Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 8 (1891)
- Issue
- 27 (10.7.1891)
- Date
- 1891-07-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3020847-3020875--00508-3024501- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 492 Hesterreichifche Wochenschrift Nr. 27 welcher sich in Bordeaux ansiedelte. Jeder Gebildete weiß es, daß Abraham F u r t a d o zum Präsidenten der jüdischen Notabelnversammlung (1806 von Kaiser Napoleon berufen) erwählt wurde, daß nach Schluß der Versammlung (1807) das staatlich anerkannte jüdische Sanhedrin nach Furtado's Ansicht aussprach: daß das Judenthum aus rein religiösen, unabänderlichen und aus p o li tis ch ge s e tzl i ch e n, nach dem Untergang des Staates abänderlichen Bestimmungen bestehe, daß also die volle Versicherung der Unterwürfigkeit unter die Landesgesetze unter strenger Beibehaltung der Religion öffentlich abgegeben werde. Den Patriotismus und zugleich die Religiosität vererbte Fnrtado auf seine Sprossen und in innigster Harmonie gelangen sie zum Ausdruck in Cäcilie Fnrtado, die die Gattin Carl Heine's eines würdigen Sohnes des berühmten Hamburger Philantropen Salomon Heine geworden. Wie sich in dieser Familie mit der Steigerung ihres materiellen Wohlstandes eine seltene Sucht, den Mitmenschen Gutes zu thun festsetzte, wie da der Hang zum Wohlthun im Munde von Juden und Christen sprichwörtlich geworden, das muß man sich von alten Hamburger Patriciern erzählen lassen. Durch Salomon Heine wurde eine Staatscalamität einst beseitigt, manche vaterstädtische Stiftung in's Leben gerufen, ein großes Stift zur Aufnahme armer, alter Jungfrauen errichtet, der jüdischen Gemeinde ein Krankenhaus geschenkt (zu Ehren seiner verstorbenen Frau Betty Heine), das seinesgleichen sucht u. s. w. „Naase abotli jareschii banim“, die Werke der Väter erben sich fort auf die Kinder. Carl Heine, der Gatte von Cäcilie geborene Fnrtado, vergrößerte den Fond des Krankenhauses und sorgte der Vater dafür, daß an dem neuen Tempel Thürme angebracht wurden, deren Kosten er allein bestritt, außer namhaften Spenden bei der Erbauung desselben, wovon Gotthold Salomon berichtet hat, so sorgte der Sohn für die geistigen Träger des Tempels durch Errichtung einer ansehnlichen „Predigerstiftung". Aus diesem geht hervor, daß neben der Liebe zur allgemeinen Menschheit eine ganz besondere Liebe zur engeren Religionsgemeinde wie bei Furtado also auch bei Heine stets vorwaltete. Leider ist Carl Heine in Folge eines unglücklichen Sturzes gelegentlich eines Rittes in Paris frühzeitig hingeschieden, worauf die hochherzige Gattin ihr herrliches Besitzrhum mit der wunderbaren Lage an dem viel belebten Elbstrome völlig verlassen und Paris zum ständigen Aufenthalte wählte. Hier widmete sie sich unablässig dem Ideale der beiden Familien, deren Namen sie trägt; in Ermanglung von Nachkommen sollten ihre „Liebeswerke" ihre Kinder sein, die nach Jesajas oft einen glänzenderen Namen verheißen als Söhne und Töchter. Selten haben sich die Tugenden der Ahnen bei Kindern so incarnirt, selten war das Andenken an die verstorbenen, theueren Familienglieder so pietätvoll geehrt, selten gingen in einem Frauenherzen barmherzige Liebe und religiöse Gefühle eine so traute Ehe ein wie bei Frau Carl Heine. Viele Hunderttausende spendete sie zu humanen Zwecken, überall, wo es gilt, Noth zu lindern, Kummer zu stillen, Thränen zu trocknen, und zwar still, geräuschlos, ohne Ostentation, ohne den leisesten Wunsch, hiesür auch nur die kleinste Anerkennung zu beanspruchen, waltet diese Priesterin der Liebe voll Zartsinn und Opferfreudigkeit, ein Musterbild vollendeter Edelherzigkeit. Vor wenigen Jahren ließ sie eine prachtvolle Synagoge in ihrer Heimat erbauen, und wer sich dortselbst zu Gott erhebt, geht nicht von dannen, ohne seinen stillen Segen der hochsinnigen Erbauerin zu zollen. Als Schreiber dieser Zeilen vor 6 Jahren den Manen ihres