Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-26 · 25 (26.6.1891) · p. Seite 466

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
25 (26.6.1891)
Date
1891-06-26
Page
Seite 466 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020873--00496-3024487
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 466 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 25 vortreffliche Institutionen, von denen ste allerdings nur sehr wenige überlebten. Daß Ali, ihr Großadmiral, gegen den jugendlichen Helden Don Juan d'Austria die Seeschlacht von Lepanto verlor, war zwar ein harter Schlag für das große türkische Reich; doch machte sie diese Schlappe in kürzester Zeit wieder gut, indem sie es durchzusetzm verstand, daß andere Heerführer ihres Gatten die Insel Cypern einnahmen, die Moldau in einem siegreichen Feldzuge unterwarfen und Tunis dem spanischen Besitze entrissen. In den eroberten Ländern festigte ste hierauf die Herrschaft ihres Gemahles durch milde, Rechtsgefühl und Nächstenliebe bekundende Maßnahmen, wobei sie besonders die.in den unterworfenen Gebieten ansässigen Juden in weitgehender! Weise begünstigte und mit Huldbeweisen bedachte — ein Umstand,! der doch sicherlich dazu beiträgt, an ihre jüdische Abkunft zu glauben. Noch heute sind in der kaiserlichen Bibliothek und Handschriftensamm-; lung zu Constantinopel Erläffe aus jener Zeit aufbewahrt, die von! Kali Quartano veranlaßt und von dem Großvezier Sokolli unterfer-! tigt sind, der in denselben den gesammten Juden des türkischen Reiches i besondere Privilegien und Sonderrechte ertheilt. Mögen nun Fachgelehrte ihr Votum darüber abgeben, ob der schlichte Corinthenhändler in der That eine hochschätzbare Entdeckung gemacht hat oder blos nichtige Hirngespinnste verficht. Eines sieht fest: seine Beweisführung zeigt von tiefem, scharfem Verstände, sowie von einem gründlichen Studium der Geschichte seines Landes und wird daher allgemeinem Interesse begegnen. Ob übrigens anerkannt, ob verlacht — mir wird er immerdar lieb und werth bleiben, mein mit Corinthen handelnder, verbummelter „Rabbi"! _ Camillo Morgan. Die Christeuvrrfolgungen in China. Mit den letzten Postdampfern sind die ersten zuverlässigen Nachrichten über die Christenverfolgungen in Wuhu in San Francisco eingetroffen. Wuhu in eine Stadt mit einer Bevölkerung von 60.000 Chinesen und nur 40 Europäern. Schon seit langer Zeit war der Eintritt von Unruhen befürchtet worden. Der Unwille der Eingeborenen richtete sich in erster Reihe gegen die französischen Missionäre, welche innerhalb der englischen Ansiedelung eine prächtige Kathedrale und Waisenanstalt erbaut hatten. Die Sorgfalt, mit welcher die Patres die verlassenen chinesischen Kinder erzogen, gab zu dem Aberglauben Grund, baß sie aus den Augen der Kinder Medicin anfertigen wollten. Der Abergl««be der Chinesen -ege» die Christen stimmt genau überein mit dem Aberglanden der Christen gegen Die Juden. Agenten der Gehermgesellschasten schürten daS Feuer unter der Landbevölkerung und es wurden dem Pater Superior der Mission Drohbriefe des Inhalts -»gesandt, die Kinder auszuliefern, widrigenfalls das Missionsgebäude in Flammen auflodern würde. Der Taotai wurde über den Ernst der Lage aufgeklärt, ergriff jedoch keinerlei Maßnahmen und am 12. Mai versammelten sich etwa 10.000 Chinesen, welche die Mission in Brand setzten. Kaum hatten die wenigen französischen Priester, welche sich in ihr befanden, Zeit, sich zu flüchten. Die auswärtigen Bewohner traten hierauf zu einem Kriegsrath zusammen und Jeder von ihnen wurde mit Massen ausgerüstet. Es war leider kein Kriegsschiff in der Nähe und der englische Consul Colin Ford kam telegraphisch um die Entsendung eines Kanonenbootes ein. Die Lage wurde von Moment zu Moment ernster. Bon der Mission begab sich der Pöbel nach den Wohnhäusern der Europäer, welche gleichfalls geplündert und in Brand gesteckt wurden. Die Zollbeamten retten die Damen und Kinder der Europäer auf eine im Fluß verankerte Hulk, auf welcher sie keinen weiteren Belästigungen ausgesetzt wurden. Dann kam das britische Consulat an die Reihe, welcher geplündert, jedoch nicht verbrannt wurde. Der Mob suchte den englischen Consul und seine Gattin, um sie zu tödten, ohne jedoch seinen Zweck zu erreichen, da es Beiden gelungen war, in chinesischer Kleidung durch die Hinterthür des Hauses zu entfliehen. Ein fanatischer Chinese von Riesengröße führte die Anführer an. Als dieselben daS Zollhaus angrissen, leisteten die Beamten unter Leitung deS Herrn Parrie tapfere Gegenwehr. Zwei Tage und zwei Nächte standen sie unter Massen und verhinderten die Ermordung der Europäer. Um 3 Uhr Nachmittags drohte der Mob, das Zollhaus, und den Rest der europäischen Ansiedelung um 5 Uhr zu verbrennen, worauf der Toatai endlich einschritt. Er befahl allen friedliebenden Bürgern, nach Hause zu gehen, da er um 5 Uhr die Empörer angreifen lassen würde. Gleichzeitg ließ er auf dem „Damen" die Todtenflagge aufziehen. Trotz der Drohung zogen 10 000 Mann durch die Straßen und