liebevoll gepflegt. Es befinden sich darunter viele > Frauen und Kinder und einige Kranke. Dr. Bendiener depeschirte nach Leipzig, Magdeburg und Hamburg wegen Verabreichung von Erfrischungen 'an die Auswanderer bei ihrer Ankunft. Heute Früh langten wieder dreißig Flüchtlinge ein, welche gleichfalls verpflegt wurden. Die Gattin des! Stadt-Ingenieurs Hüb uer, eine geborene Russin, vertheilte | die Speisen an die bungernden Juden und reichte ihnen j überdies zwanzig Töpfe Milch. Ans Bodenbach wird uns darüber geschrieben, daß der Herr Bürgermeister P e r l i ck, j die k. u. k. Bezirkshauptmannschaft Tetschen durch Herrn! Eommisfär Ritter v. G e i t l e r - A r m i n g e n, wie überhaupt! die ganze christliche Bevölkerung sich der unglücklichen Flücht-! linge auf das Wärmste angenommen haben. Große Verdienste! haben sich die Herren Dr. Adolf Bendiener ans Prag! und der Präses Adolf Pächter in Bodenbach um die j Hilfeleistung erworben. — Montag am 22. v. M. wurde mit! der Ummauernng des nenerworbeneu jüdischen Friedhofes! begonnen und fast zur gleichen Stunde starb in Tetschen ein j 5jähriges Kind, welches unter zahlreicher Betheilignng aus > dem neuen jüdischen Friedhofe beerdigt wurde. Karlsbad, 1. Juli. (Wasserkatastrophe — I E it rfre q uen; — L atente r A n t i s e m i t i s m u s — - B r o ch ü r e Dr. F r i e d e n t h a l's über K a r l s b a d.)! Die Wasserkatastrophe, von welcher Karlsbad Ende Rovem-! ber v. I. heimgesucht wurde, ist glücklich übersianden. Dank! dem Ergreifen und Zusammenwirken aller betheiligten Fac- > toren — in erster Linie muß hiebei die ersprießliche Wirk-! samkeit des gegenwärtigen Bürgermeisters, Herrn Earl Z ö r-! kendörfer, Erwähnung geschehen — konnten die argen! Verwüstungen rasch und vor Beginn der Eursaison beendigt j werden. Die Eurfrequen; gestaltet sich befriedigend. Es ist! allerdings gegen das Vorjahr ein kleines Minus zu ver- * zeichnen, dies ist jedoch dem Umstande znzuschreiben, daß der! Besuch von jüdischen Enrgästen aus Rußland wegen der j dort herrschenden Judenverfolgungen schwächer iü. Der alle! Verkehrsgebiete schädigende Antisemitismus bringt auch dem i Weltcurorte Nachtheile und dennoch huldigt ein Theil der! Karlsbader dieser modernen Peü, allerdings nicht ostenta-! liv, sondern nur latent, denn so vernünftig ist die hiesige j Bevölkerung, in Rücksicht zu ziehen, daß Karlsbad ohne jü-! dische Eurgäste jämmerlich zu Grunde gehen müßte. Allein j auch in anderer Richtung kömmt Karlsbad der Jntellect der > Juden zustatten. So erschien von einem lange Jahre hier domicilirenden bekannten und renommirten Eurarzte, eine Brochüre über die Bedeutung Karlsbads als Eurort in rumänischer Sprache — die erste in diesem Idiom, welche in Rumänien große Verbreitung findet, ein Umstaud, der geeignet sein dürfte, Karlsbad aus Rumänien, das bisher hier noch schwach vertreten war, eine zahlreichere EurTeqnenz zuzuführen, womit sich Dr. Friedenthal zweifellos um Karlsbad verdient gemacht hat. Areßburg. (Jahresbericht der Bürger- und Handelsschule u. Gr. der ortho. israel. Cultusg emeind e in Preßburg.) Die Bürger- und Handelsschule u. Gr. der Preßburger orth. israel. Cultusgemeinde ist eine an die absolvirte 4. Classe der Bolks-! schule sich anschließende Lehranstalt, welche 4 Clanen besitzt und den! Zweck verfolgt, ihre Frequentanten nicht bloß in allen Zweigen und j Lehrfächern des bürgerlichen Lebens auszubilden, sondern sie insbe- I sondere durch gründlichen fachmännischen^ Unte.. icht in den commerziellen Wissenschaften sowohl für den kausmänni'chen Beruf und das praktische Leben, oder zum Eintritte in eine Handelsakademie vorzubereiten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.