in Gott ruhenden Gatten, als den Gründer der genannten Predigerstiftung, ein religiöses Werk: „Israels Bekenntniß", gewidmet halte, nahm sie es mit warmer Dankbarkeit an und beehrte mich mit seltenem Vertrauen. Jüngst, als die ruffischen Glaubensgenossen so bitter heimgesucht wurden, öffnete sie Hand und Herz in übervollem Maße und fürstliche Gaben flössen dem Hilfscomitv zu. Damit noch nicht genug, ahnte ihr gütiges Herz, daß der Strom der Auswanderung der Unglücklichen meist nach überseeischen Ländern seinen Laus nehmen würde, und ohne jede Anregung, aus ihr selbst kam der Entschluß, mir zu diesen Zwecken eine größere Summe zu überweisen, die ich ihrer Bestimmung zuführe. Welchem Elend hiermit gesteuert wird, das vermag nur der zu ermessen, der, wie ich, umlagert ist täglich mehrere Stunden von Hilfesuchenden, von jammernden Greisen und wimmernden Säuglingen, von Männern und Frauen, die leider Niemanden afi> Gott im Himmel anrufen, um ein Obdach, um Kleider, Brod und ein Heim in der Zukunft. An diesem Bilde von echter Menschenliebe, lerne die Menschheit den Contrast erkennen zwischen der antisemitischen Beurtheilung und zwischen der Wahrheit der Gefühle eines jüdischen Herzens, lerne die Frauenwelt streben nach den Idealen echter Weiblichkeit, lerne das Judenthum sich aufrecht halten in der Hoffnung auf den Sieg der Liebe und Religiosität über Haß und gottlosen Frevel. Frau Cäcilie H ei n e - F u rt a d o ist keine Adelige — was man so nennt — keine Fürstin, keine Gräfin, keine Baronin, keine „Mn" — aber wo ist ein Mensch, der diesen Namen verdient, der ihr absprechen möchte den „h ö ch st e n Ade l", den sie ererbt hat von Ahnen, auf die wir stolz sind — ererbt? nein, Fürstenkronen lassen sich ererben — nicht aber die Liebe, sie ist der ureigene, sclbsterworbene, nie in Verlust gerathende höchste M e nschenadel, gegen welchen jeder Name, Rang, Ahnenstolz, Jichus, Reickthum verblaßt, und dessen Trägerin man ergriffenen Herzens zurufen muß des Spruchdichters Wort vom Biederweibe: „Viele sind der Töchter, die Macht und Ansehen erwerben, Du aber übertriffst sie Alle." Der lebende Vergani gegen den lobte» Studenten Fischer. Die Verurtheilung des Studenten Fischer und der darauf nachfolgende Selbstmord desselben veranlaßte das S z e p s'sche „Tagblatt" zu einer Besprechung des Beweismateriales, welches dem Richtercollegium als Basis zu seinem Urtheile diente. Es war mit Gewißheit vorauszusehen, daß der polnischitalienische Urteutone Bergan i, der dicke, tapfere Held, die Gelegenheit nicht versäumen würde, das über den Mediciner gefällte Urtheil mit Enthusiasmus zu begrüßen, als Schirmherr der Richter gegenüber der „Judenpresse" aufzutreten. Und so geschah es auch. V e r g a n i als Beschützer unseres hochverehrten Richterstandes! Wenn man bedenkt, wie dieses von Freund und Feind gleichmäßig gewürdigte Sujet Jedermann, dem sein ekles, wüstes, schamloses Treiben nicht gefällt, mit Koth besudelt, die edelsten, lautersten Charactere, die Zierden der Gesellschaft und des Staates, Männer von Weltruf mit seinem Geifer bespritzt, weil sie falsche Stampiglien u. dergl. Dinge nicht lieben, wenn man ferner bedenkt, daß dieses Blatt Ernst Schneider beschirmt, den Schätzer und Pfänder des kleinen Mannes beschützt und ähnlich beleumundete Individuen, wenn sie sich nur ausweisen könne», irgendwo einmal einen jüdischen armen Hausirer angespieen zu haben, mit seiner Freundschaft heimsucht, so wird man leicht zur Ueberzeugung gelangen, daß einer Einzelperson oder einem ganzen Stande keine größere Beleidigung widerfahren kann, als von Vergani beschützt zu werden. Und unser hochgeschätzter Richterstand muß sich das gefallen lassen? Aber Vergani ist eine „zaubergewaltige Erscheinung" und ein kühner Recke dazu. Sein Schwert dient nicht nur der Vertheidigung, er kann es auch zum Angriff führen — gegen Todte. Gar wuchtig sind die Hiebe, die er auf den