Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 27 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 27 Hesterreichifche Mochenfchrist Seite 493 todten Studenten Fischer niedersausen läßt, Streich folgt auf Streich, und nicht eher läßt Vergani seine schöne Hand ermattet sinken, als bis der todte Leib des unglücklichen Studenten in Stücke gehauen ist. Vergani ist und bleibt eine „zaubergewaltige Erscheinung" und ein gewaltiger Degen. Daher kämpft er nicht nur gegen Todte einen muthigen Kampf, er schlägt sich auch mit Lebenden, ja fürwahr, mit Lebenden, und seien es selbst hohe Richter, nur dürfen sie nicht in Oesterreich, sondern weit unten in Griechenland wohnen. Vergani weiß also Richter nicht nur mannhaft zu beschützen, er tritt ihnen auch entgegen, wenn sie nnr recht weit sind von seiner zauberhaften Erscheinung, und wenn diese Richter die Verbrechen eines aufgehetzten antisemitischen Pöbels mit Strenge ahnden. Die heilige Scheu und die Achtung vor dem Richterstande dauert bei Vergani nur solange als sich die Richter in Wien befinden und der Verurtheilte ein Jude ist. Die so plump erheuchelte Achtung vor dem Richterspruch verwandelt sich aber sofort in eine unerhörte Frechheit, wenn der Richter von ihm zumindest durch ein Meer getrennt lebt und das in der linken Bahngasse erdichtete Blutmärchen nicht glauben will. Man sollte es fast nicht glauben, wie unsagbar frech der dicke Vergani mit dem Staatsanwalt auf Corfu umspringt. Als ein Abschaum der Menschheit, als Verbrecher wird dieser hohe Richter von ihm hergestellt. Das Geld, das die Juden angeblich für ihre gehetzten Glaubensgenossen auf Corfu gesammelt haben, sei thatsächlich zur Bestechung des Staatsanwaltes bestimmt gewesen, sagt Vergani. Der Staatsanwalt ließ sich angeblich auch bestechen, nur sei ihm das Geld zu wenig gewesen, und da habe Baron Hirsch mit einer Million herhalten müssen. Erst dann ließ er den Proceß gegen die Juden fallen. Daß das antisemitische Gewerbe, insbesondere auf schon dazu veranlagte Charaktere demoralisierend wirkt, ist selbstverständlich. Aber dieser Grad von Gemeinheit und geradezu empörender Feigheit übersteigt alle Grenzen! Es ist aber gut, daß solche Gestalten in den Gassen herumlaufen und ihr unsauberes Gewerbe so frank und frei betreiben, wenigstens werden sie dann in ihrer Nacktheit gesehen und schließlich erwacht bei diesem jämmerlichen Anblick, selbst in den verstocktesten antisemitiichen Herzen ein Fünkchen von Ehrgefühl nnd mit Abscheu geht er dem Gelichter aus dem Wege. Fürwahr, solche Bursche sind für das Judenthum unbezahlbar und die Dienste, welche solche Muster von Menschen demselben schon geleistet haben, können nicht mit Gold ausgewogen werden. So müssen sie ausschauen, die Vertreter des Antisemitismus — und schlimm wäre es um das Judenthum bestellt, wenn sie anders gerathen wären! Vergani, Schneider, Lueger rc. sind, wie die Dinge heute stehen, für den Juden geradezu unentbehrlich. Ja, solche Wesen müßten, wenn sie nicht schon da wären, von den Juden auf irgend eine Weise beschaffen werden, koste es was immer. In unserem Kampfe gegen zahlreiche und mächtige Hasser — die Dummheit bildet doch überall die übermächtige Mehrheit —, ist uns Vergani eine unschätzbare Waffe, eine wahre Eselsbacke in der Hand eines Simson. Der einzige Vergani hat für uns schon mehr geleistet, als ein Heer von zahlreichen Lobrednern zu leisten vermöchte. Darum habe ich es nie begriffen, warum unser Vergani gerade von den Juden stark angefeindet wird. Unsinniges Beginnen! Vergani bekämpfen heißt ja unsere beste Waffe vernichten! Erhalten soll sie uns vielmehr werden, die zaubergewaltige Erscheinung! Hegen nnd pflegen, schützen und mästen wir sorgfältig den lieben Vergani, das herrliche Erzeugniß der Mutter