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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-06-26 · 25 (26.6.1891) · p. Seite 462

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
25 (26.6.1891)
Date
1891-06-26
Page
Seite 462 (sequence 12)
Language
German
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Seite 462 Hesterreichische Wochenschrift Nr. 25 natürlich noch mehr zu belachende Capriolen, um als weit vorgeschrittene Religionsunterschiede nicht machende Leute zu erscheinen und doch Juden eben wegen des Religionsunterschiedes vom Mitarbeiten am Wohle der Gesammtheit fernzuhalten. Erst kürzlich wurde ein Verein von (natürlich christlichen) Architekten begründet und dieser erfand die neueste Umschreibung indem Artikel4seines Statutes, welcher lautet: „Der Verein besteht aus einer unbegrenzten Anzahl Mitglieder, Rumänen oder „Fremde" (das Wort ströi'n bedeutet übrigens auch „Ausländer"), die im Lande geboren und erzogen und auf d e m förmlichen Wege sind, sich zu naturalisireu." Was man von dieser neuesten Fassung halten soll, ist schwer zu sagen. Das „förmliche" Naturalisirtseiu, zu welcher man „aus dem Wege sein" soll, kann nur die officielle Form, nämlich das Naturalisations- Patent oder -Document sein, welches nur von dem Parlament erhältlich, aber für einen Juden nicht erreichbar ist. Woran, sonst an dem Candidaten für die Mitgliedschaft am Vereine die auf dem Wege befindliche Naturalisirtheit zu erkennen sein soll — etwa durch ein Kreuzeszeichen auf der Stirne oder wie — ist in dem Statut nicht gesagt; demnach bleibt nichts übrig als die Annahme, daß Israeliten ausgeschlossrn sind und der Artikel müßte eigentlich lauten: „§ 4 Wasche mir den Pelz und mache mir ihn nicht naß", d. h. aus rumänisch : es werden Fremde (Christen) aber keine Juden ausgenommen. Damit hat man den Schein gerettet und den Verein vor den jüdischen Geldbeiträgen, die ohne Mitgliedschaft als Spenden bei uns in allen Umständen gern genommen werden, bewahrt. Wir Israeliten aber schließen Andersgläubige von unseren Vereinigungen nicht aus und erfinden keine Formeln dafür, um das Eine zu sagen und etwas Anderes zu meinen. Eine große Anzahl von israelitischen Vereinen, namentlich in der Donau-Hasenstadt B r a i l a bezeugt es, daß Christen nicht blos Mitglieder, sondern trotz ihrer numerisch nicht im richtigen Verhältnisse vertretenen Zahl auch Ausschüsse und was noch mehr, daß israelitische Vereine für fast alleinige Unterstützung von Christen vorhanden sind. Ja, es werden auch nicht israelitische Mitglieder creirt, ohne daß sie irgendwelche Opfer zu bringen brauchen. So z. B. ernannte der Verein ehemaliger (isr.) Soldaten, Section Jassy, den General Radowicz zum Ehrenmitglied. Dieser hat nun die Ernennung abgelehnt, und das ist offen, aber mindestens ehrlich, was man von den Verclausulirungen in den christlichen Vereinen nicht sagen kann. Aaris. In den soeben erschienenen Memoiren des Generals Marbot (Paris, Plon 1891) erzählt dieser General, der unter Napoleon I. commandirte, die Geschichte der Entstehung des Vermögens der Familie Rothschild. Seine Mittheilungen bestätigen und ergänzen das bereits Bekannte, erhalten aber gesteigertes Interesse, weil General Marbot selbst Zeuge der betreffenden Geschehnisse war. Er erzählt: „Als der Kurfürst von Hessen-Kassel nach England flüchten mußte, vertraute er sein ganzes Baarvermögen dem Frankfurter Banquier dritten Ranges Rothschild, deffen Ehrlichkeit ihm bekannt war, an. Er verlangte von ihm nur die einstige Rückerstattung des Kapitals, das 15 Millionen betrug, die Zinsen sollten ihm gehören als Entlohnung für seinen gefahrvollen Dienst. Nun wurde den Franzosen, die über den geringen Fund im Kasseler Schloß ergrimmt waren, hinterbracht, daß ein Frankfurter Jude kurz zuvor einen ganzen Tag bei dem Kurfürsten verbracht habe. Eine kaiserliche Kommiffion begab sich also sofort zu Rothschild, um nach Kriegsrecht die Kaffe mit Beschlag zu belegen. Aber man fand auch dort nichts. Drohungen, Versprechungen hatten keinen Erfolg. So wollte man denn den frommen Juden zwingen, einen Eid zn leisten, daß er nicht wisse, wo das Geld verborgen