ergriffen die Zollhaus - Officiere an, worauf diese mit gefälltem Bajonnet vorgingen und viele Personen in der Menge verwundeten. Schon standen sie im Begriff, nachdem sie einige blinde Salven abgegeben, scharf zu feuern, als um 5 Uhr auf der See am Horizont Rauch bemerkt wurde. Es war eine chinesische Corvette, welche den Gouverneur von Rankin, Fu Tai, an Bord hatte. Auf einen blinden Schuß zerstoben die Eingeborenen sofort nach allen Richtungen und ein schwerer Regenguß, welcher in demselben Momente einsetzte, trug das Seinige zur Beendigung der Unruhen bei. Lesefrüchte. Hi« Audenfreund vor 200 Jahre«. Pius Reimar in Innsbruck schreibt darüber: „Des Herrn Friedrich von Lamberg im Jahre 1278 an die Juden in Steiermark, Kärnthen und Kram erlaffener Aufruf, die eventuellen Schulden seiner Verwandten bei ihm anzumelden, da er sie tilgen wollte, gab nämlich vierhundert Jahre später einem in den Familienschristen Lamberger wühlenden Forscher den Anlaß, seine judenfreundliche Gesinnung in glänzendstem Lichte zu zeigen. Eingeleitet wird die Erzählung des Falles mit der nachstehenden judenfreundlichen Bemerkung: „Viele vermeinen, es sei wenig daran gelegen, ob man einem Juden oder Ketzer mit Zurückzahlung des Geliehenen zuhalte oder nicht, es seien doch nur ungläubige Hund, welche dereinst dem höllischen Pluto geopfert werden, darum man einen solchen von der Kirche Entfremdeten weder Treu noch Glauben zu halten oder ihm einen Heller zu bezahlen verbunden sei, auch sich weniger denn nichts zu kümmern habe, ob derselbe wieder zu dem Seinigen gelange, oder nicht, dafern nur nicht etwa eine gerichtliche Unruhe oder sonst ein anderes großes Uebel daraus entstehe." „Aber wahre — ruft der Verfasser aus — und tugendergebene Christen lassen ihre Redlichkeit auch bei Denen, die außer der Kirche leben, blinken, um zu verhüthen, daß der Name Christi bei den Un- und Irrgläubigen nicht desto mehr verlästert werde und sich selbst hingegen einen guten Geruch der christlichen Religion zu geben und hierdurch wirklich zu bezeugen, daß die wahre Religion für sich selbsten Niemandem an seinem Recht oder Vermögen verkürze noch kränke." In der That eine so freisinnige Anschauung des confessionellen Verhältnisses, wie sie selbst in unseren „Tagen der Aufklärung" weitaus nicht zu allgemeinem Durchbruch zu kommen vermochte. „Ein solcher redlicher Christ — sagt anknüpfend an seine wahrhaft ethische Prämiffe der „Freigeist" des 17. Jahrhunderts — ein solch tugendhafter Ehrenmann muß gewesen sein Herr Friedrich von Lamberg sintemal derselbe, der vor 411 Jahren an Gut und Ehre geblühet, doch die Ehre seiner Familie und des christlichen Namens noch höher, als sein Gut geachtet. Wie solches hieraus hervorleuchtet, daß er im Jahre 1278 sich freiwillig und aus eigener Bewegung entschlossen, alle Forderungen so etwa die Hebräer in Steiermark (zu Marburg, Radkersburg, Judenburg), in Kärnthen (zu St. Veit) und in Krain (zu Leibach) an jemanden seiner Blutsfreunde oder deren Erben haben mögen, mit richtiger Bezahlung abzutödten (tilgen) und die Verschreibungen innerhalb gewisser Frist abzulösen." Die „Berufung" geschah in der Judenschule zu Marburg, und die Frist zur Anmeldung zu Forderungen war auf dreißig Tage nach steierischem Landrecht gesetzt, und die Juden gingen „von Haus zu Haus" fragen, ob Jemand solche Lamberg'sche Schuldbriefe habe, und — es fand sich Niemand. Am 22. des Monats Schebath im 5206. Jahr „nach der Welterschaffung" haben die „fünf Hebräer", „Urkund und briefliche Bekenntniß" ausgestellt, daß ihrer Keinem die Familie Lamberg etwas schuldig ist. Dieser Judenbrief, der sich im Lamberg'schen Archiv vorfand, lautet wörtlich, wie folgt: „Wir die undten besiegelten betheuern und thun kundt allen denen, die da lesen diesen Brief und die hören ihn lesen, daß ist komben der edle Friedrich Lamberger und begehrt zu berueffen, alhie in der Stadt Marburg in der Judenschul und also haben wir berueffen auf ein jeglichen Menschen es sey Mann oder Frau oder wer ist, der da hat Brieff-Geldt, Schuldt oder Pürgschafft auf ihm oder sein Ehen, da man von Potwien oder sein Ehe Wilhelmb Lamberger oder auf desselben Wilhelmb Lamberger dreh Söhne, die da sehn genannt Georg Lamberger, Balthasar Lamberger, Joachim Lamberger oder auf alle ihre Erben, es sey daß ihrer einer selbst schuldig oder Pürg ist für andere oder es sey, daß sie selbst schuldig sein oder Pürgen'sein für dieselben Leut Sigil oder Petschaft oder ob jemand Pürg ist für sie, sie sollen kommen dieselben Leut und sollen zeigen und zu wissen thun ihr Brieff undter dreissig Tagen als rechter Berueffung in den Land Steiermarkt und das alles will er lösen mit beraitem Geld, also ist kein Mensch nit komben und über das alles seyn vergangen die 30 Tag der Berueffung, die obgemelten und niemand komben ist, der das hette gezeigt, kein Geld-Schuldbrieff oder Pötschasft aus die Edlen Leut die vorbemeldeten oder auf alle ihre Erben, aber das alles seyndt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.