Natur, auf daß er noch lange lebe zu unserem Nutz und Frommen. Äus Amerika. (Nach einem Berichte von G. H. Dalma n in „Nathanael" über eine Conserenz von Israeliten und Christen in Chicago am 24. unb 25. November 1890. Seit den Disputationen des Mittelalters sind Juden und Christen zu einem öffentlichen Gedankenaustausch nicht mehr einander gegenüber getreten. Es ist darum ein merkwürdiges Zeichen der Zeit, daß es im vorigen Spätherbst einem für Israels Wohl wirkenden Amerikaner, William E. Blackstone gelungen ist, unter zahlreicher Betheiligung eines jüdischen und christlichen Publikums eine jüdisch-christliche Conserenz zusammenzubringen, in welcher christliche Geistliche und Rabbiner abwechselnd als Redner auftraten. Ehemals war es der zwingende Befehl weltlicher oder geistlicher Machthaber, welcher jüdische Gelehrte nöthigte, ihre Religion gegen christliche Angriffe in öffentlicher Versammlung zu vertheidigen, und die Freiheit der Aussprache war nur allzu beschränkt durch die äußere Stellung der jüdischen Defensoren, denen ein zu freies Wort den Kopf kosten konnte. Jetzt folgten angesehene Rabbiner der freundlichen Aufforderung eines Privatmannes freiwillig, und gegenseitige Achtung und Schonung war die Grundlage alles Redens und Handelns. Freilich war auch nicht Discussion der zwischen Synagoge und Kirche obschwebenden Fragen Zweck der Conserenz. Nicht das beide Unterscheidende, sondern das ihnen Gemeinsame sollte betont werden. Bessere gegenseitige Kenntniß sollte zu künftigem besserem Einverständniß führen. Eine christliche Kirche war der Ort der Zusammenkunft. Aber Lieder ohne specifisch christlichen Inhalt wurden gesungen; alttestamentliche Psalmen bildeten die Schriftlectionen, mit welchen die „Sitzungen" eingeleitet wurden; Pastoren und Rabbiner sprachen abwechselnd Gebet und Benediction. In der ersten Zusammenkunft begann Rev. E. P. Goodwin seinen Vortrag über „das Verhalten der Nationen und der christlichen Völker gegenüber den Juden" mit dem Bekenntniß: „Ich spreche als ein Jude. Ich glaube an Abraham, Isaak und Jakob; ich glaube an Mose und die Propheten.-Ich glaube, daß Gott die Welt regiert, daß alle Völker wie nichts vor ihm sind, daß er in allen Dingen nach dem Rath seines Willens wirkt nnd deshalb das, was die Menschen Geschichte nennen, wesentlich nur der Bericht über die Ausführung seiner Pläne ist. Ich glaube ferner, daß wir in der Bibel einen göttlichen, autoritativen, unfehlbaren Bericht von den Thaten des mächtigen Herrschers der Völker in der Vergangenheit und die untrügliche Offenbarung seiner Entschlüsse für die Zukunft besitzen, bis seine Pläne an's Ziel gebracht sein werden und sein Reich und seine Herrlichkeit die Erde füllen. Und weil ich das glaube, habe ich das lebhafteste Interesse an allem, was sein altes Bundesvolk betrifft. „Ihnen gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißung" (Röm. 9, 4). Sie haben eine wunderbare Vergangenheit gehabt, das sagt dieses Buch und geben alle Menschen zu. Sie sollen eine noch wunderbarere Zukunft haben, nicht, wie Menschen sagen, nicht wie sie glauben oder zugeben, sondern wie dieses selbe Buch sagt." Auf diese Einleitung folgt eine Darstellung der Leiden der Juden seit dem Jahre 70 n. Chr. als einer Erfüllung, ebenso der Worte Mose's (5 Mos. 28, 58 ff.), wie Jesu (Matth. 24). Der nach ihm auftretende Rabbiner B. F e l s e n t h a l beantwortete die Frage: „Warum nehmen die Israeliten Jesum nicht als ihren Messias an?" und begab sich damit auf das Gebiet der religiösen Discussion, allerdings nicht ohne Conferenzen zur Behandlung religiöser Streitfragen als aussichtslos, ja lächerlich zu bezeichnen. Nach seiner Meinung sei es eigentlich Sache des Christenthums, seine Wahrheit zu beweisen, nicht Sache der Juden. Der