sei. Als Rothschild sich weigerte, zu schwören, wollte man ihm einsperren, was aber Napoleon selbst verbot. Hierauf schlug man ihm vor, die Hälfte des Schatzes an Frankreich abzuliefern, die andere Hälfte für sich zu behalten und dafür von der französischen Regierung ein Dokument anzunehmen, in dem diese erklärt, daß sie das Geld gewaltsam genommen habe. Alles vergeblich, Rothschild hielt sein Wort und lieferte das Geld bis auf den letzten Heller an den Kurfürsten aus als dieser im Jahre 1814 in sein Land zurückkehrte. So erwarb sich der kleine Banquier das Vertrauen der Höfe und den Grundstock seines späteren Vermögens." Wieviele unserer „arischen" Grandseigneurs, die im Bunde mit dem Straßenpöbel über „jüdische Unehrlichkeit" zetern, können sich eines gleichredlichen Ursprungs ihres Vermögens rühmen? London. Unter der Ueberschrist: „Was soll aus den vertriebenen Juden werden", veröffentlicht die „Times" heute einen Brief des „Vereins zur Unterstützung verfolgter Juden". Diese nichtjüdische Gesellschaft, welche Ihren Lesern aus meinen früheren Berichten auch unter dem Namen Syrien- Colonization-Fund" bekannt ist, bittet in diesem Brief um milde Gaben zur Unterstützung und Förderung ihres Zieles. „Wenige Länder," so heißt es u. A. in dem betreffenden Briefe, „gewähren der Frage der Aufnahme der Juden Entgegenkommen, aber dieselben dürfen sich in Palästina und der Türkei niederlassen, wo sie ihres Lebens sicher sind und wo für industrielle Unternehmen Platz und Spielraum genug ist. Unsere Gesellschaft hilft den Verbannten, eine neue Heimat zu suchen, So wurden z. B. vergangenen Monat 50 Seelen, Männer, Frauen und Kinder, unterstützt. In Palästina erziehen wir die Juden zur Betreibung einer Industrie in der Nähe Jerusalems und ermöglichen denselben, sich bei der Gründung von Colonien zu betheiligen, von welchen einige gegenwärtig gut reussiren. In jedem einzelnen Fache ist eine einmalige Gabe Alles, was nöthig ist, da jeder Jude, sobald er Erfolg hat, den unveränderlichen Sitten seiner Nation gemäß wieder Anderen hilft, so daß die Colonisten denjenigen ihrer Brüder, die nach ihnen kommen, oft eine helfende Hand entgegenstrecken." Der Brief erwähnt noch besonders lobenswerth der thätigen Mithilfe der englischen Juden aus allen Gebieten der Wohlthätigkeit und schließt mit einer Bitte zur Unterstützung. Moskau. Die Nachrichten aus Moskau und aus den anderen Städten des inneren Rußland lauten nach wie vor tiestraurig. Das unter Leitung des Herrn Advocaten Halber st adt stehende Hilfscomitö in Moskau entwickelte eine bewundenswerth rührige Thätigkeit, wird dieselbe aber aus Mangel an Mitteln einstellen müssen, denn die Leistungsfähigkeit unserer dortigen Glaubensgenossen, welche durch die Ausweisung resp. Auswanderung zahlreicher Wohlhabender und durch die geschäftliche Krisis noch mehr geschwächt wurde, ist nahezu erschöpft. Eine zweimalige Sammlung innerhalb der Gemeinde ergab ca. 25000 Rubel, welche aber jetzt schon fast ganz verausgabt sind, und dabei wachsen die Anforderugen an das Comito tagtäglich. Kann dasselbe den armen Ausgewiesenen nicht das Reisegeld gewähren, so werden die Bejammernswerthen gleich Verbrechern mit Verbrechern per Schub in ihren Heimatsort transportirt. Die grausen Schrecken dieses Transportes sind den Lesern aus früheren Mittheilungen bekannt: es ist das Grausigste, was man sich denken kann. Wahrlich die ausländischen Hilfscomites würden ein eminent wohlthätiges Werk thun, wenn sie dem Moskauer Cornito helfend an die Seite treten, und dasselbe in den Stand setzen würden, alle Ausgewiesenen wenigstens vor dem Jammer des Schub-Transportes zu bewahren. Jerusalem. Unter der Ueberschrist „Eine diplomatische Carriere im Orient" wird d er „Münchener Allgemeinen Zeitung" aus Jerusalem berichtet: „Zum Consul der Niederlande Hierselbst ist eine Persönlichkeit ernannt worden, die viel von sich reden macht. Cs ist der frühere Leibarzt des Sultans von Zanzibar, Dr. Gregory, der sich jetzt Dr. d'Arbella nennt. Nachdem er eine Zeitlang als Arzt der jüdischen Colonie in Jaffa fungirt hatte, übernahm er später die Lei-

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